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Der Israelit · 1875-01-20 · Heft 3 (20.1.1875) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 3 (20.1.1875)
Date
1875-01-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton. Meiertk. Erzählung von S. Behrend. (Schluß.) VII. Auf ihrem Lager lag die Fremde, bleich, mit geschlossenen Augen, und nur ein leises Athmen zeigte, daß das Leben aus dem Körper noch nicht gewichen war. In der Stube befanden sich Fanni und Meierle. Das junge Mädchen hielt das Gesicht in den Händen begraben und weinte leise. Meierle hatte die Stirn gegen die Fensterscheiben gedrückt, und seine Lippen bewegten sich in heißem Gebete für die Genesung der Kranken. Der Arzt hatte ihm gestanden, daß wenig Hoffnung für die Erhaltung der Unglücklichen vorhanden sei, da der Blntsturz zu mächtig gewesen. Ein leises Geräusch Fanni's veranlasse, daß er den Kopf wendete. Da sah er, daß die Kranke verlangend nach ihm blickte, während das junge Mädchen ihr Medizin einflößte. Die Kranke winkte ihm mit den Augen und er näherte sein Ohr ihrem Munde. „Meier", sagte sie, „wir sind ausgeglichen mit einander, verlaß meine Kinder nicht." Er konnte nicht antworten, mit zusammengepreßten Lippen nickte er mit dem Kopfe. „Versprich es mir mit Worten", sagte sie mit etwas stärkerer Stimme und ihre Augen hingen an seinem Munde. Meierle legte seine Hand sanft auf ihre Stirne und mit fast übermenschlicher Anstrengung sein Weinen zurückhaltend, sagte er: „Ich verspreche es, ich werde für die Kinder sorgen, als ob sie mein Fleisch und Blut wären." Sie nickte leise mit dem Kops und ein Blick unendlicher Dankbarkeit leuchtete aus ihren Augen. Dann wandte sie sich zu ihrer Tochter und sagte: ,-Der Mann da will Dein und des Kleinen Vater sein, sei Du ihm eine Tochter, meine Fanni, und laß das Kleine nicht anders wissen, als, daß er sein wirklicher Vater sei." „Mutter, Mutter!" rief das junge Mädchen im grenzenlosen Schmerze und sank neben dem Bette der Kranken nieder. „Mutter, sprich nicht so, der liebe Gott wird helfen, Tu wirft gesund werden." „Gott möge es geben", sagte die Kranke, „er weiß es am Besten, wie gerne ich bei Euch bliebe." Sie schloß die Augen und cs tag auf ihrem Gesichte, als ob sie betete. Aber sie sollte nicht genesen. Der Blutsturz wiederholte sich und am Abend beschien las wehmüthig lächelnde Gesicht des Mondes eine Leiche. I VIII.! Ein kleiner Planwagen von einem alten kraft- | losen Pferde gezogen, zog die Landstraße daher, j derselbe Wagen und dasselbe Pferd, denen wir vor I Wochen in anderer Richtung ziehend, begegnet waren. Neben dem Pferde ging Meierle,'im Innern des Wagens saß Fanni, in ihrem Schoße das Schwesterchen haltend. Meierle wollte der Todten sein Wort halten. Die Kinder sollten sein sein; „als ob sie sein j Fleisch und Blut wären", hatte er ja gesagt. Aber l in der kleinen Stadt konnte er die beiden Wesen! nicht ernähren, deßhalb zog er von dannen, wieder! in die Welt hinein, für sich und für sie das Glück j suchend. Es war ihm schwer geworden, seine friedi liehe Heimath zu verlassen, schwer geworden, alle > die zu verlassen, die ihm theuer geworden, aber es! mußte sein. Er wollte sich in einer großen Stadt! niederlafftn, dort hoffte er ein kleines Geschäft zu j gründen, um die Zukunft der beiden Kinder sicher j zu stellen. Die Fahrt ging daher direct nach Frank-! furt am Main. Diese Stadt hatte Fanni vor eij rügen Wochen mit ihren Eltern verlassen und jetzt j zog sie durch dasselbe Thor als eine Waise , abhän- * gig von dem guten Willen eines Fremden. Ihre Thränen fielen auf das Kind, das an ihrerBrust schlummerte und an dem sie jetzt Mutterstelle vertreten sollte. Der Wagen kam plötzlich auf Steinpflaster und von dem Rütteln erwachte das Kind und begann zu weinen. Die Schwester reichte ihm Milch, die sie in einem Topfe neben sich hatte, aber das Kind beruhigte sich nicht. Meierle hielt das Pferd an und trat an den Wagen und fragte, ob dem Kinde etwas fehle, dann nahm er dasselbe auf den Arm und mit der andern Hand die Zügel ergreifend, ging die Fahrt weiter. Die Leute auf der Straße standen still und fahen dem Gefährte und besonders seinem Lenker nach; man war in Frankfurt an dergleichen Aufzügege wöhnt, aberman hatte alsdann stets herumziehende Bettler vor sich, hier zeigte Alles, daß man es mit Leuten zu thun hatte, die milde Gaben von der Hand weisen würden, und die deshalb um so mehr Interesse erregten, besonders bei den Glanbensgenosien. Eine jüdische Frau trat zu Meierte heran und fragte, ob er der Vater des Kindes sei? „Ja", sagte Meierle. „Dann ist wohl die junge, Person im Wagen Eure Frau?" Meierle sah die Fragestellerin verwundert an. „Meine Frau?" sagte er gedehnt. „Nein, sie ist meine Tochter", und damit trieb er das Pferd zum rascheren Gehen an. In einem der kleineren Gasthöfe in der Umgegend des Thores hatte Meierle Quartier ge-

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