Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1875)
- Date
- 1875-03-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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236 die Straßen, die Hauser, Himmel und Erde durcheinander gerüttelt. Ein endlos unentwirrbarer Chaos breitete sich vor meinen Augen aus. Und jemehr ich schaute, desto rätselhafter war mir das Ganze. Ich sah Leichen und Ströme von Blut und mußte wie toll hierüber lachen, — ich sah jubelnde, fröhliche Menschen und mußte hierüber weinen. Und in all' diesem Durcheinander, das mich betäubte, hörte ich immer und immer wieder die drohende Donnerstimme Gottes. Wahnsinn hatte mir den Geist umnachtet. WaS soll ich beginnen, um dieser Qualen ledig zu werden — was soll ich lassen? Hitze und Kälte, Schnee und Regen, Hunger und Durst, Mißhandlung und Verachtung, Alles, Alles Hab' ich ertragen, — sagt, was soll ich noch thun, um mein blutiges Verbrechen zu sühnen? Was Schlechteich an Euch gethan, verzeihet mir, Rabbi, — ich Hab'- bereut. Verziehen habe ich Dir in jener Stunde schon, sagte der Rabbi mit ernster Stimme, in der Du in der Judenstadt zu Prag vor meinem Fenster auf der Straße in Deinem Blute lägest, — geschlagen — mit Koth und Steinen beworfen von Deinen Glaubensgenossen. Verziehen habe ich Dir in jener Stunde, in der — Juoith — — Judith!-O! Rabbi, habt.Erbarmen, zerfleischet mir das Herz, — doch sagt es mir, wo weilet sie, die ich verrathen, — wo ist — Judith? Verziehen habe ich Dir in jener Stunde, in der Judith Dir großmüthig hat verziehen — und dann starb. Todt — todt — Judith tobt!! Gebrochen ist ihr Herz, das warm mir stets entgegenschlug, gebrochen ist ihr dunkles, glänzendes Auge, das früher mir in stolzem Liebesglück entgegenleuchtete. Auf ewig ist der Mund geschlossen, der mir so freundlich stets cntgegenlachelte. Im Grabe ruht dies Meisterwerk der Gottesschöpfung und ich — ich durfte sie nimmer schauen. Und als sie starb, Rabbi, hat sie mir geflucht ob meines Meineides? Sie hat gesegnet Dich in ihrer letzten Stunde. Und wenn Ihr Ephraim jemals wiederseht, so saget ihm, — ich bitte Euch darum — daß ich ihm verzeihe, daß ich ihn geliebt bis zu meinem letzten Athemzuge. Ja, sagt es ihm, Rabbi, damit auch er ruhig sterben kann. Dies waren ihre letzten Worte. Ruhig sterben!? Nein, ich kann es nicht. Ihr lieblich Angesicht, erbleicht im Tode, eS wird mich immer drohend stets umschweben. O! Jammer, Jammer, gebrochen ist ihr großes, edles Herz und ich, ich Elender, hab'S verschuldet. Leb' wohl, Du Welt, leb' wohl. Geschlossen ist die Rechnung. Den Kelch der Leiden Hab' ich getrunken bis zur Hefe. Nichts — nichts ist mehr darin! Halt ein, Unglücklicher. Sieh dort nach jener Richtung auf der Anhöhe, siehst Du die goldnen Zinnen im Sonnenlichte strahlen. Es ist die heilige Stadt. Geh dort nach jener Richtung hin, und Du wirst eine Ruine finden, die letzten Ueberreste einer heiligen Statte. Geh hin, es sind die Mauern Salomonis. Durch vierzig Tage find' Dich dort ein, wenn das Roth des jungen Tages sich zeiget, und verlasse diese Stätte, wenn die Engel der Nacht ihre Fittige über die Stadt breiten. Gott wird mit Deiner Reue, Deinen Leiden Mitleid haben und Dich aufnehmen zu sich als einen gebesserten Sünder. Zu spät, Rabbi, — zu spät, ich fühle das Hämmern in meinem Gehirne, helft mir, Erbarmen, Erbarmen, gebt mir die Hand, Rabbi, rettet mich vor dem Verderben. Der Wahnsinn packt mich mit seinen eisernen Krallen. Judith, ich komme zu Dir. Schaut, Rabbi, wie sie mir entgegenlächelt. Dort steht sie und ruft mir zu. Jetzt schwindet — erscheinet dort — jetzt dort — jetzt —- Ein gellender Schrei — und Rabbi Moses Hirsch befand sich allein auf der Höhe. Der Wahnsinnige war vom Felsen in die schauerliche Schlucht gestürzt — — — Er hatte sein Verbrechen gesühnt. Tieferschüttert stand der Rabbi am äußersten Rande des Felsens und schaute hinab, ob Rettung möglich sei, — doch nur Dunkel fand fein suchend Auge. Schellengeläute erweckte den Rabbi aus seinem Brüten. Eine Caravane von Kaufleuten nahte sich dem Platze, wo eben die Sckreckeusfcene vor sich gegangen. Sie begaben sich nach der heiligen Stadt. Der Rabbi schloß sich ihnen an.- Hier-« zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Setlog der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GoltSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).