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Der Israelit · 1875-03-03 · Heft 9 (3.3.1875) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 9 (3.3.1875)
Date
1875-03-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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180 Ich bin-ein Jude! Und wie dies gekommen, ich will eS Euch mittheilcn. Ich hatte meine weltlichen Angelegenheiten geordnet. Meine Aerzte gaben mir nur wenige Stunden noch zu leben. Die Wunde wollte sich nicht schließen, und ich — starb. Ihr starbt 7! Ich starb. Man hatte mich nach meinem letzten Willen nur einen Tag lang aufgebahrt. Dann wurde ich unter Glockengeläute und Grabessang in die Gruft meiner Ahnen getragen.. Der letzte Graf v»n Ledron ruht bei feinen Ahnen, — hatte der Haushofmeister feierlich gerufen. Und Alles verließ die Gruft und kehrte zu den Lebenden zurück — nur ich, ich blieb bei den Todten, und dennoch war es nur ein Scheintod, der meinen Körper erstarren machte. Ich hatte sie Alle gesehen, da ich aufgebahrt im Sterbezimmer lag — ich sah die vielen brennenden Lichter — ich vernahm die Stimmen und konnte mich nicht rühren, konnte kein Zeichen geben, daß ich noch lebte. Verzeiht Rabbi, wenn ich einen Augenblick inne halte — doch die Erinnerung an diese Stunden — sie ist noch heute schrecklich. Mein alter Gottfried, der langjährige Diener meiner Familie, er konnte sich von meiner Leiche nicht trennen — und weinte und betete — und betete und weinte. Es mochten etwa vier bis fünf Stunden verstrichen sein, daß ich begraben war — da fühlte ich, wie der Alp, der zentnerschwer auf mir geruht hatte, sich allmählich löste. Ich konnte meine Augen ösinen — ich konnte mich bewegen. Ich lebte, lebte und war doch ärger als todt, ich war lebendig begraben — ich war dem schrecklichsten Tod verfallen, der nur erdacht werden konnte. Da plötzlich wie aus Himmelshöhen kamen mir die Worte in's Gedächrniß, die Rachel zu mir gesprochen. Ich sah sie vor mir stehen, sah ihre glühenden Wangen, ihre strahlenden Augen — hörte sie sprechen, vom Glauben ihrer Väter — vom Glauben, der beglückt, der zufrieden macht, vom reinen Glauben des In en! Und sondcibar, je länger ich mir diese Scene « vergegenwärtigte, desto mehr kam mir auch der! Gedanke mich zu retten, und es gelang.! Ich begann zu klopfen — immer stärker — immer stärker, bis mich endlich mein alter Gottfried hörte, der noch immer an meinem Sarge betete. Er öffnete den Sarg und befreite mich audieser grausen Umhüllung. Niemand erfuhr von meiner Befreiung — niemand weiß es auch bts heute, daß ich noch am Leben bin, außer Gottfried. Ich beauftragte den Diener, mir das Nöthiae zu besorgen, waS ich zu einer längeren Reffe brauchte, und dann geduldig zu warten, bis ich wieder zurückkommen würde. Und Nachts kam Gottfried wieder zu mir, versah mich mit Allem, waS ich gewünscht, und geleitete mich zu einer nahen Herberge. Dort verbrachte ich mehrere Wochen — unerkannt. Meine Wunde war in Folge des Starrkrampfes vernarbt — und ich ganz und voll dem Leben wiedergegeben. Und als ich gekräftigt war, verließ ich Prag und begab mich zu einem weisen, frommen Mann, dem Rabbi EliaS Seeligmann. — Dort blieb ich, bis vor wenigen Wochen — dort lernte ich Las Judenthum, das wahre, echte Judenthum kennen, ohne Falsch — ohne Heuchelei — dort wurde mir ein so reicher Schatz des Wissens, der über alle Zweifel erhaben war — erschlossen, daß ich den alten Rabbi kniefällig bat, mich aufznnehmen — mich zu belehren, mich zu unterweisen, damit ich wahr und wahrhaftig, mit Leib und Seele — ein Jude sei. Und als ich eS geworden und als ich zum erstenmale als Jude im Bcthause mich einfand, da jubelte es in mir — da jauchzte und frohlockte mein Herz und ich betete mit einer Andacht, mit einer Inbrunst, wie sie nicht tiefer sein kann. Und so seht Ihr mich vor Euch ictzt stehen — und noch einmal bitte ich Euch — laßt mich Rachel noch heute sehen. Und noch einmal, entgegnete der Rabbi, gebe ich zur Antwort Euch: Ich selbst will Euch in mein Haus führen — ich selbst will Eure Hand in die ihrigen legen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Vera-'twortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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