Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1875)
- Date
- 1875-03-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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210 Lar, als daß der Mensch den Schöpsungszweck, also den Willen des Schöpfers erfülle. Auf welche Weise das möglich wird, und wie er die Gewißheit erlangt, daß er diesen Willen verstanden und das Richtige getroffen hat und thut, das lehren ihn Vernunft und Gewissen. Das Gewissen ist die strengste und wahrste Richter!» all' unserer Gedanken und Handlungen, mehr als die Vernunft. Wir können sicher sein, wenn Vernunft und Gewissen etwas gut heißen, daß es auch so ist; wenn aber das Gewissen nicht damit übereinstimmt, dies nicht der Fall ist. Was Gewissen ist, kann man wohl am besten damit erklären, daß es die edle Regierung unseres seelischen Bewußtseins ist, das keine Täuschung zuläßt, noch auch gut heißt; es ist der Spiegel unserer reinen Seele, die sich auch dann noch uns erkennbar zeigt, wenn wir selbst Handlungen begangen, die unserer unwürdig sind und das edle Bild des Menschen schon befleckt haben. Es ist sehr merkwürdig und unsere Behauptung bestätigend, daß, fe edler und besser ein Mensch, er auch um so gewissenhafter ist, wie wir es bezeichnen, und daß diese Erscheinung weder vom Wissen, noch von Bildung abhängt, demnach mit der Vernunft, die nur durch Kenntnisse erweitert und ausgebildet wird, nichts zu schaffen hat. Warum sollen wir da laugnen wollen, wie es die Philosophie thut, welche nur der Vernunft ein Recht einräumt, da doch laut und deutlich das Gewissen spricht? Warum es als Schwäche, Gefühlsschwäche erklären, da es oft stärker, als die Vernunft ist und wir, wenn wir feiner besseren Stimme gegen unsere Vernunft, die uns anders räth, folgen, eine glückliche Zufriedenheit, ein tiefes frohes Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, in uns empstnden? Was ist denn Vernunft, daß wir so fest und unbedingt ihr allein vertrauen sollen? Ist sie fa im höchsten Grade fehlbar; läßt sa sie gerade uns Unwahres vom Wahren oft nicht unterscheiden. Auffallend ist auch, daß trotz der uns so manche Freiheit gestattenden Behauptung, daß wir nur der Vernunft zu gehorchen haben,' und der großen Schmeichelei, die darin für unser Selbstbewußtsein und unsere Selbstschätzung liegt, dennoch so Wenige ausschließlichen Gebrauch davon machen und, wir möchten sagen, aus innerer Scheu davor zurückschrecken, weil sie sich sagen, daß es denn doch nicht so ausgemacht fest stehe, daß wir nicht auch ein Gewissen besitzen. Sollen nun, wo es sich um die allgemeinen Wahrheiten handelt, nur einzelne Philosophen Recht haben und die Millionen Menschen nicht auch kompetent sein? Welches sind denn die positiven Resultate der Vernunft, daß sie so kühn auf ihr ausschließliches Recht pochen darf? Mit bewundernswerthem Scharfsinne werden Systeme aufgebaut bis zur schwindelnden Höhe; doch ein einziger Gedanke wirft oft das ganze Gebäude um. Vor lauter Idealen hat man die reale Welt vergessen und sich darüber hinweggesetzt. Darum ist es nicht zu verwundern, wenn man heute, im Zeitalter der praktischen Vernunft, diese ideale Welt vollständig aufgibt und nur dem Realen Beachtung schenkt. Wie das gewöhnlich bei solchen Uebergängen zu geschehen pflegt,' geht man bis zum Extrem und gibt heute die Gottesidee auf, will nichts mehr wissen von einem unsichtbaren, allmächtigen Wesen. Sollte nun nicht der Mensch selbst beide Richtungen widerlegen, uns zeigen, was in beiden falsch ist? Weder auf das Ideale, noch auf das Reale allein ist der Mensch hingewiesen, sondern auf das Seiende, Materielle sein Körper, auf das Ideale, Höhere sein Geist. Und einzig ist er in dieser Beziehung unter allen Geschöpfen. Keines von allen hat ein weiteres Bedürfniß, etwas Besseres sein zu wollen; keines von allen strebt nach Höherem, als nach Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Nur der Mensch hat das Bestreben nach geistiger Vervollkommnung, mehr als nach körperlicher. Warum greifen wir, um uns Aufklärung zu holen, um Wahrheit zu erforschen, über unsere "Welt der Erscheinungen hinaus? Warum suchen wir sie nicht im Kreise des Menschen selbst, wo sie am nächsten und wahrscheinlichsten zu finden? Suchen wir das Räthselhafte des Menschenlebens zu lösen und vor Allem lesen wir aufmerksam und verständnißinnig in dem Buche der Menschengeschichte, die uns offen vorliegt. Greifen wir zurück auf die Kindheit des Menschengeschlechtes und merken auf die ersten natürlichen und wenn auch kindlichen, so doch gerade deßhalb oft richtigen und wahren Regungen und Gefühlsäußerungen. Vorherrschend ist da noch die Gefühlswelt, wie beim Kinde, das noch wenig denkt und weiß, und nur den äußeren Eindrücken sich hingibt, aber voll und wahr sich hingebt und voll und wahr empfindet und diese Empfindung auch äußert. In den Anfängen der Geschichte 'treffen wir schon bei fast allen Völkern die Gottesidee; sie scheint so alt, wie das Menschengeschlecht zu sein. Dieser Gottesbegriff war weniger ein Ausfluß der reinen Vernunft' und der tiefen Forschung, als vielmehr die Folge des innigen und engen Zusammenlebens mit der Natur. Man sah das Leben in der Natur nach bestimmten Gesetzen und betrachtete diese Gesetze als von dem großen Geiste ausgehend, der in oder über der Natur lebte. Auch der Menschen Geschick dachte man sich in die Hand dieser höheren Macht gelegt; darum die nothwendige Schlußfolgerung,'daß der Mensch nach dem