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Der Israelit · 1875-02-10 · Heft 6 (10.2.1875) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 6 (10.2.1875)
Date
1875-02-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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123 man die letzte Klasse nur, wenn der Bräutigam seine Vermögenslosigkeit Nachweisen kann. Ueber diese Einrichtungen ließe sich vieles kritistren, da es jedoch meine Aufgabe nicht ist, über alte Con° stitutionen den Stab zu brechen, übergehe ich sie, indem ich ihr Bestehen kurz angezeigt hrbe. Der Contrast jedoch zwischen der höchsten Klasse mit ihrem Pomp und der letzten in ihrer Armuth wirkt recht unangenehm auf den Zuschauer und hinterläßt einen unangenehmen Eindruck. Und doch sollte nach unsern Begriffen in dergleichen Feierlichkeiten das Beschämende der Vermögenslosigkeit nicht allzu deutlich zu Tage treten. Auf eine recht unangenehme Neuerung bei dem Trauungsakt muß ich Hinweisen. Die Reicheren lassen nämlich gewöhnlich ein Harmonium in die Synagoge bringen, um den theatralischen Pomp (als solcher charakterisirt sich eine jede Trauung) noch mehr hervorzuheben und wer glaubt sich nicht in einem Theater zu befinden, wenn in dem Moment, in welchem das Brautpaar und die Hochzeitsgäste die Synagoge verlassen, die Töne des Meyerbeer'schen Hochzeitsmarsches aus dem Sommernachtstraume durch die Räume schallen. Ich will hier ganz von der „Ausnahmsklasse" schweigen, die die reine Oper darstellt, und zum Glück ihres hohen Preises wegen nicht oft aufgeführt werden kann. In Paris kostet sie 2000 Frcs. Ich konnte bei den Trauungen in der hiesigen Synagoge niemals die Feierlichkeit entdecken, die ich gerne gesehen hatte und unwillkürlich sehe ich mich in ein Theater versetzt. Der Trauungsact selbst weicht von dem herkömmlichen durchaus nicht ab, nur das auf ihn von außen Wirkende stört und vernichtet seine Feierlichkeit. Ist die Trauung zu Ende, dann beginnt wieder ein Aufzug, der den Schluß des Ganzen durchaus nicht heben kann. Junge Damen, und man wählt die schönsten, durchschreiten, geführt von Herren, die Zuschauermenge, in der behandschuhten Hand einen Teller haltend, um Gaben für die Armen bittend. Im Princip kann man mit dieser Sammlung übereinstimmen, warum läßt man sie aber nicht durch einen der vielen Synagogendiener, die mit einer großen um den Hals gehängten Stahlkette einherschreitend, stets zahlreich vertreten sind, ausführen? Ist es zu dulden, wenn Damen am Arme eines Herrn coquettirend in geheiligten Räumen herumgehen? Zur Zeit der Einführung hat dieser Mißbrauch die Mißbilligung aller auf Anstand haltenden Gemeindemitglieder gefunden, heute aber, nachdem viele Jahre seitdem verflossen sind, ist jede tadelnde Stimme verstummt. Eben diese aufgeführte Klasseneintheilung, sowie die vielen andern Mißstände, besonders aber das Theatralische der Trauungen, haben bis jetzt noch unsere deutschen Brautpaare veranlaßt, sich in Deutschland trauen zu lassen und diese Mißstände werden voraussichtlich auch noch lange die Ursache sein, diesen Schritt nach deutschen Gebräuchen auf Altdeutschlands Boden zu thun. Und doch sieht die Synagogenverwaltung recht gerne, wenn ihr die nicht unbedeutenden Summen, die eine Trauung in der Synagoge aufbringt, zufließen und deshalb ist auch kein Rabbiner befugt, eine solche außerhalb der Synagoge in hiesiger Stadt vorzunehmen. Durch diese verkehrten Einrichtungen ist denn, wie leider bei vielen Angelegenheiten in frz. Gemeinden, die schönste Gelegenheit gegeben, durch außergewöhnlichen Pomp imponiren zu können. Man hat in politischen Tagesblättern schon zu wiederholten Malen ganz besonders den hiesigen Juden eine verbissene Feindschaft gegen die jetzigen Verhältnisse vorgeworfen. Dieses führt mich allerdings auf ein Feld hinüber, wohin ich mich nicht verirren wollte. Ich glaube, daß dieses Urtheil ein oberflächliches und zu dem ein vom Hasse dictirtes ist. Vor allen Dingen verlange man nicht von einem Volke, welches sich unter französischer Herrschaft sehr wohl fühlte, daß es schon in den ersten Jahren sich unter dem Schutze des neuen Regimentes so behaglich befinde, als in dem alten Hause, dessen Traditionen ihm lieb waren. Ueberzeuge man dieses Volk, daß man unter Deutschlands liberaler Negierung ebenso gut und ruhiger, als unter der von vieler Parteiwuth gespaltenen Frankreichs leben kann und man wird feine Anhänglichkeit schon nach und nach gewinnen. Ueberzeuge man diese Nation, daß es sich in folgendem Ausspruche, der tonangebenden Kreisen entspringt, irre: „Unter Frankreich waren wir Franzosen, unter Deutschland sind wir Juden", und man wird sich über sein Hinneigen nach seinem alten Mutterlande nicht mehr lange zu beklagen haben. Ich glaube, daß es für die hiesigen Israeliten viel leichter ist, unter deutscher Regierung zu leben als den übrigen Franzosen der Stadt Metz, da ersteren die Kenntniß der deutschen Sprache sehr zu Statten kömmt und dadurch manche Härten ausgeglichen werden, die durch die Sprachdifferenzen entstehen. Man hat natürlich ein Urtheil sehr schnell gefällt, glaubt es auch feinen gehabten Eindrücken und gemachten Erfahrungen gemäß wiederzugeben, übersieht aber oft die Beweggründe, die bei dem beurtheilten Gegenstände gewirkt und ihn beeinflußt haben. Ferner darf man auch nicht außer Acht lassen, welche Consequenzen aus dergleichen vorschnellen Urtheilen folgen. Die politischen Ansichten und Richtungen dürften in hiesiger Stadt, sowie in Lothringen überhaupt, bei Juden und Christen dieselben sein, diese Erfahrung habe ich

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