Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1875)
- Date
- 1875-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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208 sie die Verwaltung ohne Zögern auf und lehnte das Anerbieten eines der Kinder, 50 Dollars jedes Jahr zur Unterstützung der Eltern zu zahlen, ab. Der Vorstand fühlte, daß, wenn ein solch unnatürlicher Vorschlag angenommen werden würde, es entwürdigend für die Gemeinde sei, unwürdige Kinder zu veranlassen, die Pflicht der Sorge für ihre alten Eltern der Oeffentlichkeit zu übertragen und dann ihr Gewissen zu beschwichtigen, wenn sie eine gewisse Summe zu ihrer Unterstützung bezahlen. Feuilleton. Schal- «ad Söhnt. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinsky. 13. Die Vereinigung. Gar festlich strahlen die Lichter auf dem mit weißen Linnen bedeckten Tische im Hause des Rabbi Moses Hirsch. Emsig sind die beiden Jungfrauen beschäftigt, damit Alles bereit und in gehöriger Ordnung sei, wenn der Rabbi aus dem Bethaüse heimkehrte. Und nicht lange hatten sie zu warten — so trat er in das festlich geschmückte Zimmer ein. Beide Mädchen eilten ihm entgegen und begrüßten ihn, wie es sich gebührte. Nicht so stürmisch, Kinder, vergesset nicht, was sich gegen Gäste schickt. Gegen Gäste? Wie meinst Du dies, Väterchen, wir haben doch heute keinen Gast? Wohl — wohl haben wir einen Gast, seht nur nach der Tbüre — dort wartet ein Gast — getraut sich nicht einzutreten, da er erst Eures Willkomms harrt. Die Mädchen erblickten nunmehr einen jungen Mann, der an der Thüre stand. Tretet ein, Herr, sagte Esther, der Gast unseres Vaters ist auch uns willkommen. Ich danke Euch, holde Jungfrau, sagte Rafael, doch wie eS scheint , Eure Schwester ist nicht derselben Meinung, sie begrüßt mich nicht, — und bei diesen Worten wendet er sein Antlitz nach jener Richtung hin, in der Rachel bisher schweigend gestanden. Sie erhebt ihren Kopf, will einige Worte der Entschuldigung sprechen — doch plötzlich klammert sie sich krampfhaft an die Lehne eines Stuhles an und mit vor Entsetzen bebender Stimme ruft sie: Die Todten stehen aus ihren Gräbern auf! Da breitet Rafael seine Arme aus und preßt Rachel an seine Brust. Ja, Du Rose von Zion, — ja, Du, meine Rose, — die Todten stehen aus ihren Gräbern auf. Ja, ich bin gekommen, um Dich heimzuholen, — um die Kluft auszufüllen, die uns getrennt. Die Kluft!-sagte Rachel. Sie ist ausgefüllt, sagte der Rabbi fröhlich. Genug hast Du Deinem Herzen Zwang auferlegt. Du darfst ihn jetzt lieben, denn — er ist Jude. Abermals sind mehrere Monate vergangen. So festlich wie am Vorabende des Neujahrsfestes ist auch heute das Haus des Rabbi geschmückt und dies nicht ohne Grund. Der Rabbi Moses Hirsch hat heute zwei glückliche Paare vereinigt durch den Segen der Ehe. Das eine Paar war Rafael Ledron und Rachel — das andere Esther und ein Neffe des Rabbi. Sie waren glücklich. Und doch wurde dieses Glück einigermaßen getrübt, wenn man derjenigen gedachte, die doch hier hätten sein sollen und es nicht waren. Und jetzt, meine Kinder, sagte der Rabbi, jetzt will auch ich Euch eine Mittheilung machen, die Euch vielleicht nicht sehr erfreuen wird. Diese Stunde habe ich herbeigesehnt. Euch Beide lasse ich in sicherer Hut zurück —%nb ich erfülle endlich den Wunsch meines Herzens. Auf heiliger Erde will ich sterben.— Erez Ji-roel soll meinen Körper decken. — Weinet nicht, Kinder, einmal — einmal müssen wir ja denn doch scheiden, — UM so leichter soll eS Euch daher werden, da ich ja doch noch unter den Lebenden weile. Sterben will ich in jenem Lande, in dem einst unsere Vorväter gewohnt. Nur wenige Tage werden wir noch bei einander sein und dann — verlasse ich Euch, Kinder, — verlasse Prag, ziehe weit fort — nach Jerusalem. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. Z. GottSledrn'S Buchdruäerri (Mainzer Anzeiger).