Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1875)
- Date
- 1875-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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114 eine Vernichtung seiner besten Eigenschaften. Innerhalb solcher Weltanschauung wird der Mensch zum Thiere erniedrigt, wird Tugend, Edelmuth, Rechtlichkeit, Treue zum leeren Schall, tritt der „Kampf um das Dasein" an die Stelle des Zweckes der Veredelung und Vervollkommnung. Da ist jedes Verbrechen erlaubt, solange es nicht die Interessen Anderer schädigt, da gibt es kein Gewissen, das den Menschen vor den Nichterstuhl seines eigenen Innern fordere. Die materialistische Weltanschauung ist kein Product unserer Tage; sie war im Geg'entheil bei den Völkern des Alterthums allgemein vorherrschend; ps-p o*j/n, die Welt ist ewig, ohne Anfang war ein bei den Nationen unbestrittener Grundsatz. Diesem trat das Gottesgesetz mit seinen ersten Worten entgegen, und um die verderbliche Lehre von der Ewigkeit der Welt zu bannen, setzte Gott den Sabbat ein als Zeichen zwischen uns und Ihm, daß die Welt nicht von Ewigkeit her, sondern daß Gott sie erschaffen. Und noch viel eindringlicher verkündet uns das Brachjahr dieselbe Lehre. Vergegenwärtigen wir uns doch die Verhältnisse. Welch einen ungeheuren Einstuß übt auf die Weltlage eine gute oder eine schlechte Ernte! Und hier soll ein Volk, ein ganzes Volk sein ganzes Land brach liegen und, was dennoch wächst, i'dem Fremden überlassen! Und wenn ein Volk eine solche Vorschrift befolgt, muß es da nicht durchdrungen sein von der größten Gott-Innigkeit, muß da nicht sein ein jeder Bauer, ein jeder Ackersknecht ein Geweihter des Herrn? Muß nicht solch ein Volk sein ein heiliges Volk, ein Reich von Priestern? Ein solches Volk kann nicht mit Engherzigkeit a:n irdischen Besitze festhalten. Wer den ganzen PahreSertrag seiner, von den Vätern ererbteuLändereien ohne Hoffnung auf Entgelt preisgibt, der kann nicht in Erwerben, Besitzen und Genießen düs Ziel und den Zweck seines Lebens finden, wie cs heutzutage im Allgemeinen der Fall ist. Und noch ein Anderes wird durch das Brachjahr dargethan und ungemein gekräftigt, etwas Großes und unendlich Hohes, was mehr ist als alle Schätze der Welt — das Vertrauen auf Gott. non '.u nmu.-i, „Wer auf Gott vertraut, den wird Liebe umgeben". Wer auf Gott vertraut, der wird stets nur das Wahre, Echte und Rechte thun; wer auf Gott vertraut, den wird kein Kummer mederwerfen, keine Sorge Niederdrücken können; wer auf Gott vertraut, ist der wahre Herrscher, denn keines Menschen Gewalt wird ihn zwingen können, vom rechten Wege abzuweichen, und so ist er in Wahrheit Niemandem unterthan; wer auf Gott vertraut, ist der wirklich Weise, denn er wird nur an Gottes Gesetz sich halten und so die höchste Weisheit zur Richtschnur seines Lebens machen; wer auf Gott vertraut ist reich, wirklich reich, denn keine Sorge kann sein Herz beschweren, und zufrieden ist er stets mit dem, was Gott ihm gibt; wer auf Gott vertraut, ist der größte Held, der Muthigste der Menschen, dessen Herz nicht verzagen, nicht von Feigheit entmuthigt werden kann. lind wie stark muß das Gottvertrauen eines Volkes sein, das im Voraus auf die Ernte eines ganzen Jahres und seines ganzen Landes verzichtet! Gott hat befohlen, daß wir das Land brach liegen lassen und Er hat verheißen, daß wir darob keinen Mangel leiden werden! " Ein solches Gottvertrauen eines Volkes ist der größte Nationalwohlstand. Ein Volk, das so denkt, ist reich und weise, ein Volk von Helden und Herrschern. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten & Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 5. Febr. In der freien Schweiz geht man jetzt damit um, einen Act der Gewaltthätigkeit gegen die Israeliten auszuführen, der an die finstersten Zeiten des Mittelalters erinnert. Die Behörde von St. Gallen hat unter dem ganz unberechtigten Vorwände, das rituale Schlachten sei Thierquälerei, den Israeliten dasselbe verboten!! Eine solche Maßregel bedeutet nichts anders als die gesetzestreuen Israeliten zu vegetabilischer Kost zu' verurtheilen oder sie zur Auswanderung zu zwingen. Es findet da das Wort des Propheten Hosea (Cap. 13, B. 2) Anwendung : „Sie schlachten dieMenjchen und küssen die Kälber." Aus übermäßiger und durchaus nicht gerechtfertigter Sorge für das liebe Vieh will man Menschen auf die unverantwortlichste Weise mißhandeln!! — Als vor einigen Jahren ein ähnliches Ansinnen au die Schweizer Israeliten gestellt wurde, da haben dieselben von den bedeutendsten Fachmännern Gutachtens eingeholt, und diese haben einstimmig erklärt, daß das rituelle Schlachten eine sehr leichte Todesart involvire, die von Thierquälerei sehr weit entfernt sei. — Damit diesen sehr ernsten Vorgängen auch die komische Seite nicht fehle, hat man dem sich beschwerenden Rabbiner Dr. Engelbert geantwortet , es bleibe den Israeliten ja unbenommen ,