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Der Israelit · 1875-03-03 · Heft 9 (3.3.1875) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 9 (3.3.1875)
Date
1875-03-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XYI. Jahrgang. Erste Anlage;« Ar. 9 des Israelit. Leitender Artikel. Pie Idee des Zadeathams. Von Dr, H. Sänger. II. Indem wir zur Beantwortung der ersten uns gestellten Frage schreiten, räumen wir ein, daß eine bloße Idee Werth, sogar großen Werth haben kann. Die Erkenntniß der Einheit Gottes ist ohne Zweifel ein ganz bedeutender Fortschritt auf dem Gebiete des Erkennens, und ganz besonders ist es diese Idee, weil, wie uns wohl anzunehmen gestattet sein wird, hiermit die oberste Wahrheit gefunden, ist. Ebenso ist die bloße Idee, d. h. die Vorstellung von gut und bös rc., an sich schon von großem Werth. Denn sobald ich zwischen diesen Gegensätzen unterscheide, kann ich mit Bewußtsein das Gute anstreben. Verhalte ich mich aber passiv, thue weder das Eine noch das Andere, trotz des erkannten Unterschiedes, so hat dieses Erkennen gar keinen wesentlichen Werth, außer den sehr zweifelhaften, daß ich mein Wissen und Erkennen bereichert habe. Wir müssen uns nun fragen:. Ob es nicht Ideen gibt, die in sich schon die Verwirklichung enthalten; ob nicht, z. B., das richtige Erkennen und Unterscheiden zwischen Recht und Unrecht genügt? Wenn wir auch zugestanden haben, daß ein bloßes Erkennen Werth hat, so müssen wir denselben doch auf ein gewisses Maaß beschränken, und das Erkennen nur insofern von wesentlicher Bedeutung erklären, als es die nothwendige Basis bildet zur eigentlichen Berwerthung der Idee. Denn eineibloße Idee, die nicht verwerthet und verwirklicht werden kann, oder mit anderen Worten, die von gar keinem Einflüsse auf uns ist, ist keine Idee, sondern Phantasterei. Da dieses eine unbestreitbare Wahrheit ist, fo wird man zugestehen müssen, daß eine Idee in irgend welcher Beziehung zu uns oder zu irgend Etwas in der Welt des Seienden stehen muß und wird vielleicht behaupten, daß eben aus dem Erkennen des Wahren der Einfluß auf uns sich ergibt, da wir dann das erkannte Wahre selbstredend anstreben und üben werden, resp. müssen. Daß nun der Gottesbegriff vom allergrößten Einfluß auf uns ist, liegt außer allem Zweifel. Worin besteht aber dieser Einfluß? Was liegt der GotteSidee zu Grunde? Wir müssen danach fragen, weil von dieser Idee Alles abhängt: unser Zweck, unsere Aufgabe, unser Ziel. Das wird man doch unmöglich als einzigen Werth dieser Idee hinstellen, daß ich eben weiß, daß ein Gott ist. ohne irgend welche Consequenz daran zu knüpfen? Denn dann hätte ich einen sehr relativen Gewinn, au Bereicherung meines Wissens, das mich im Grunde genommen nicht klüger, nicht weiser und auch nickt besser machen würde. Mit dem Einheitsbegriffe verbindet sich aber sofort der Begriff der Schöpfung der Welt als Product des Einen Gottes. Aber selbst dann noch hat. diese erweiterte Erkenntniß, wenn ich nicht alle sich daraus ergebenden Konsequenzen ziehe, immer noch keinen wesentlichen, immer nur relativen Werth und ist immer nur Bereicherung meines Erkennen- und Wissens, welche in Wirklichkeit für mich noch nicht fruchtbringend sind. Man geht nun heute einestheils einen Schritt weiter und gibt zu. daß wir gewisse Pflichten gegen Gott haben, die aber aus unserem Innern heraus, aus unserer Vernunft erwachsen. Derartige Pflichten seien, je den Zeiten und Verhältnissen und dem jeweiligen Culturzustande der Menschen entsprechend, schon früher aufgestellt und niedergefchrieben worden, seien aber keineswegs «maßgebend für uns; wir brauchten uns nicht stricte daran zu halten, da es ja möglich wäre, daß wir nach unserem erweiterten Erkennen und bereicherten Wissen und nach unserer entwickelteren Vernunft, höhere Anforderungen stellten, andere und höhere Pflichten uns auferlegten. Wenn wir nun heute ein derartiges Religionsbuch, wie es unsere Vorfahren gethan, aufstellen wollten und dessen Inhalt, weil unserer Anschauung entsprechend, weil wir ihn für unumstößlich wahr'haltend, für alle künftigen Geschlechter bindend erklären würden: unsere Nachkommen könnten mit demselben Fug und Recht, wie wir heute gegen unsere Vorfahren einwenden, gegen uns den Einwand erheben: „Wer gab Euch das Recht, weil nach Eurer Anschauung es nur so und nicht anders sein soll, für alle Zeiten bindende Gesetze zu decretiren? Habt Ihr Unfehlbarkeit, daß nur Ihr Wahrheit und Recht für die von Euch aufgestellten Gesetze beanspruchen dürft?" Und deßhalb sagt man heute, daß das geschriebene Gesetz, das ja doch nur Menschen entstamme, die

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