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Der Israelit · 1875-03-03 · Heft 9 (3.3.1875) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 9 (3.3.1875)
Date
1875-03-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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175 - „Philosophie des Unbewußten" bewundern, der trotz seines entsetzlichen Weltschmerzes, seiner unsagbar trostlosen Lebensphilosophie und seines Schopenhauer-Cultus für die erhabenen Lehren und die vielfachen Lichtseiten Israels einen freien und unbefangenen Blick sich bewahrt hat. Die Stellung Eduard von Hartmann's zum Judenthum tritt uns am Klarsten in einem Werke entgegnen, das vor Kurzem erschienen ist und bereits große Sensation erregt hat — es betitelt sich : „Die Selbstzersetzung des Christenthums und die Religion der Zukunft" (2. Aust. Carl Dunckers Verlag in Berlin). Es ist hier nicht meine Aufgabe, die Grundgedanken dieser geistreichen Schrift zu entwickeln, nur so viel sei hier hervorgehoben, daß Hartmann ebenso wie D. Fr. Strauß in seinem „alten und neuen Glauben" den Beweis führt, daß das Christenthum heutzutage auf keine Weise mehr haltbar ist, und daß eine neue Religion auf vernunftgemäßer Grundlage kommen muß — wann freilich die rechte Zeit sei, um den Feuerbrand unter die Stoppeln zu werfen und das Feld zur Erndte der künftigen Jahre vorzubereiten, das zu bestimmen überläßt der Autor einer höheren Macht, welche die Geschicke der Menschheit leitet. Mit wahrhaft hinreißender Kraft einer genialen Dialektik bringt Hartmann klar und scharf den Gedanken zum Ausdruck, daß die Zersetzung des ChristenthumS die nothwendige Confequenz der modernen Bildung fei. In seinem Vernichtüngskampfe gegen das positive Christenthums betont er es besonders nachdrücklich, daß die Vorstellung von der Messianität des Stifters der christlichen Religion und seinem Erlösungstod für das Bewußtsein der Gegenwart ganz unerträglich geworden sei, da nach derselben die jüdische Gesetzesgerechtigkeit vor Gott, die Maaß für Maaß richtet und straft, zu existiren. aufgehört hat, nachdem die irdischen Lebensbedingungen der Verschuldung aufgehört haben; wie soll man eine göttliche Gerechtigkeit verstehen, die mehr von dem Menschen fordert, als er seiner Natur nach zu leisten fähig ist? Muß man nicht den Glauben an einen Gott perhorresciren, der alle Geschlechter für die Schuld eines Individuums straft, und muß man nicht vor einem Richter befremdet stehen, welcher statt des Schuldigen einen unschuldigen Stellvertreter an'S Kreuz schlägt und sich der Annahme dieser Stellvertretung noch als Gnade rühmt? „Wir lächeln — ruft Herr v. Hartmann aus — über den inneren Widerspruch des Gedankens, daß ein wahrer Gott für uns gestorben und empfinden die Vergöttlichung jenes Mannes als eine ästhetische Zerstörung der erschütternden Tragödie des seine Lehren mit dem Tode besiegelnden Propheten!" Höchst interessant sind die Aussprüche des Verfassers über die Persönlichkeit des Stifters der christlichen Kirche; derselbe war, nach Herrn von Hartmann, ein Jude vonKopf bis zurZehe; seine Bildung war eine national-jüdische, und niemals hatte ihn — abgesehen von den Einflüssen des jüdischen Essäerthums — irgend eine fremdartige Cultur angehaucht. „Er lebte und starb in „dem Anschauungskreise seiner Zeit und seines „Volkes und theilte den nationalen Verheißungs- „glauben desselben." Er blieb also durchaus in den Vorgefundenen Bahnen des religiösen Bewußtseins seines Volkes, „wie er denn auch die Unantast- „barkeit des mosaischen Gesetzes auf's Entschiedenste „betonte"... Ich sehe schon, wie den Judenfeinden hüben und drüben die Haare zu Berge stehen, wenn sie hören, wie der geistvollste und genialste Forscher auf philosophischem Gebiete über den — T almud urtheilt! Der Talmud — sagt er nämlich —mit seinen liberalen und humanen Ideen war damals in Gestalt mündlicher Ueberlieferung in seinen wichtigsten Abschnitten schon ziemlich abgeschlosten. Ire Lehre des Stifters des Khristenthnms enthalt nichts, als was er ans der tatmndifchen Bildung feiner Seit «verkommen hatte, felvst feine Gleichnisse find znm Fheit ans dem Ualmnd entlehnt — die kleineren Vergleiche auch wohl aus dem volksthümlichen Sprüchwörterschatz. . . Wer erinnert sich hierbei nicht an das bekannte Wort Lefsings, daß das Gute des Evangeliums nicht neu sei, und an einen ähnlichen Ausspruch Moses Mendelsohns? — Mit scharfen Worten geißelt Hartmann die Versuche mancher christlicher Theologen, die in dem Gründer des ChristenthumS „nicht einen palästinensischen Juden unter TiberiuS," sondern einen — anticipirten Protestanten-Vereialer unserer „höchst aufgeklärten" Zeit erblicken wollen, mit Recht nennt er auch diese Austastung eine Carrikatur der Geschichte! Mit aufrichnger Freude haben wir die folgenden Sätze des Autors <S. 48) gelesen: „daß der Stifter der christlichen Confessionen nicht an sich als präexistente göttliche Persönlichkeit, nicht als sündenreines ethisches Unbild geglaubt hat, versteht sich; ebenso sicher aber ist es, daß er nicht au sich als Verkünder einer neuen religiösen Lehre, nicht als Stifter einer neuen Religion geglaubt hat. „Er würde nicht „wenig erstaunt und ungläubig gewesen sein, „wenn Jemand ihm geweissagt hatte, daß an seine „religiöse Wirksamkeit sich die Entstehung einer „neuen Religion knüpfen werde, wetche ihre Mutter, das Indenthnm, mit dem Vittersten Kaß und Avfchen Verfolgen wird. Das sind goldene Worte, die in allen christ-

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