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Der Israelit · 1875-03-03 · Heft 9 (3.3.1875) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 9 (3.3.1875)
Date
1875-03-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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182 demselben Jrrthum unterworfen waren, wie wir es heule noch sind, keinen berechtigten Anspruch auf ewige, unumstößliche Wahrheit, auf ewige Gesetzeskraft habe, ja, daß wir uns ein Armuthszeugniß ausstellen würden, wenn wir uns gerade in dem Punkte, wo es sich um Wahrheit und Vernunft handelt, unter Vormundschaft stellen ließen. Darum folge man der Vernunft, die jedenfalls den unstreitigen Vorzug hat, daß sie die Erfahrung von Jahrtausenden zu Rathe ziehen, daß sie durch die moderne Wissenschaft geläutert und bereichert, und, darauf gestützt, nach Wahrheit forschen kann, ohne sich binden zu lassen durch Normen und Ge- . brauche und ohne sich weiter mit blindem Glauben und Vertrauen abgeben zu müssen. Das sei, behauptet man, die einzig wahre, die einzig würdige Religion unseres Jahrhunderts. Deshalb glaube man, gestützt auf die Vernunft, heute zwar auch an den Einen Gott, wie ihn das Judenthum lehrt, aber nicht an die jüdische Religion, resp. an das jüdische Gesetz. Man stimme zwar ein in viele Gesetze der jüdischen Religion, weil man nach gutem Gewissen und vermöge der Vernunft sich sägen könne, daß sie der großen Idee vollkommen entspreche und nach unserem Ermessen ewige Wahrheiten in sich schließe. Aber ganz und gar ohne Bedeutung sei der Umstand, daß dieselbe« niedergeschrieben seien. Einen bei weitem größeren Theil der sogen, jüdischen Gesetze müsse man für unsere moderne Anschauungsweise für vollständig unpassend und werthloS erklären und wir könnten unmöglich unser Judenthum und unsere Ueberzeugung von denselben abhängen und bestimmen lassen. Diese Anschauung scheint Vieles für sich zu haben und der nüchternen Vernunft vollkommen zu entsprechen. Und doch leidet dieselbe an etwas sehr Wesentlichem. Sie hat eine sehr schwache Seite, mit der sich eben die jüd Idee -niemals befreunden konnte und es auch heute noch nicht kann. Diese schwache Seite nämlich besteht darin, daß bei dieser Anschauung das Verhältnis der Schöpfung zum Schöpfer nicht klar und bestimmt ausgesprochen ist, über Zweck, Ziel und Aufgabe des Menschen keine Klarheit herrscht und daß man sich, wir möchten sagen, gewissermaßen sch eut, trotz der hochgepriesenen Vernunft, sich recht klar darüber zu werden. Und doch sollte es vor Allem darum zu thun sein, über und Mit uns selbst im Reinen zu sein, offen und ehrlich vor Allem den Muth zu haben, die Wahrheit über uns selbst rückhaltlos einzugestehen. Daß das nur bei sehr, sehr Wenigen der Fall ist, daß die große Mehrheit sich theils wissentlich, theils ohne ihr Wissen selbst täuscht, das ist die bedauerlichste und verderblichste Schwäche, an der die Menschheit leidet. Greife einmal Jeder mit muthiger Hand in sein Inneres und frage sich ganz unverholen: ob er denn wisse, was das Höchste und Wahrste für ihn sei, ob er es wisse, und, wenn er es weiß, ob er es wolle — und habe dann den Muth, sich unverblümt die Wahrheit zu sagen! Wer, der daraus sich ergebenden Consequenzen halber von vornherein nicht wagt, sich diese Fragen zu stellen; wer vor der Antwort, die er sich selbst geben müßte, sich fürchtet, der muß dann auch schweigen und hat nicht das Recht, von de» Forderungen der Neuzeit zu reden, sollte vor Allem vor sich selbst erröthen, daß er mit bloßen Phrasen um sich werfe, auch wenn eine große Menge sie für baare Münzen annehmen sollte. Denn, schimpflich ist es, Andere zu täuschen; schimpflicher aber und bis zum Unrecht thöricht, sich selbst belügen zu wollen. (Fortsetzung folgt.) Z eititirgsnachrrchten & Correspondenzen. O e st e rr. - U ngar. Monarchie. Wien, 17. Februar. Die neuerlich etwas verworrenen Beziehungen des Religions-Unterrichtes zu unserem öffentlichen Schulwesen sind abermals (Anfangs Februar) durch eine Ministerial- Verordnung geregelt, aber nicht geordnet worden. Man sagt, ein Abgeordneter sei als Fürsprecher für das israelitische Bekenntniß aufgetreten und habe das Herz des Ministers wenigstens insoweit gerührt, daß derselbe feierlich erklären ließ, die israelitischen Privat-Religionslehrer Wiens seien vertrauungswürdige Leute und ihre Noten sollen ohneweiters Aufnahme in das öffentliche Zengniß finden. Aber etwas bedeuten dürfen sie doch nicht; denn sie werden (kraft Verordnung vom Juli 1874) in die allgemeine Classification nicht eingerechnet. — Von den Religionsnoten der Protestanten ist weiters nicht die Rede; die haben nicht einmal das prekäre Recht, auf dem Zeugnisse zu „erscheinen". Dafür ist nachdrücklich betont worden, daß der katholischen Religionsnote jedenfalls das Vorrecht unverkümmert bleibe, auf die -allgemeine Classification und Location Einfluß zu nehmen, und daß den Lehrkörpern das Klügeln über Gleichberechtigung nicht zustehe. E u g l a n d. London. Zu den vielen wissenschaftlichen Vereinen Englands hat sich ein neuer gesellt: die

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