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Der Israelit · 1875-03-10 · Heft 10 (10.3.1875) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 10 (10.3.1875)
Date
1875-03-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XVI. Jahrgang. Erste Beilage zu Ar. 10 -es Israelit. Leitender Artikel. Die Idee -es Menthums. Von Dr. H. Sänger. DI. Wenn man einmal zugesteht, daß Ein Gott ist und diesen Gottesbegriff so hoch stellt, dann müssen wir uns doch auch klar zu machen suchen, was denn unsere Vernunft so sehr daran befriedigt und was uns denn in demselben gegenüber den Anschauungen der übrigen und besonders der heidnischen Welt so sehr anspricht. Welche Vorstellung drängt sich uns denn mit dem jüdischen Gottesbegriff auf? Die Antwort auf all diese Fragen ist klar: Darin besteht die Reinheit und Erhabenheit der jüdischen Gottesidee, daß sie der Schöpfung einen Schöpfer, Leiter und Erhalter obenanstellt. Ein Plan herrscht in seiner Schöpfung; gleichen Gesetzen sind alle einzelnen Wesen darin unterworfen; nach gleichen Gesetzen entstehen, wachsen und vergehen sie. Zweck und Ziel ist dem Menschen angewiesen: sich zu entwickeln und auszubilden, resp. sich zu vervollkommnen. Etwas Besseres und Richtigeres wird kein philosophisches System aufstellen können. Nach der jüdischen Gottesanschauung herrscht eben ein Plan in der Schöpfung, nach welchem Plane alle Wesen und vor Allen der Mensch sich zu richten haben. Wie wird nun das Verhältniß des Schöpfers zu seiner Schöpfung auszufassen und welches wird vernunftgemäß das wahre sein? Gott hat die Welt geschaffen, um mit ihr einen Zweck zu erreichen. Es ist anzunehmen, daß die Schöpfung im Allgemeinen als etwas verstandloses, diesen Zweck nicht erfüllen kann, sondern dasjenige Wesen, welches darin vermöge seiner Vernunft das vollkommenste ist. Man kann dann nur annehmen, daß dasselbe in der Schöpfung und durch dieselbe diesen Zweck erreichen soll und nur durch sie auch erreichen kann. Ferner muß man annehmen, daß dieser Zweck ihm auch klar sein muß da es sonst ihn nicht erfüllen könnte. Es ist aber unstreitig wahr, daß unsere Vernunft uns sagt, wir erreichen diesen Zweck nur dadurch, daß wir uns immer weiter entwickeln, ausbilden, vervollkommnen. Wo das Ziel liegt, ist und wird uns nie klar werden, und alle Speeulation, die sich nicht innerhalb der Grenzen des Seienden bewegt, die hinausgreift über das für unsere Vernunft Erfaß- und Erreichbare ist zweck- und ziellos und wird nie zu einem praktischen wirklichen Resultate gelangen. Das ist auch mit ein Grund, warum die Philosophie im Großen und Ganzen so wenig bestimmte und sichere Resultate erzielte und von der Wahrheit, dem von ihr eigentlich anzustrebenden Ziele, oft so weit abirrte, ja, ihre Untersuchungen mehr nebensächlichen Dingen widmete und häufig in sophistische Spielereien und Spitzfindigkeiten ausartete, so daß man sich manchmal erstaunt fragen muß: Und das heißt Philosophie?! — Wie die Vervollkommnung, welche wir als eigentlichen Menschenzweck hingestellt haben, beschaffen sein muß, darüber klärt uns unsere Vernunft auf, indem sie uns sagt, daß es etwas gibt, was wir gut nennen und etwas, was wir bös nennen. Das eine führt uns zur Vollkommenheit, das andere zum Gegentheil. Der Unterschied zwischen gut und bös, der sich uns überall in der Schöpfung aufdrängt und fast ohne Ausnahme von allen Menschen gemacht worden ist, begründet erst eine Vervollkommnung, denn ohne diesen Unterschied wäre eine solche, wie sich das Jedem sofort aufdrängen wird, nicht möglich und auch nicht denkbar. Die Vernunft sagt uns ferner, daß diese Vervollkommnung darin gipfele, daß wir das Wesen begreifen lernen, welches die Vollkommenheit selbst ist. Daher müssen wir, so viel uns das möglich ist, ihm näher zu kommen suchen, damit wir es begreifen lernen. Wenn Gott den Menschen bestimmt hat, daß er den Schöpfungszweck erfülle, dann muß zwischen dem Schöpfer und dem Menschen ein Bindeglied existiren; der Schöpfer muß mit dem Menschen in Berührung bleiben und der Mensch sich in Verbindung setzen mit feinem Schöpfer. Es entsteht dadurch das Verhältniß der tvcns nnwn, der Vorsehung, das von Vielen, wenn auch mit Unrecht, geläugnet wird, - indem sonst der Zweck des Menschen nicht erfüllt werden, ja gar nicht die Rede davon sein könnte. Und ohne Zweck uns die Schöpfung zu denken, das verstößt, trotz der gegentheiligen Behauptung gewisser Philosophen und der modernen Weltanschauung, gegen die Vernunft. Dieses Bindemittel nun ist nicht anders denk-

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