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Der Israelit · 1875-02-24 · Heft 8 (24.2.1875) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 8 (24.2.1875)
Date
1875-02-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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160 mir ein Glas recht frisches, kaltes Wasser, ich fühle so ungewöhnlich stürmische- Herzklopfen. Und Du — Du willst allein bleiben? Thörin, bin ich denn ein kleines Kind? Geh, meine Rachel, sei ohne Sörzen und laß mich nur getrost allein — Ephraim wird nicht kommen, um mich mittlerweile abznholen. Judith lehnte sich zum Fenster hinaus, um die Straße besser übersehen zu sehen. Bald werde ich wieder bei Dir sein, Judith, sagte Rachel und verließ das Gemach. Rachel kehrte mit der Erfrischung zurück und wollte eben zur Thüre eintreten, da ertönte ein schrecklicher, markdurchdriugender Schrei durch'- ganze HauS. Erschrocken eilten Rachel und Esther herbei, auch der Rabbi Moses Hirsch verließ sein Arbeitszimmer und war hastig in das Gemach der Kranken eingeireten. Judith lag auf der Erde und zeigte sprachlos mit dem Ausdrucke des größten Entsetzens nach dem Fenster. Und während Rachel und Esther bemüht waren, Judith auf ihr Lager zu bringen, eilte der , Rabbi zum Fenster, um dort die Ursache von In- \ diths Schrecken ru erforschen.! Und wahrlich — ein Bild bot sich ihm auf! der Straße unten dar. wie es für Judith wohl j nicht hatte schrecklicher sein können. j Ein Schreien und ein Lärmen in allen Tonarten schlug an des Rabbi Ohr. Seht den Poschea Jisrael, seht den Kopher, eS ist der Verfluchte, — es ist Ephraim Manasse. j Steinigt ihn, steinigt ihn, doch rührt ihn nicht j an, denn er ist verflucht. Und er, dem diese Worte,! diese Ausrufe galten, er lief gleich einem gehetzten! Wilde immer voraus — immer voraus und hintenj nach die Menge. : Zerrissen — zerlumpt waren die Kleider, wirr! hingen die struppigen Haare ihm in's Gesicht, wild! rollten seine Augen, im Kreise umher spähend, und! Rettung suchend, wahrend Blut aus mehreren Wunj den stoß und sich mit dem Kothe auf der Straße j vermengte. Ist denn nirgend Rettung — kann ich denn! nirgend Ruhe finden! schrie Ephraim verzweifelnd.! Ist denn kein Fleckchen im großen All, das nicht; Erde ist! Denn Erde darf es nicht sein, worauf ich wandte — auch sie. die Erde, haßt mich — sie - weiß, daß ich ein Mörder bin, — auch sie, die Erde, stößt mich zurück, will mich nicht aufnehmen in ihren Schooß und ewig und ewig, — solange der Erdball kreist — ewig soll ich leben °— immer wandern — niemals ruhen, und hinter mir die Stimme Gottes, die beständig ruft: Kain —Kaiw — was soll das Blut auf deinen Händen!? Getroffen von Steinwürfen, sank Ephraim bewußtlos unter dem Fenster des Rabbi zusammen. Haltet ein, rief der Rabbi dem Volke zu, genug ift's, nicht mehr weiter. Gott hat ihm verziehen. Ach nehme den Flnch von ihm, — er hat genug gebüßt. Drinnen in der Stube lag regungslos auf ihrem Lager Judith. Ich sehe den Himmel geöffnet, rief sie plötzlich mit verklärtem Antlitze, ich sehe den Höchsten, Einzigen, den Weltengebieter im Strahlenglanze, — ich sehe meine Mutter, ich sehe meinen Vater. — Rabbi, kommt zu mir, verzeiht dem Unglücklichen, der unten auf der Straße liegt, — in senem Blute — verzeiht ihm, er hat genug gelitten, und wenn Ihr mit ihm sprechen solltet, so saget ihm, daß ich ihn immer geliebt habe, - treu und innig bis — zum Sterben. Lebt wohl, Rabbi, — lebt wohl, Schwestern, — Nacht wird es vor meinen Augen. — es ist die Nacht, die ewigem Lichte vorangeht. Lebt wohl! Da erhob sich der Rabbi und sprach laut und feierlich in hebräischer Sprache: Höre, Israel, der Ewige, unset Gott, der Ewige ist einzig! — Als er geendet, war Judith hinübergeschlummert zu einem andern Dasein. Rachel, ffagte der Rabbi mit zitternder Stimme, gehe hin und schließe Deiner Schwester die Äugen. Sie ist heimgegangen zu Gott und wird uns dort eine Fürsprecherin sein. Rachel — an der Leiche der uus Allen theuer Gewesenen — an dieser Leiche gelobe eS mir, den Gram, der auch Dein junges Leben zu zerstören droht, zu beseitigen. Rabbi, verlangt Alles von mir, gern und freudig will ich es thun, doch verlangt nicht, daß ich ihn, ihn, den meine Hand in den Tod geschickt, — daß ich ihn vergessen soll, — und schluchzend barg sie ihr Antlitz an der Brust der Tobten. — (Fortsetzung folgt.) Hierz« zwei Beilage«. Verantwortliche Stedaction: Or. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofduchhandluyg. Z. Sott Sieben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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