Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1875)
- Date
- 1875-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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174 politische und sociale Gleichberechtigung hat die gütige Vorsehung bewirkt — heutzutage wird auch von den erbittertsten Gegnern unserer Nation ich rede hier selbstverständlich nur von den Gebildeten und Gerechturtheilenden — die weltgeschichtliche Mission Israels: nämlich die Einheit Gottes, des Ewigen, Allmächtigen und Unerforschlichen, allen Völkern zu verkünden, damit die Erkenntniß Gottes den Erdkreis erfülle, wie die Gewässer das Meer bedecken, anerkannt und hierdurch eingeräumt, daß das Judenthum seine Sendung noch nicht erfüllt, sondern für die Zukunft noch seine glorreiche Aufgabe zu lösen haben wird. Ich will diese hocherfreuliche Wahrnehmung durch eine sehr merkwürdige Thatsache illustriren, die den geschätzten Lesern sicherlich von Interesse sein wird.' Wer sich mit dem Studium der neueren deutschen Philosophie befaßt hat, der wird es schon oft überaus schmerzlich empfunden haben, daß unsere größten Denker, wie z. B. Kant, Fichte, Schelling u. a. m., einen Haß gegen Juden und Judenthum zur Schau tragen, der auf die Ergebnisse der Untersuchungen dieser „Wahrheits- Forscher ein ganz eigenthümltches Licht zu werfen geeignet ist. Aus Selbstachtung und mit Rücksicht auf unseren Leserkreis unterlasse ich es, die unqualistcirbaren Ausfälle dieser Philosophen hier anzuführen und bemerke nur, daß die neueren Judenfresser, wie der gewesene Kreuzzeitungsredaeteur, Geheimerath Wagener, Professor Rohling in seinem berüchtigten Pamphlet „Der Talmudjude" und noch verschiedene andere derartige Hamanne, aus den gehässigen Randglossen dieser Heroen des deutschen Geistes manche publizistische Dornenkronen geflochten haben, die sie dem Judenthum um das Haupt zu legen bestrebt waren; aber keiner der christlichen Denker kann sich in Bezug auf Rischus mit jenem Manne vergleichen, dessen Philosophie in der Gegenwart wohl die meisten Anhänger zählt, mit Arthur Schopenhauer, dem Begründer des s. g. „Pessimismus", d. h. jener Lehre des trübseligen Weltschmerzes, wonach unsere vom vollkommensten, allmächtigen Wesen erschaffene Welt nicht — wie e8 die Bibel lehrt — die beste, sondern die schlechteste aller möglichen Welten wäre, und wonach ein Jenseits, ein Auferstehen nach dem Tode u. s. w. nur leere Träume wären, da nach dem Tode der Mensch in das Schattenreich des Nichts, der „Nirwana", wie er es nennt, aufgehe, und das Ende alles Lebens und Bestehens, aller Ideale, Tugenden und Hoffnungen eben nichts anderes wäre, als das Nichts, das Chaos, die Nacht und das Vergessen! Es ist sehr leicht erklärlich, daß der düstere Frankfurter Grübler nampn «»mm, die von dem Allem das Gegentheil lehrt, und die Juden, die in Folge ihres Gottesbewußtseins und der Hoffnung auf ein besseres Jenseits, wo unser Lohn und Strafe aus der Hand des Herrn der Heer* schaaren harret, durchweg optimistisch gesinnt sind, mit leinen giftigen und flegelhaften Ausdrücken besudelt; ebenso natürlich ist es auch, daß seine zahllosen Nachtreter aus dem Katheder, in der Schule und der Presse den Meister auch im Punkte des Judenhasses gleichzukommen, wenn nicht gar zu überbieten trachten, und daß auch hier das Wort Friedrich Bodenstedt'S sich bewahrheitet : WaS du Großes gedacht, wird dem großen Haufen Auf ewia unverständlich bleiben, Doch dre Schrullen, die mitunter gelaufen, Sieht man schon überall Wurzel IreHen. . . Angesichts der hier erläuterten Umstände muß eS, wie wir in der Einleitung zu diesem Artikel bereits bemerkt haben, als ein wahrer nwn ffnp betrachtet werden, daß der jetzt lebende größte Philosoph Deutschlands und, man kann wohl sagen, der Gegenwart im Allgemeinen, Eduard von Hartmänn, die irrigen und maliciösen Ansichten seines Meisters in Bezug auf das Judenthum gewissermaßen zu verbessern und den Juden wegen der ihnen von Seiten Schvpenhauers angethanenen Unbilden gleichsam Satisfaction zu geben versucht. Ich setze voraus, daß dem verehrten Lesepublicum des „Israelit" der Name: Eduard von Hartmann gewiß bekannt sein wird. Dieser noch junge Philosoph ist der Fortsetzer der Schopenhauer'schen Philosophie und hat innerhalb weniger Jahre mehrere Schriften — wir nennen hier bloS u. A. „Philosophie des Unbewußten", „das Ding an sich und seine Beschaffenheit", „Ueber die dialektische Methode", „Schellings positive Philosophie" ic. — veröffentlicht, die eine ganze Umwälzung des philosophischen Denkens hervorgerufen und eine ziemlich umfangreiche Literatur pro und contra geschaffen haben. Unser am Sinai geoffenbartes Gesetz ist zwar auf solch' fester Grundlage aufgerichtet, daß der Kampfgeschrei der christlichen Schriftsteller demselben ebensowenig schaden kann, wie früher bei Verfolgungen der christlichen Fürsten und Völker, auch kann der heutige Jude mit gerechtfertigtem Stolze von sich sagen: Ich kann leben ohne Schelling und Hegel. Selbst ohne den Philosophen vom Pregel, Auch Schopenhauer, den geistvollen Flegel — aber trotz alledem und alledem darf man das so bedeutsame Votum eines Mannes, wie Eduard von Hartmann, nicht zu gering anschlagen, man muß vielmehr den Gerechtigkeitssinn des Verfassers der