Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1875)
- Date
- 1875-03-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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211 Willen derselben leben müsse. Die Auffassung dieses Willens ist durch die Unterscheidung einer guten und einer bösen Macht im Principe schon fixirt. Darin lag eigentlich, wenn auch nicht klar und deutlich, schon ausgesprochen, daß der Mensch sich dem Guten zuwenden müsse und vom Bösen sich entferne, damit ihm die böse Macht nichts anhaben, und die gute ihm ihren ungeschwächten Schutz gewähren könne. Diese Auffassung war aber immerhin mehr realer, egoistischer Natur. Das körperliche Wohlergehen war der Mittelpunkt dieser ganzen Auffassungsweise. Auf dieser Stufe blieb das ganze Alterthum stehen mit Ausnahme des jüdischen Volkes, das die geistige Vervollkommnung als höchstes Ziel des Menschen auffaßte. Darin ist der Hauptgrund der merkwürdigen Erscheinung zu suchen, daß die alten Völker Asiens und Afrikas, welche eine so große Rolle spielten und eine für die damalige Zeit großartige Culturstufe einnahmen, in ihrer Entwickelung stehen geblieben und viele derselben schließlich theilweise ' in sich selbst zerfielen, theils eine Beute der Eroberer geworden sind, denn es ging ihnen das höhere sittliche Streben ab; Die Seele fehlte dem Körper und — auch Kolosse können derselben nicht entrathen, wenn sie nicht zur Rolle eines Kindes oder noch tiefer herabgedrückt werden sollen. Mit der Verbannung des jüdischen Volkes und mit dessen Transferirung nach dem Abendlande durch die römischen Legionen hat auch für lange Zeit, ja bis auf die heutige, die Wiege des Menschengeschlechts und der Cultur aufgehört von irgend welcher besonderen Bedeutung für die Entwickelung der Menschheit zu sein. Tiefer Schlaf, oder vielmehr tiefe Erstarrung legte sich mit bleiernem Gewichte auf jene fernen Länder des Ostens. Das Abendland übernahm dessen Aufgabe. Durch die zwei vom Judenthum ausgehenden Religionen, durch das Christenthum und den Muhamedanismus, fand eine gegen heidnische Anschauungsweise jedenfalls bedeutend reinere und höhere Gottesanschauung größere Verbreitung. Und in Verbindung damit war auch wieder der Entwickelung ein neuer Anstoß gegeben. Langsam zwar, aber doch fast ohne Unterbrechung ging diese Entwickelung vor sich. Die Aufgabe des Menschen wurde immer höher verlegt, und immer größere Anforderungen wurden an den Menschen gestellt. Verfeinerung der Sitten, geistigeres Streben, humanere Denkweise, Ausbildung der Rechtspflege, des Rechtsgefühls und Rechtsbewußtseins, welche schließlich in den Hauptsatz zusammengefaßt wurden: Gleichheit Aller ohne Unterschied, das sind die Resultate dieser höheren Auffassung, wie sie heute Gemeingut aller gebildeten Nationen geworden, oder doch sich aus dem heutigen Cultukkampfe mit nothwendiger Gewißheit ergeben müssen. Heute dringt das Bewußtsein, daß der Menfchengeist das Beste und Höchste anstreben muß, also die eigene höhere Werthschätzung, immer tiefer in alle Schichten ein, und Licht in das noch Dunkle zu bringen, Aufklärung über die Räthsel des Menschenseins und der Weltentstehung zu erhalten, ist der allgemeine Ruf unserer Zeit. Aber nicht Alle verstehen diesen Ruf, die mit in denselben einstimmen; nicht Alle haben dieses Bedürfniß nach Licht, dieser reinen Himmelskraft; nickt Alle wissen, was für ein Licht das sein soll. Sie stimmen mit ein in diesen Ruf, weil sie sehen, daß die großen Geister unseres Jahrhunderts nach immer mehr Licht verlangen, damit die Wahrheit dadurch gefunden werden soll. Man hat heute die Vernunft in ihre Rechte eingesetzt, damit endlich einmal die Wahrheit, nachdem die Menschheit so lange im Finstern herumtappte, einziehe in unsere Brust und das reine Licht der Erkenntniß uns leuchte, damit endlich einmal der Mensch bestimmt wisse, was er soll, um dann nach dieser Richtung hin seine ganze Kraft einsetzen zu können. Man will zur Gewißheit kommen, ob ein höheres Wesen über uns waltet, dem wir Gehorsam schulden, nach dessen Willen wir unsere Denk- und Handlungsweise einzurichten haben, oder ob wir bloß einem Naturgesetze folgen und uns entwickeln nach dem Maße unserer Vernunft, die uns als höchsten Menschenzweck Vervollkommnung, Vermehrung unseres Wissens vorschreibt. Auch die Vernunft weise uns auf das Erhabene und Große als das zu erstrebende Ziel hin. Aber bei dieser Frage fällt die ewige Ungewißheit über unfern Zweck, sehr schwer in's Gewicht. Ein Abschluß unserer geistigen Vervollkommnung ist da nie abzusehen. Die Vernunft kann uns keine Auskunft hierüber geben. Die materialistische, welche heute die vorwiegende Richtung ist, hat sich aber für die zweite Annahme entschieden und läugnet ein höheres Wesen vollständig, als mit der Vernunft unvereinbar. Da aber eine Gewißheit für diese Annahme ebenso wenig möglich ist, so bleibt die Frage, zu welchem Zwecke wir uns vervollkommnen sollen, immer unbeantwortet und, wenn es auch als Naturtrieb bezeichnet wird, immer zwecklos, da sich diese Vervollkommnung kein bestimmtes Ziel stecken kann und, so zu sagen, nur nach blindem Eingeben seiner Natur, sich nach irgend einem beliebigen Punkt hin richtet. Eine solche Vervollkommnung ohne eigentliche Aufgabe und ohne bestimmten Zweck, wäre' ewig unklar und somit auch unwahr. Wenn man nun heute im Kreise der Juden auch unsere Gottesidee auf diese moderne Weise