Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1875)
- Date
- 1875-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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92 Du weißt, was eines Verfluchten wartet. Du gehst sehr schnell, ich kann Dir nicht so eilig folgen, meine Füße sind schon alt — rufen will ich nicht, damit Niemand hört, daß Du hier bist. Ohne Dich umzusehen, gehst Du schnell vorwärts, in Gedanken versunken, bis Du endlich vor der Thüre anlangst, welche in das Innere des Bethauses führt. Du zögerst einzutreten. — — O! warum mußten meine Füße so erbärmlich schwach sein — ich hätte den Rabbi retten können. Da endlich nach langem Zögern trittst Du ein — denk ich mir, was sucht der Verfluchte im Bethause — gehe zur Thüre hin. Höre Deine Stimme, höre die Stimme des Rabbi, ich sehe Dich noch vor mir, gerade so wie jetzt schautest Du. Ich sehe den armen Rabbi. -- Nein Ephraim, schone mich nicht — tödte mich, denn wenn ich am Leben bleibe, werde ich es der ganzen Gemeinde verkünden, daß der Mörder des armen Rabbi, den ich so sehr geliebt habe, der mir mein größter Wohlthäter gewesen ist — Ephraim Manasse, der Verfluchte, ist. Ja, ich will sagen, rufen, schreien in die Welt hinein, die Sterne am Himmel sollen darüber zittern, sollen darüber weinen. Kein schrecklicheres Verbrechen konnte begangen werden. — Ja, ich will es laut in die Welt hineinrufen. Und der Alte machte einen verzweiflungsvollen Sprung, faßte Ephraim Manaffe mit seinen dürren Fingern am Halse und preßte ihn mit furchtbarer wahnsinniger Gewalt zusammen. Volk von Israel, ruft er wild, mit wahnsinnigen Geberden in die Nacht hinein — herbei — herbei — ich habe ihn und halte ihn fest, den Mörder des Rabbi — herbei, herbei, es ist der Verfluchte. Ephraim war auf diesen plötzlichen Angriff des heldenmütigen Alten nicht gefaßt gewesen nnd stürzte zu Boden, den Wahnsinnigen mit sich niederziehend. Ein schrecklicher, schauerlicher Kampf begann jetzt. Die beiden Männer wälzten sich im Schnee herum — kein Laut, außer dem Keuchen der Kämpfenden unterbricht die Stille der Nacht. Da ertönt plötzlich ein Röcheln — und die Hände des Alten fallen kraftlos zur Erde nieder. Ephraim Manaffe erhebt sich vom Boden — wild rollen seine Augen, ringsum im Kreise späht er umher — ob kein Unberufener diesem schrecklichen Kampfe beigewohnt habe. Und wäre es so gewesen, dann wehe dem Beobachter! Ephraim hätte ihn ebenfalls ermordet. Das wilde Thier hat Blut gerochen. Mit keuchender Brust verließ Ephraim Manasse sein am Boden liegendes, regungsloses Opfer und weudete sich der Stadt zu. Jetzt — so nahe am Ziele — sagte er vor sich, so nahe am Ziele, kommt mir dieser wahnsinnige Alte, um mir meine Pläne zu vereiteln. Er mußte sterben, sonst hätte er mich verrathen. Der Rabbi ist todt, der Bann wird dadurch von mir genommen, ich heirgthe Sarah, die Tochter des Aron Eisik und mit ihr die vollen schönen Geldsäcke — dann heißt es fort aus dieser Gegend, denn ich fühle es — länger ist meines Bleibens hier nicht mehr. Ephraim Manasse schaute sich jetzt unwillkürlich nach dem Platze um, auf welchem der Kampf stattgefunden hatte. 'Da auf einmal klapperten seine Zähne wie im Fieberfrost — ein Zittern befällt seinen Körper, bleiernschwer wird es ihm in den Füßen. Vergebens strengt er sich an vorwärts zu kommen, doch eine überirdische Macht hält ihn zurück. Der Alte, den er todt glaubte, er steht dort mit drohend erhobenen Händen unbeweglich wie eine aus Stein genreiselte Statue. Kain — sei verflucht, tönte eine Stimme, so unheimlich, so fürchterlich, daß sich Ephraim die Ohren mit seinen Händen zuhält — dann sank die Gestalt wieder zu Boden. Kain sei verflucht, Kain sei verflucht, so klang es immer schrecklicher, immer lauter in seinen Ohren. Wild wie das Toben eines Organs, wie das Brausen des Meeres, wenn dessen 'Gewässer in wilder Brandung losen. So schallen diese Worte in seinen Ohren — gleich den Posaunen des Weltengerichtes. Und der Verfluchte — er läuft gleich einem gehetzten Wilde — er flieht jetzt vor dem Gesperrte des Gemordeten-, der still nnd ruhig im hohen Schnee liegt und sich nicht rührt. Und dennoch flieht der' Mörder — es umtanzen ihn schreckliche Gebilde und Fantome, und er eilt immer schneller vorwärts. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen Verantwortliche Redaction: Dr. Seemann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).