Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1875)
- Date
- 1875-02-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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LI Feuilleton. Schuld «»d Söhrik. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinsky. 8. Verbrechen fordert Verbrechen. Es ist Nacht, finstere stürmische Nacht. Wild treibt der Wind die Schneeflocken im wirbelnden eisigen Tanze — und immer höher und höher thürmt sich der Schnee lawinenartig auf. Verlassen sind die Straßen von Prag. Alles, was Leben hat, befindet sich unter schützendem Dache. Alles, was Leben hat? — Nein! Durch die Straßen der Judenstadt Prag stürmt eine Gestalt — nicht achtend — der Kälte — nicht scheuend — das Wetter — unaufhaltsam vorwärts, immer vorwärts. Jetzt hat dieselbe das eiserne Gitter erreicht, welches die Bewohner der Judenstadt trennt von der anderen Bevölkerung der böhmischen Hauptstadt Prag. Doch abermals — vorwärts, vorwärts. Sie verläßt da- Ghetto der Juden — läuft fort über die Moldauer Brücke. Gar schrecklich, unheimlich ist diese Gestalt anzusehen — wie ein Gespenst — aus längst verklungenen Tagen. Das lange weiße Haar, welches Kopf und Gesicht dieses Wesens bedeckt — es flattert wild im Winde. Von Zeit zu Zeit bleibt dieses unheimliche Fantom stehen, schöpft tief Athem, sieht sich furchtsam nach rückwärts um — und fort geht es dann wieder — unaufhaltsam vorwärts, vorbei an der Königsburg am Hradschin, dann durch das Stadtthor — und die Gestalt befindet sich außerhalb Prag. Durch Schnee und Gräben jagt die unheimliche Erscheinung dahin, — da plötzlich verläßt eine zweite Gestalt die Mauern Prag's und eilet dem unheimlichen Gespenste nach. Die zweite Gestalt ist groß und schlank, von festem Körperbau, - Kopf- und Barthaar sind von schwarzer Farbe. Halt ein! — halt ein! ruft er, während er sich immer mehr und mehr dem Verfolgten nähert. Doch unaufhaltsam fetzt dieser seinen Lauf fort. Der Verfolgte stürzt im Schnee zusammen. — Der Verfolger stößt einen Jubelruf aus. — Doch zu früh. — Der Gestürzte erhebt sich und läuft weiter.; Abermals stürzte er, doch nicht wieder kann j er sich erheben, denn er fiel in einen mit Schnee; überdeckten Graben. Schnell hatte ihn sein Veri folger erreicht und mit gewaltiger Faust am Rücken! gepackt. | Beide Männer stehen, sich anstarrend, lautlos! einander gegenüber. — Beide Männer schöpfen tief I Athem, denn eine Stunde bereits hatte diese un-! heimliche Jagd gewährt, und übernatürliche Kräfte; mußten sie haben, um nicht zusammenzubrechen. I Die Nacht war wo möglich noch finsterer ge-! worden, und nur der kleine Fleck in der Mitte des! mit hohem Schnee bedeckten Feldes, auf welchem i die Beiden standen, war beleuchtet vom blassen Scheine des Mondes, dessen Strahlen sich Bahn j gebrochen hatten, durch das dunkle Gewölke. Dieses Licht des Mondes bescheint das Gesicht des alten Mannes — bescheint aber auch das todtenbleiche, im Mondenlichte noch unheimlicher aussehende Antlitz des Verfolgers-Ephraim Manasse, des Verfluchten. Hab Erbarmen, Ephraim Manasse, ruft der Alte aus — laß mich los, Du darfst mich nicht berühren, Du bist verflucht — laß mich los, ich verrathe Dich nicht! Was willst Du denn verrathen, Wahnsinniger? keuchte Ephraim. Ich will es nicht verrathen. — Nein, nein. Du darfst cs mir glauben, Ephraim — ich verrathe Dich nicht. Ich weiß es nicht, wer den Rabbi ermordet hat — nein, nein, ich weiß es nicht — weißt Du es vielleicht — doch nein. Du kannst es ja auch nicht wissen. Ephraim — schau mich nicht so schrecklich an, gerade so sahst Du drein, als Du den armen Rabbi- Stille, laß uns nach Hause gehen, Ephraim, es ist kalt — gar bitterböse kalt, mich friert, laß uns eilen. Warum wolltest Du mich aber auch ermorden, als ich Dir's erzählte, was ich gesehen habe. — Kann ich dafür? Gerade gestern Nacht tonnt ich nicht schlafen, ruhelos irrte ich in meinem Stübchen umher. Endlich, es dämmerte schon, kleidete ich mich fertig an, setzte mich an's Fenster und begann mein Frühgebet zu sagen. Und wie ich so durchs Fenster schaute, gewahrte ich plötzlich auf der Straße eine Gestalt und rrkenne Dich, Dich Ephraim Manasse. Was macht der Verfluchte hier in der Jndenstadt, denke ich, und noch dazu zu solche früher Stunde? — Ich hatte Mitleid mit Dir, Du darfst es mir glauben. Drum wollte ich mit Dir sprechen, Dich warnen, Dir sagen. Du sollest Dich eilig i wieder aus der Judenstadt entfernen, denn sonst