Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1875)
- Date
- 1875-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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189 Feuilleton. Schuld uud Sühne. Erzählung ans dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinsky. 10. Cuba. Zwei Jahre sind in'S unendliche Reich der Ewigkeit hinabgestiegen. Wir befinden uns in der schönen anmuthigen Stadt Principe auf der Insel Cnba Reich, unendlich reich ist die Vegetation, deren Anblick das Auge erfreut. Hoch und zierlich erhebt die Palme stolz ihr Haupt gen Himmel, überragt das dichte Laub der Orange, das düstere Blätterwerk des Maugo, die hohe nlmengleiche Aguacate und den kegelförmigen Wuchs der Mamay. Die herrlichsten Gefilde, bedeckt mit Ananas und Bananen, mit Zuckerrohr und Kaffeebäumen, mit Tabak - und Cacaopflanzen, bieten sich dem entzückten Auge dar, so weit sein Blick reicht. Darüber der dunkelblaue Himmel. Und im Hintergründe, — dort, wo es scheint, als ob Himmel und Erde miteinander sich einten, ineinander versanken — dort stehen hohe, wildromantische Berge, großartige Thäler mit reißenden Gebirgsströmen und mächtigen, fast undurchdringlichen Waldungen. Ja, sie ist schön, diese Insel — sie ist ein zweites Eden, das Gott dem Menschen hier geschaffen hat. Und glücklich müssen die Menschen sein, die hier wohnen. Glücklich müssen sie sein — glücklich und zufrieden — alle — alle, denn die Natur überbietet sich hier selbst in diesem Zauberlande. Und dennoch sind sie nicht alle glücklich — und dennoch sind alle diese Reichthümer der Natur nicht hinreichend, um den Schmerz der Seele zu verbannen. In einem kleinen Hause, nahe am Strande, sitzen um einen roh gezimmerten Tisch herum drei Personen. Wir erkennen sie alle drei, trotzdem die zwei abgelaufenen Jahre gar verheerend in ihren Gesichtszügen gewüthet haben. Der Aeltefte, ein kleiner Mann mit verschrumpfttem, pergamentartigem Antlitze, ist Aron Eisik, der Geldmakler aus Prag. Ihm zur Seite sitzt seine Tochter Sarah, einen Säugling an der Brust haltend, - - mit finsterem, trotzigem Blick auf ihren Gatten schauend, der ihr gegenüber sitzt — sein Gesicht in beide Hände verborgen. Jetzt sind wir hier, Ephraim Manasse — fast Wei Jahre schon — wie soll's jetzt weiter gehen, agte Sarah in bösem Tone. Langsam erhob Ephraim sein Haupt, stand von seinem Sitze auf und ohne ein Wort der Erwiederung verließ er die Stube. Sv macht er es immer, dieser Elende, schrie Sarah giftig, wann soll sich dieses endlich ändern? Ist er verflucht — was kümmert es uns? - Was er verbrochen — er soll es büßen. Wäre es nicht besser gewesen, statt hier sich anzusiedeln, in Prag zu leben, ruhig und zufrieden? Du, Vater, Du bist auch Schuld daran, Du trägst vielleicht die meiste Schuld. Wie konnte es Dir nur einfallen, nachdem Du doch gehört, Ephraim ist mit dem Banne belegt, wie konnte cs Dir einfallen, frage ich Dich, mir ihn zum Manne zu geben? Dann freilich — dann war es zu spät, als wir Prag verlassen hatten. Nach Frankfurt war uns die Kunde von Ephraim's Verbannung schon vorangeeilt und nur mit Noth und Mühe konnten wir uns retten — vor diesen Leuten, die uns entgegenkamen, uns bewillkommten gleich wilden Thieren. — Aron Eisik stand jetzt ebenfalls von seinem Platze auf und verließ die Stube, so wie es Ephraim gethan. Doch Sarah wurde hierdurch nicht gestört. Trotzdem sie nun allein war, keifte sie immer und immer weiter. Ephraim Bianasse saß im Garten und weinte gleich einem Kinde. Schon damals hatte er bereut — schon damals, als die Schreckensthat geschehen war — doch für ihn gab es keine Umkehr mehr — so dachte er damals. Und jetzt! — Wie gerne mochte er in die Judenstadt nach Prag zurückkehren — möchte sich zu Boden werfen und rufen: Strafet mich — strafet mich — ich habe das Heiligthum geschändet — ich habe mein Gewissen mit Mord beladen. Steiniget mich — denn nicht länger will ich leben. Doch umsonst — er kann eS nicht. Er ist hier gefesselt gleich dem Prometheus. Sein Kind ist es — sein Kind, das an der Mutter Brust drinnen schläft — dies Kind ist es, das ihn znrückhält. Er kann sich von demselben nicht trennen, denn er liebt es unendlich — es ist sein einziger Trost in schweren Leiden. Kannst Du, o großer, allgewaltiger Gott, mir denn nicht verzeihen, ruft er immer und immer wieder — habe -ich denn nicht schon genug gelitten?-Schick' mir den Tod, er soll Wonne für mich sein — schick' mir den Tod, ich will ihn freudig begrüßen. — — Hüte Dich — hüte Dich, Dein Wunsch kann in Erfüllung gehen — der Tod kann kommen! — Es war ein schöner Abend. Milliarden von