Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1875)
- Date
- 1875-02-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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159 Weite Welt bettelnd durchzogen, sie hätte gern ihr Herzblut hingegeben, wenn sie nur einmal, ein eiuzigeSmal ihn hatte sehen können und ihm sagen: Vergib mir, daß ich Dich in den Tod geschickt —- ich liebte Dich — ich werde Dich ewig lieben. ' Nicht eine Thräne konnte sie weinen, als man ihr die Nachricht vom Tode des Grafen brachte. Sie konnte nicht weinen, ihr Herz zog sich im Krampfe zusammen, ihre Augen brannten wie flüssig Feuer, doch sie konnte nicht weinen. Und so lebte sie still und einsam, Pflegte gemeinschaftlich mit Esther die leidende Judith, besorgte das Hauswesen des Rabbi Moses Hirsch. Des Rabbi Moses Hirsch? Haben wir den Rabbi nicht sterbend gesehen — im Bethause in seinem Blute liegend? Hat Gott ein Wunder gethan? Ja, Gott hat ein Wunder gethan! Gott hat den Rabbi gerettet, gerettet durch den Theil des Sepher, welcher in seinen Händen geblieben war, als ihm Ephraim dasselbe entreißen wollte. Ohne Bewußtsein, in seinem Blute liegend, hatte er dieses Stück fest auf die Wunde gedrückt und so das Ausströmen des Blutes verhindert. Man hatte ihn damals schnell, nothdürftig verbunden, in sein Haus getragen. Wochen vergingen, voll der größten Angst, endlich gab ihm Gott das Bewußtsein wieder und mit diesem auch die Gesundheit. Vergebens hatte man ihn gefragt, wer sein Mörder gewesen — immer gab er nur die eine Antwort: Forschet nicht — Gott wird ihn richten.- Judith bewegte sich unruhig im Bette — dann richtete sie sich plötzlich empor: Rachel — Esther — wo seid Ihr? Was willst Du, Judith? ich bin bei Dir, ich, Deine Schwester. Rachel, komm an mein Bett. Ich habe so schön geträumt — so schön — so wunderbar schön. Auch muß ich lange geschlafen haben, denn ich fühle mich so wohl — so kräftig. Hilf mir, meine theure Rachel, ich werde ein wenig aufstehen. O! sei mir nicht böse, Rachel! Du wirst Dir schaden. Judith, siehe heute noch nicht vom Lager aus! In einigen Tagen wirst Du vollkommen gesund sein — und dann — O! bitte — bitte, meine liebe theure Schwester, erfülle mir meine Bitte. Sieh! wie herrlich schön die Sonne in unser Stübchen hereinscheint. Ich will einmal wieder — nach langer, langer Zeit — den blauen Aether, die goldne Sonne schauen, die frische, würzige Frühlingsluft einalhmen, die mir neues Leben gibt. Nun denn, Judith, ich will Deine Bitte erfüllen, doch nur unter der Bedingung, daß Du in längstens einer Stunde Dein Lager wieder aufsuchest. Höre, Rachel, sagte Judith plötzlich, willst Du mir auch meine zweite Bitte erfüllen, so hilf mir — mein weißes Kleid anziehen, dann gib mir diese schönen grünen Blumenzweige, die ersten Boten des Frühlings — gib sie mir in's Haar — so — Rachel, sehe ich jetzt nicht aus wie eine Braut? Erschrocken schaute Rachel Judith an. Beruhige Dich , sagte diese, sanft lächelnd, beruhige Dich, meine Rachel. Komm, setzen wir uns an's Fenster, und ich werde Dir dann meinen Traum erzählen. Es träumte mir, ich sei Meder im Hause unseres geliebten Vaters. Er saß in seinem Lehnstuhle und las in der heiligen Schrift, ich hatte eine kleine Stickerei vor mir und arbeitete emsig daran — Dich sah ich nicht. Da — mit einemmale klopfte es an der Thüre und ehe der Vater noch Zeit hat, zum Eintreten einzuladen, kommt Ephraim Manaffe in's Gemach. Beruhige Dich, Judith, erzähle mir den Traum ein andermal, Du regst Dich zu sehr auf, unterbrach Rachel die Erzählerin, als sie gewahrte, wie sich die großen schwarzen Augen Judiths mit Thränen füllten. O! laß mich, Rachel — laß mich, wie angenehm, wie wohl ist einem um's Herz, weinen zu können — und ich habe so lange schon nicht geweint! Doch höre meinen Traum weiter. Ephraim trat in das Gemach. Sein Gesicht war bleich — bleich wie das eines Tobten. Verwundert schaute er mich an. Judith, sagte er, weßhalb bist Du noch nicht angekleidet zum Feste? Zu welchem Feste? fragte ich, indem ich verwundert von meiner Arbeit aufschaute. Armes Herz, sagte er, Du weißt es gar nicht, daß wir heute Hochzeit feiern werden? Hochzeit — wir? Ach ja — ich habe vergessen, sagte Ephraim, Du kannst es ja gar nicht wissen — weil Du schläfst. Ja — heute ist unsere Hochzeit. Judith, versprich mir, wenn Du erwachen wirst, Deine Brautkleider anzulegen — und dann, werden wir auf ewig miteinaner vereiniget. Ich verspreche es Dir , gab ich zur Antwort — und erwachte. Siehst Du, Rachel, darum habe ich Dich gebeten, mir mein Brautkleid anzuziehen und mir die Blumen in das Haar zu flechten, — weil ich mein j Wort einlösen wollte, das ich im Traume gegeben I hatte. ' Die Braut ist jetzt geschmückt, den Bräutigam zu empfangen, sagte Judith mit himmlischem Lächeln, doch kommen — wird er nicht. Heute ist schon einmal ein Tag, an dem ich Dich mit meinen Bitten recht quälen muß. Geh, Schwesterchen, gib