Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1875)
- Date
- 1875-01-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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67 Aber trotz alledem und alledem sind die jüdischen Schulen unter dem Scepter der preußischen Regierung wohl geborgen, denn denselben ist vor Allem das köstlichste Gut, die Freiheit, die individuelleSelb st best immun g, ungeschmälert gelassen worden! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 25. Januar. Das Herz von tiefer Trauer bewegt, geben wir unfern Lesern Kunde von einem schmerzlichen Verluste, der unsere Familie betroffen und der in weiten Kreisen traurigen Wiederhall finden wird. Am 19. Januar verschied zu Berlin Frau Eva Hirsch j/"j, die Gemahlin des Herrn Gustav Hirsch '"v (Chef der Firma Aron Hirsch und Sohn in Halberstadt). Wir wnllen hier keine Schilderung der hohen Tugenden und edlen Eigenschaften der theuren Verblichenen geben — es waren die Tugenden, wie sie jedes brave, fromme , echt jüdische Weib übt. Doch können wir uns nicht versagen, die letzten Minuten ihres irdischen Daseins zu schildern. Als sie fühlte, daß ihre Zeit gekommen, da verabschiedete sie sich von all den Lieben, die ihr Lager umstanden, dankte ihrem Gatten für seine rreue Liebe während ihrer fast dreißigjährigen Ehe, bat ihren anwesenden Bruder, Herrn Marcus Bondi ‘w aus Mainz, doch Jeden in Mainz zu grüßen, namentlich den geliebten Vater '’j und die theuren Geschwister und ordnete noch an, daß ihre Leiche nach Mainz oder nach Halberstadt gebracht werden sohte. — Von der Straße, dem lebhaftesten Theile der großen Hauptstadt, tönte das Geraffel der zahlreich vorüberfahrenden Wagen herauf. Da erhob sich die Kranke in ihrem Bette und rief mit lauter Stimme und voller Begeisterung: 1'2U U'TftN ‘1 ÜV2 UriJKl D'DlDD DTwSI 3D"|3 nwN „Jene auf Wagen, Jene auf Rossen — wir aber erwähnen den Namen des Ewigen, unseres Gottes!" Dann sank sie in die Kissen zurück und bat die Anwesenden, die Sterbegebete zu sprechen. Wenige Minuten nachher hauchte sie ihre reine Seele aus. Am 20. Januar, Abends, wurde die Leiche unter überaus zahlreicher Betheiligung — Hunderte von Menschen und circa 40 Equipagen — nach dem Potsdamer Bahnhofe geleitet, von wo sie, dem letzten Wunsche der Heimgegangenen gemäß, nach Halberstadt verbracht wurde. Auch hier war das Leichengefolge ein ungemein großes. Am Grabe sprachen Hr.Rabb.Dr. Hildesheimer '"2, ein Schwager der Heimgegangenen, ferner der Herausgeber dieser Blätter, ebenfalls ein Schwager derselben, und als dritter Redner Herr Rabbiner Di*. Auerbach '"z, ein Neffe der Verblichenen. Wiewohl die Dahingeschiedene feit fast fünf Jahren nicht mehr in Halberstadt gewohnt hatte und wiewohl wegen des v2v2 die Redner sich Zwang auflegten, um nicht *niyo zu sein, war doch der Schmerz ein tiefer und allgemeiner; war doch die Dahingeschiedene von Allen in hohem Maße geliebt und verehrt worden. — Der allgütige Gott sende den Trauernden Trost wie Allen, die da trauern um Zion und Jeruscholajim! j' n. Berlin. Am 27. December v. I fand die ordentliche Generalversammlung des Talmud-Vereins (Chewrath-Schaß) statt. Dem Jahresberichte des Vorstandes über die Verhältnisse des Vereins entnehmen wir folgende höchst erfreuliche Thatsachen. Der allabendliche Talmud-Vortrag des berühmten Talmudisten, Herrn Dr. Lipschütz, vereinigt regelmäßig eine sehr bedeutende Anzahl von Zuhörern, die mit der regsten Theilnahme dem Bortrage folgen. Der Verein zählt gegenwärtig 113 immerwährende. 250 ordentliche und 0 Ehrenmitglieder; die Einnahme desselben betrug in diesem Jahre 1698 Thlr 16 Sgr. 3 Pf., die Gesammtausgabe 1802 Thlr. 16 Sgr. 3 Pf. Ein bedeutender Fortschritt für den Verein liegt in der Erwerbung eines Grundstückes in der neueu Friedrichsstraße für den Preis von 19,600 Thlr., und hofft der Vorstand die für die Zwecke des Vereins erforderlichen Localitäten so zeitig Herstellen zu können, daß der Verein zu künftigem Peßach bereits fein eigenes Haus werde beziehen können. Nunmehr wird auch der Vorstand ungesäumt die geeigneten Schritte zur Erlangung der corporativen Rechte thun, wofür der Abgeordnete Schulze-Dclizsch in liberalster Weise seine Mitwirkung zugesichert hat. Eine hierdurch gebotene Aenderung der Vereins-Statuten ist schon in's Auge gefaßt, und werden für die Vorberathung diesbezügliche Vorschläge jederzeit schriftlich entgegen genommen. Die neue Organisation des Vereins wird hoffentlich noch mehr dazu beitragen, daß derselbe das Ziel seiner hohen Aufgabe erreiche: „Die Thora unter der Menge zu verbreiten", immer mehr „Laien" zum Talmudstudium heranzuziehen, die gern und freudig täglich einen Theil ihrer Zeit dem Geschäfte entziehen und ihn der Erfüllung jener ersten, vorzüglichsten Pflicht eines jeden Juden: „zu lernen" widmen. (Jüd. Pr.)