Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1875)
- Date
- 1875-02-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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95 läßt sich Folgendes sagen: Der speculative Geschäftssinn deutscher Israeliten wird unter hiesigen Glaubensgenossen gänzlich vermißt und ihrer Geschäfts thätigkeit ist in Folge dessen nur ein beschränkter Raum angewiesen. Nur Wenige haben sich über das Niveau der kleineren Industriellen emporzuschwingen vermocht, weshalb die hiesige Gemeinde zu den sehr reichen niemals gezählt werden konnte und heute weniger denn jemals. Die meisten Glaubensgenossen leben von ihrem täglichen Erwerb, der auch sehr oft selbst nicht einmal zur Unterhaltung der Familie hinreicht, weshalb die Wohlthätigkeitsanstalten unterstützend zur Seite treten müssen. Nur der Fleischmarkt wird fast ausschließlich von Glaubensgenossen beherrscht. sowie auch zum Contingent der Handwerker ein ziemlich hoher Procentsatz von ihnen gestellt wird. Es scheint, als wäre der hiesige Platz dem Handel kein sehr günstiger, oder haben die Israeliten ihre Schwäche auf merkantilischem Gebiete eingesehen; kurz, die Thatsache ist, daß viele Familien schon seit lange ihre Söhne nach Paris schicken, um ihnen einen größeren Spielraum für ihre Thätigkeit zu eröffnen. Seitdem deutsche Glaubensgenossen Ln Metz wohnen und die Eingebornen Gelegenheit haben, deren Geschäftsgeist zu beobachten, kommt man hier nach und nach zur Ueberzeugung, daß man gegen jene weit zurückgeblieben ist, eine Ueberzeugung, die vielleicht später ihre Früchte tragen mag. Die Ursache der bestehenden Verhältnisse dürfte vielleicht in folgendem Umstande zu entdecken sein. Nur ein kleiner Theil derselben hat es vor längeren Jahren gewagt, das Ghetto zu verlassen und in schöneren Stadttheilen Wohnungen bezogen. In der letzterer Zeit ahmt man dem Beispiele allgemeiner nach und sucht für den Handel günstigere Straßen. Dem Ghetto entsprechend mußte auch der Geschäfts-Betrieb sein, und es darf uns nicht wundern, wenn in demselben niemals ein Geschäft mit denen der übrigen Stadt rivalisiren konnte. Lobend muß ich hier erwähnen, daß fast sammtliche Geschäfte am Sabbat und Festtagen streng geschlossen sind und höchstens 5 Procent davon eine Ausnahme machen, deren Besitzer dafür denn auch von den Glaubensgenossen ignorirt werden. Ich glaube behaupten zu können, daß reformatorische Ideen auf ganz entschiedenen Widerspruch stoßen würden und unsere Gemeinde von diesen modernen Auswüchsen auch noch für viele Jahre verschont bleiben wird. Einige Bemerkungen über des Lebens ernste Seite, die Beerdigungen und die Todtenhöfe betreffend, sowie einige über die Feier der Hochzeiten in hiesiger Gemeinde mögen hier Platz finden. Ich habe schon in einem meiner ersten Berichte, als ich über die Revolution des Jahres 1789 sprach, gesagt, daß man die Denkmäler eines in unmittelbarer Nähe der Stadt gelegenen Todtenhofes demolirte. Ich sagte zugleich, daß der Wanderer nur noch durch die Gedächtnißtafeln, die Inschrift: Ehre den Todten! tragend, an die frühere Bestimmung des Ortes erinnert wird, und will jetzt noch hinzufügen, daß dieser Platz im Jahre 1619 den ersten Leichnam zur Bewahrung empfing, wie aus einer noch gut erhaltenen naso zu ersehen ist; ferner, daß reiche Personen und alle Rabbiner der damaligen Epoche für sich und ihre Familien Grabgewölbe auf besagter Stätte hatten. Wann die letzte Leiche hier zur Ruhe bestattet wurde, ist nicht zu ersehen, sowie auch aus den Denkmälern des darauf von der Gemeinde erworbenen und zum Todtenhof eingerichteten Feldes nicht klar hervorgeht, wann es seiner Bestimmung übergeben wurde. Der dritte und noch jetzt benutzte Ruheplatz für die Entschlafenen ist laut dem noch vorhandenen Kaufcontracte im Jahre 1777 erstanden. Eine unendliche Reihe von Gräbern und Denkmälern desselben predigt dem Beschauer deutlich des Lebens Vergänglichkeit. Die Gemeinde hatte schon vor langer Zeit die französische Negierung ersucht, vom angrenzenden sehr großen Exercierplatz ihr ein Stück Terrains käuflich zu überlassen, da man mit Besorgniß dem Augenblick entgegensah, wo auch der dritte Todtenhof geschlossen werden mußte und man kein Feld zu einem vierten erwerben konnte. Die französische Regierung gab stets eine verneinende Antwort. Die Ereignisse des Jahres 1870 enthoben das französische Gouvernement seines Amtes und gaben es in deutsche Hände. Die Gemeinde benutzte diesen günstigen Moment und erhielt auf ihr Gesuch von der jetzigen Regierung ein großes Stück Land bereitwilligst abgetreten, und zwar für einen sehr geringen Preis, so daß die oben angedeuteten Besorgnisse höchstens kommende Geschlechter beunruhigen dürften. Ein in der Nähe des Todtenhofes wohnender Wächter sorgt dafür, daß keine ruchlose Hand Schändungen an Gräbern und Denkmälern verübt und hat derselbe den Besuchern die Ruhestätten, die sie zu besichtigen wünschen, zu zeigen. Die Leichen werden den in Frankreich herrschenden Gebrauchen gemäß schon in 12—24 Stunden nach Eintritt des Todes der Erde übergeben und die Weise der Beerdigung läßt nach deutschen Begriffen vieles zu wünschen übrig. Die Bestattungen werden alle gegen zwölf Uhr Mittags vorgenommen und zwar, um den Leuten das Nachmittagsvergnügen in den Cafehäusern nicht zu stören. Früher, als man gegen drei Uhr die Leichen der Erde übergab, war die Betheiligung des Publikums