Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1875)
- Date
- 1875-03-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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254 und das auch mit vollem Recht; denn er war ein reiner, uneigennütziger und unbestechlicher Charakter. Ein csn , voll aufrichtiger, rmgeheuchelter Frömmigkeit und eine unerschöpfliche Quelle von unermeßlichem, talmudischem Wissen. Kopf und Herz standen bei ihm, wie es selten im Leben zu geschehen pflegt, in schönster Harmonie und beide waren gleich groß und dem heiligen Dienste der m-ay, rnin und cnon niP’EJ geweihet. Die von Natur so seltenen und herrlichen Gaben wurden durch ein gütiges Geschick und günstige Umstände unterstützt und zur schönsten Blüthe entfaltet, baß sie um sein unsterbliches Haupt einen ewig frischen, unverwelklichen Ehrenkranz auf eine beneidenswerthe Weise winden konnten. Als der Sohn einer hervorragenden berühmten Familie und eines ausgezeichneten Vaters, der Thora, neun und vereinigte, wurde er, wie die Matrikel in seinem Geburtsorte Brscsen in Galizien angibt, im Jahre 3810 geboren. Schon in frühester Jugend verrieth er seine künftige Bedeutung als Talmudist allerersten Ranges, und kam fast noch als Jüngling nach Lemberg", dem damaligen Hauptsitz hervorragender talmudischer Größen, um hier sich bald einen ausgezeichneten Platz durch eigene Thatkraft unter den jüdischen Gelehrten zu erobern. Sein riesiges Gedächtniß, verbunden mit eben so riesigem Fleiße, welcher von der Welt und ihrem Getriebe gar keine Notiz nahm, bewirkten in wenigen Jahren, daß er im "HG?nn □’ vollständig heimisch wurde und schon mit -0 Jahren als bedeutende Autorität galt. Sein Jugendwerk, dti das er im Vereine mit seinem verewigten berühmten Schwager, ]iwn W'i “ijnmy herausgab, erregte sehr gerechtfertigtes Aufsehen in der talmudischen Welt. Diesem Werke ging voran . nsnc nnwo i£D„ -nwnn", und die Werke ti wnn» »rw"f folgten und verriethen immer größere Gelehrsamkeit. So groß er als byi auch war, so hat er dennoch' später mehr den Weg der D'jwio ergvählt und die ganze Richtung seines Geistes mehr «lafopoB’?, nämlich zur Erforschung des unverfälschten jüdischen Gesetzes am'? zugewendet. Ein solches Verdienst konnte auch nicht unbelohnt bleiben, und die Gesammtgcmeinde Lemberg berief ihn vor 18 Jahren auf den hiesigen Rabbinersitz. Veranlassung dazu war nicht blos sein unangefochtenesimmenses Wissen, sondern auch seine anerkannte edle und friedfertige Gesinnung, der es zu danken ist, daß trotz der verschiedenartigsten Elemente bei der hiesigen Bevölkerung während der ganzen Zeit seines Rabbineramtes kein dauernder, ernstlicher Zwiespalt zum Vorschein kam. Er war Rabbiner aus Beruf, in liebenswürdiger Bescheidenheit und Selbstlosigkeit; denn er bezog fast gar keinen Gehalt von der Gemeinde und war frei von jeder Ehrsucht. Er lehrte und vertraute dem guten jüdischen Geiste, daß seine wohlgemeinten Entscheidungen die gebührende Würdigung finden werden, was auch immer geschah. Mit dem kühnen Muthe, den das edelste Selbstbewußtsein verleiht, äußerte er immer seine Meinung und trug, so weit es mit seinem Gewissen sich vereinigen konnte, der Zeit und dem Bedürfnisse des Jahrhunderts instinktmäßig Rechnung, wodurch er sich unbewußt den Stempel eines wahren pw ausdrückte. Humane Bestrebungen fanden in ihm den wärmsten Vertreter, und man konnte ihn oft trotz seines kranken Zustandes in eigener Person herumgehen und milde Spenden für Unglückliche einsammeln sehen. Noch während seiner letzten tödtlichen Krankheit interessirte er sich sehr lebhaft für die Gründung des zeitgemäßen Institutes der jüdischen Volksküche in Lemberg, an deren Entstehen und Gedeihen er wesentlich Antheil hat. Es war rührend zuzuhören, wie er sich danach sehnte, in der Volksküche persönlich erscheinen zu können, um unter den Armen zu speisen und dadurch den Beweis für die Wohl» thätigkeit dieses Institutes in echt jüdischem Sinne zu liefern; der Name m,-p nn^no stammt von ihm und bezeichnet die trefflichen Einfälle und blitzenden Gedanken, die er bei passenden Gelegenheiten immer zur rechten Zeit hatte. Wenn er auch dem geschäftigen Leben als ausschließlicher Gelehrter vollkommen fern stand, so traf sein großer Geist dennoch immer das Richtige und Passende in den vcrwickeltsten Verhältnissen. Kein Wunder also, daß die Trauer um ihn eine allgemein tiefe ist. Das Volk fühlte es in gerechter Würdigung seiner Größe, daß er schwer, wenn nicht gar unmöglich hier zu ersetzen sein wird, und hat dieser Gesinnung bei der Nachricht von seinem Hinscheiden am vergangenen Mittwoch Abends und bei seinem Leichenzug am vergangenen Donnerstag auf eine umfassende und rührende Weise Ausdruck gegeben. Mehr als 15,000 Leidtragende begleiteten die theuren Ueberrefte ihres hochverehrten Rabbiners in aufrichtigem Schmerze zur letzten Ruhestätte. Viele Gemeinden trauern und beweinen aufrichtig diesen unersetzlichen Verlust, und die schmerzliche Künde dieses Todesfalles drang mit Bsitzeseile in die fernsten Gegenden, wo sie überall die gleiche Theilnahme und Trauer weckte. Wir haben noch seines berühmtesten Werkes zu erwähnen, das mbaitr unter dem Namen d'boi twip enthält und in zwei Bänden *) von ihm selbst in den letzten Jahren seines *) Es sind deren vier, und zwar sind dieselben bereits in zweiter Auflage erschienen. — Red. des „Israelit".