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Der Israelit · 1875-02-24 · Heft 8 (24.2.1875) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 8 (24.2.1875)
Date
1875-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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was wir nicht billigen können? Müssen wir der Pietät halber unser Urtheil gegen unsere Ueberzeugung zurückhaÜen? — Und es wird gesondert und gesichtet, geprüft und beurtheilt; Vieles, als veraltet und werthlos, weggeworfen. Wie aber wäre es möglich, überall gründlich zu untersuchen und zu prüfen bei dem reichen Material, das uns das Alterthum überliefert hat! Wer wird sich der Mühe unterziehen wollen, heute, wo jeder Tag uns Neues und Anziehenderes bietet, sich eingehend mit der Erbschaft von lauter alten Raritäten zu befassen! Da ist wahrhaftig nicht zu verwundern, wenn man absprechende Urtheile über Dinge fällt, von denen man fast gar kein Verständniß hat, und daß man häufig ohne irgend ein Urtheil den Gegenstand für werthlos erklärt. Auch die jüdische Religion in ihrer echten, urwüchsigen Gestalt ist eine solche Erbschaft der grauen Vorzeit; und da will es vielen modernen Kindern der Neuzeit mit ihrem ausgebildeteren, feineren Sinne für Formschönheit, mit ihrem wissenschaftlicheren, von Vorurtheilen und Aberglauben sich frei fühlenden Geiste, mit ihrer nach Klarheit und Wahrheit forschenden und ringenden Vernunft fast bedünken, als ob die Form des Judenthums veraltet und darum geändert werden müsse. Der Kern, die jüdische Gottesidee, behalte auch heute noch ihren alten Werth, auch wenn das specisisch jüdische Gewand ihr genommen werde; ja, sie würde nur um so strahlender in ihrer unverhüllten Gestalt sich den Augen Aller darbieten und gerade durch ihre einfache Größe und erhabene Schönheit Geist und Herz der Menschen gewinnen. Jüdisch bleibe sie aber dumoch, da an ihrem Wesen nichts geändert werde. Gerade dadurch, daß sie von den vielen sie bis zur Unkenntlichkeit und Vermummung einhüllenden jüdischen Gesetzen und Cerenwnien befreit werde, könne sie erst Gemeingut der ganzen Welt werden. Sie soll ja, wie es Zweck und innerster Wunsch des Judenthums ist, die ganze Menschheit umschlingen, alle Herzen und Geister erfüllen und durchdringen und das schöne Zeitalter der Menschenverbrüderung herbeifuhren. Deßhald j muß sie sich in einer für alle Menschen annehmbaren und passenden Form darbieten. Wenn freilich der größte Theil derer, welche vorgeblich das Judenthum in feiner Gottesidee erblicken, daran nicht denkt und aus ganz andern, etwas weniger edlen und reinen Motiven das specisisch Jüdische von sich abgestreift hat; so wird doch von dem gebildeteren und denkenderen Theil derselben schon zu solchen Argumenten gegriffen, auch wenn sie vorerst nur zur Abwehr und Rechtfertigung dienen sollen und nicht der innersten Ueberzeugung entstammen. Aber, wie das der Fall u sein pstegt, man wird diese plausiblen Gründe ald genug 'mehr und mehr sich ancignen und sie sich zur Ueberzeugung und zum Bewußtsein bringen und schließlich von ihrer Wahrheit durchdrungen sein. Wie überhaupt die Erfahrung nicht so selten gemacht werden kann, daß man erst im Laufe der Zeit zu Ansichten und Ueberzeugungen, so zu sagen, gedrängt wird, an die man beim Beginne nicht gedacht hat. Sicherlich haben Diejenigen, welche vor 60 Jahren mit kleinen unbedeutenden Reformen im Judenthum begonnen, nicht daran gedacht, daß man nach 60 Jahren das Judenthum nur noch in der Gottesidee erblicken will und das jüdische Gesetz für vollständig entbehrlich und nicht mehr passend halten und erklären werde. Und doch stehen wir heute am Anfänge dieser Zeit. Wer die gewaltige Bewegung unserer Zeit recht versteht und nicht nur die die Oberfläche bewegenden, sondern die Alles bis auf den Grund durchwühlenden gewaltigen Stürme darin erblickt, der wird sich schon frühzeitig mit den dadurch hervorgerufenen Fragen beschäftigen müssen. Ob auch der'Einzelne aus Leichtsinn und Unkenntniß über das Wesen des Judenthums, oder aus andern Veranlassungen dirse neue Ansicht vorbringt, das darf uns nicht geringschätzend und mit vielleicht gerechter» Zorne jenen begegnen lasses, sondern wir müssen uns klar und bewußt werden, daß diese Erscheinung Ausfluß des heute die Welt nach allen Richtungen so gewaltig erschütternden, verändernden aber auch neu gestaltenden Zeitgeistes ist, der mit Riesenkraft vor Allem danach ringt, Klarheit und Wahrheit sich allüberall zu verschaffen und alles Entbehrliche und Unbrauchbare von sich ab- ' zuschütteln. Eine neue Zeit mit neuem Geiste ist erstanden; ein frischer Hauch durchweht die Erde; rastlos strebt und forscht der Denker; rastlos sucht man die Resultate der Wissenschaft zu verwerthen, um immer Neues und Größeres zu schaffen. Alle Nationen wetteifern mit einander in der Lösung und Entwickelung der höchsten und wichtigsten Fragen auf dem Gebiete der Cultur und Wissenschaft. Es gab keine Zeit, die sich an feurigem Bestreben nach Kenntniß und Aufklärung mit der unsrigen messen könnte. Was Wunder, wenn man die Wissenschaft und ihre Vertreter hoch schätzt, ihren Resultaten unbedingtes Vertrauen und weitesten Glauben schenkt, da diese Resultate so großartige, von Tag zu Tag uns überraschende neue Wahrheiten finden lassen! Was Wunder, wenn man sie zur einzige» und allein berechtigten Führerin erklärt und nur ihr folgt! Wir Juden speciell, stehen wir nicht staunend da und freuen uns, daß zu der Anschauung. die wir seit Jahrtausenden über das höchste Wesen haben, heute sich

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