Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1875)
- Date
- 1875-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447614--11372-2467154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
233 Frankreich. Paris. (Monatsbericht der „All. JSr. litt/) (Die Israeliten von Persien.) H. Fischet Hirsch aus Halberstadt, den das C.-Comitb bei seiner neulich unternommenen Geschäftsreise nach Persien gebeten hatte, 2 oder 3 israelitische Jünglinge von dort mitzubringen, schreibt, daß eS ihm nicht möglich gewesen, mit seinem Vorhaben in Persien zum Ziele zu gelangen, trotzdem habe er es nicht unterlassen, über die dortigen Zustände Angaben zu sammeln, die er dem C.-Comitä übersendet. Die persische Regierung ist sehr schwach und oft ohnmächtig; der Hauptgrund für die schreckliche Lage der dortigen Juden liegt in einer gewissen Judensteuer, die den traurigsten Einfluß auf die iSrael. Bevölkerung auSübt und sich leider auf einen Ausspruch des Koran stützt; sie gilt nur für die Juden allein, nicht für die anderen Unterthanen des Landes, und wurde neulich, nachdem sie eine Zeit lang herabgesetzt war, wieder erhöht und erschwert. Dennoch liegt die Härte dieser und anderer Steuern weniger darin, daß sie an sich etwas Erniedrigendes haben, als in der Art und Weise, wie sie eingezogen werden. Die Regierung zieht sie nicht selbst ein, sondern verpachtet sie an einen Muselmann oder Armenier, die sich die größten Willkürlichkeiten und schrecklichsten Erpressungen erlauben. So kommt z. B. eines Tages ein Gouverneur Namens Musa nach einem Orte, läßt die Vorsteher der israel. Gemeinde zusammenrufen und schätzt sie zu einer erdrückenden Steuer ab, indem er zu ihnen sagt: „Ihr habt einst meinen Namensvetter Moses sehr gequält, ich will ihn jetzt rächen." Gegen dergleichen Bedrückungen gibt es keinen Recurs, jede Klage würde für ihren Urheber die grausamsten Verfolgungen nach sich ziehen. In einer Stadt ist in Folge solcher Erpressungen ein Israelit für seine Gemeinde klagbar geworden und mußte dafür die Pfahlstrafe und die schrecklichste Verstümmelung erleiden. — Ein anderer Grund für die durch die Judensteuer erzeugte Demoralisation ist der, daß die ganze Gemeinde für die Bezahlung der Steuer solidarisch verpflichtet und dadurch eine Veränderung des Wohnorts oder eine Auswanderung unmöglich gemacht ist, da die Gemeinde keines ihrer Mitglieder fortziehen läßt. Hierzu kommen noch Bedrückungen anderer Art. In Schiraz darf ein Israelit in Gegenwart eines Mohamedaners den Kopf nicht aufrecht hal, ten; selbst in seinem eigenen Laden muß der Jude sich niedriger, als der Mohamedaner, stellen oder setzen. Ein Mohamedaner, auf dessen Feld eine jüdische Wittwe mit ihren 2 Söhnen Aehren las, hatte die beiden Kinder getödtet und erschien auf Beranlasiung des englischen Confuls, der ihn deshalb verklagt hatte, vor Gericht, indem er verächtlich die 24 TomanS, den Blutpreis für 2 ermordete Juden, hinwarf, und als der Conful den Prozeß fortsetzen wollte, waren es die Juden, die aus Furcht vor Verfolgungen ihn daran zu hindern suchten. DaS Hauptziel, nach welchem jeder Versuch zur Besserung der Lage der persischen Israeliten zu streben hat, muß die Abschaffung der Judensteuer sei», deren Pächter zugleich Richter und Partei in einer Person sind, Blutegel, die den Betrag der von der Regierung decretirten Steuer um 100 Procent steigem. Erst die Beseitigung dieser Plage wird den Gemeinden ein gewisses Selbstgefühl wiedergeben und den Boden zur geistigen Hebung dieser unglücklichen Bevölkerung vorzubereiten gestatten. . Ich schließe mit einigen statistischen Notizen: Benderbessur enthält 70 jüdische Familien und 2 Synagogen; die Israeliten sind hier nicht unvermögend; Einige sind Goldscymiede, Destillateure oder Kaufleute. Auf der Straße von hier nach Schiraz passirt man: Basangon, eine Stadt von 33 jüd. Familien^ die gleichfalls mit Existenzmitteln versehen und unter denen auch einige Goldarbeiter sind; der Rabbiner dieser Gegend heißt Mula Gabriel. Schiraz zählt 300 jüd. Familien, die V Synagogen und 2 Schochtim haben. Der Naffi von Schiraz, Mula Eljahou, ist derjenige, der die oben genannte Pfahlstrafe erlitten hat. Auch hier gibt es unter den Juden viele Goldarbeiter und außerdem Musiker, Tänzer, Lastträger, Maurer und Taglöhner. Bon Schiraz nach Jspahan kommt man durch einen von 10 jüdischen Familien bewohnten Ort. Jspahan hat 300 jüdische Familien, die größtentheils die niedrigsten Arbeiten verrichten; ihr Chacham heißt Mula Jehuda. Kasch an mit 60—70 jüd. Familien, die sich auf dieselbe Weise wie die Juden von Jspahan ernähren müssen; ihr Vorsteher ist Rabbi Mula Aron. Jezd hat eine.jüdische Bevölkerung von 200 Familien, die unterdrückteste in ganz Persien. Die Weiber machen hier Tapisserie-Arbeiten. Auf der Straße von hier nach Teheran liegen folgende Ortschaften : Salmasse mit 40, Armil mit 150(Rabbi: Sichem Faune) und Ham ad an mit 150 jüdischen Familien. Das C.-Comitv dankt Herrn Fischel Hirsch für die Mittheilung dieser nützlichen Angaben. (Schluß folgt.)