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Der Israelit · 1875-03-24 · Heft 12 (24.3.1875) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 12 (24.3.1875)
Date
1875-03-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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259 Assimilation der Israeliten mit den übrigen LandeSbewohnern und ebenso die Emancipation beschleunigen. —: Das C.-Comitö erwartet hierüber weitere Mittheilungen. — Eine Correspondenz auS Bukarest wendet sich gegen die Ausführungen eines in der „Preffa", dem ofsiciösen Organ der rumänischen Regierung, enthaltenen Artikels, wonach die Lage der Israeliten in Rumänien, „wo die größte religiöse Toleranz herrscht", sich verbessert hätte, während zahlreiche und unleugbare Thatsachen das Gegentheil beweisen; den Beweis jener angeblichen Besserung findet daS genannte Journal in einer behaupteten Zunahme der jüdischen Einwanderung nach Rumänien, eine Behauptung, die absolut grundlos ist. Feuilleton. Vktti«samt. i. Welch sin Leben, Drängen und Treiben in der belebten Straße der volkreichen Stadt, in welche uns unsere Geschichte führt! Fußgänger und Wagen und Reiter in zahlloser Menge! Das stößt und wird gestoßen, drängt und wird gedrängt! Da ist eine Mutter mit großen und kleinen Kindern, die mühsam ihre Schaar beisammen hält, daß keins zu nahe komme den Rädern der von feurigen Rossen gezogenen Equipagen; da ist eine Nähterin, die hinüber muß an die andere Seite der Straße und es nicht wagt, zwischen den hin und her fahrenden Wagen hindurchzuschlüpfen; da ist ein Harthöriger, der den Zuruf eines hinter ihm herkommenden Kofferträgers nicht hört und sicherlich gestoßen würde, wenn der neben ihm gehende feine Herr ihn nicht packte mit kräftiger Faust und ihn zur Seite schöbe.; da ist ein Schullehrer vom Lande, der sich höflichst entschuldigt für jeden Stoß, den er unwillkürlich ertheilt, sich dabei verbeugt, auf's Neue die Herandrängenden stößt und sich wieder entschuldigt und sich wieder verneigt und wieder stößt und gestoßen wird! Welch ein Leben und Treiben! Und dennoch gibt es viele einsamen Menschen in der volkreichen Stadt, vereinsamt, wie sie es in der afrikanischen Wüste nicht mehr sein könnten! Am Fenster ihres Wohnzimmers steht Philipp ine Wagen er und fchapt auf das lebhafte Treiben, das drunten auf der Straße herrscht. Es fängt an zu dunkeln. Die Spaziergänger, die der schöne Frühlingstag in's Freie gelockt hatte, kehren zurück, Männer. Frauen und Kinder; sie finden zu Hause ein trauliches Heim. Die Arbeiter kommen aus den Fabriken, von den Bauplätzen; sie ruhen nun von des Tages schwerer Arbeit; die Fra« tritt dem Gatten grüßend entgegen, die Kinder springen jubelnd am Vater empor; man setzt sich an den Tisch zum einfachen, aber gemeinsamen Mahle. „Auch der Vogel findet sein Haus und die Schwalbe ihr Nest, wo sie ihre Jungen bergen — ich aber bin einsam, einsam!" So spricht Philippine und seufzt tief auf. Ja, sie ist allein, die arme Philippine, ganz allein; sie hat Niemanden, der sie liebt, die Bedauernswerthe! ES ist UNterdeß dunkel geworden. In dem großen, schönen Haufe gegenüber werden die Lichter angezündet in den Prachtzimmern des ersten Stockes. Eine Equipage nach der andern fährt vor; schön geputzte Herren und Damen steigen aus; bald wird es sehr lebhaft dort, und die Klänge einer rauschenden Musik schallen herüber. Es wird ein Ballfest gefeiert in dem großen, schönen, palastähnlichen Hause; Frohsinn und Jubel herrschen dort und fröhliches Gedränge. Ach, es ist Philippinens Vaterhaus, aus dem die Klänge der Musik herüberschallen, und der Festgeber ist Philippinens Bruder, und das Fest wird ihrer Schwester zu Ehren gegeben, die mit Mann und Kind auS B. zum Besuche bei dem Bruder eingetroffen. In ihrem Vaterhauje ist Philippine eine Fremde geworden, den eigenen Geschwistern ist sie entfremdet! Philippine sieht die Schatten an den weißen Vorhängen der Fenster, sie erkennt deutlich Bruder und Schwägerin, Schwester und Schwager, und ihre Thränen fließen. Diejenigen, die ihr so nahe stehen sollten durch die Bande des Bluts und der Verwandtschaft, sind ihr entfremdet, und sie hat Keinen auffErden, der sie liebt, Keinen! Ihre Eltern leben nicht mehr, und wenn sie noch lebten? Die Trennung von den Ihrigen vollzog sich schon lange vor dem Tode der Eltern. Wie das gekommen, das ist eine recht traurige Geschichte, die wir in Nachstehendem erzählen wollen. Philippine war in einem Dorfe geboren, wo ihr Vater ein großes Geschäft in Landesproducten hatte; auch die Großeltern wohnten dort und Philippine, die älteste Enkelin, hielt sich, wie das so zu geschehen pflegt, mehr bei den Großeltern als bei den Eltern auf. Da entschloß sich Herr Wagener in die große Stadt zu ziehen, um dort seinem Geschäfte eine größere Ausdehnung geben zu können. Den Großeltern Philippinens fiel die Trennung von dem einzigen Sohne und den Seinen sehr schwer, doch wollten sie ihm kein Hinderniß in den Weg legen; Philippine aber wollten sie bei sich behalten.

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