Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1875)
- Date
- 1875-01-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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51 nominell. Es war Abend, Fanni saß vor dem Bette des schlafenden Kindes. Sie gedachte ihrer Eltern, und eine schwere Thräne drängte sich aus ihrem Auge und über ihre Wange hinab. Meierle bemerkte, daß sie weinte und trat zu ihr. Sie wußte, daß er sie trösten wollte und mit dankbarem Blick zu ihm aufsehend, legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Ein sonderbares Gefühl beschlich Meierle diesen Augenblick. Aber eine sähe Röthe zog plötzlich über sein Gesicht und er trat zurück und an's Fenster. „Meierle, Meierle", tönte vorwurfsvoll eine Stimme in seinem Innern. „Wohin geräthft i)u? Ihre Kinder, die Du als die Deinigen angenommen, ihre Tochter, über die Du wachen,' die Du glücklich machen sollst!" Er ging hinunter nach dem Stall, um nach dem Pferde zu sehen, obschon er wußte, daß dieses gut versorgt war. Er blieb lange, bis der Abend vollständig hereingebrochen. — Als er wieder in die Stube trat, hatte Fanni bereits für Licht gesorgt, war der Tisch sauber gedeckt und auf demselben Brod, Butter und Bier. Fanni wollte dem edlen Menschen, der ihret- und des Kindes wegen in die Welt zog, soweit sie konnte das Leben bequem machen und in jedem Gafthof, wo sie übernachteten, hatte sie es verstanden, durch ihr Hausfrautalent den Charakter der Herberge zu verwischen, wie heute Abend. Am andern Morgen früh begab sich Meierle nach der Iudengasse in die Synagoge. Es war ihm sonderbar zu Muthe, als er die fremden Gesichter um sich sah und es überkam ihm wie Heimweh. Dieses Gefühl verließ ihn, als der Vorbeter an seinen Platz trat und das „Adann aulom" begann; es war ja dasselbe Gebet, wie zu Hause, dieselbe Sprache und dieselben Gebräuche und er fühlte, daß er unter Brüdern war. Als er aus der Synagoge kam, las er an einer Thür: „Dieses Schuhmacher-Geschäft ist! wegen Auswanderung nach Amerika zu verkaufen." Trotzdem es früh am Morgen war, begab sich Meierle in das Haus; es könnte ihm ein Anderer zuvorkommen, dachte er. Am Abend darauf war der Kauf geschlossen und eine Woche später zogen Meierle, Fanni und das Kind in die neue Behausung. Das Daheim war jetzt gesunden, die Zukunft überließ Meierle Gott; er konnte dieses um so getroster, als er die Gegenwart gewissenhaft benutzte. In der Judengasse erregten die neuen Geschäftsinhaber gewissermaßen Aufsehen, besonders da man nicht erfahren konnte, wer sie eigentlich waren. Die altern Generationen und besonders die Frauen ergingen sich in Vermuthungen der verschiedensten Art, während bei den jungen Männern Fanni das Interesse in anderer Weise in Anspruch nahm. Und eines Tages erzählte man sich in der Judengasse, daß der Bernhard Schlomer, der auf der Zeil, der vornehmsten Straße in Frankfurt, einen großen Laden hatte, und Fanni sich verlobt hätten. Wie es gekommen? Es war eben gekommen, wie Alles in der Welt kommt. Sie sahen sich täglich, denn Bernhard, trotzdem er einen Laden auf der Zeil hatte, verschmähete es nicht, bei seiner alten Mutter in der Iudengasse zu wohnen, sie sprachen sich zuweilen und — eines Tages ohne Zeugen und der Bund für's Leben war geschlossen. Und Meierle? Die Falte seines Herzens, die wir an jenem Abend entdeckten, als er in Frankfurt einzog, war geglättet, vorüber war Alles; er fühlte sich als den Onkel, wie Fanni ihn nannte, als den, der geschworen hatte, für die Kinder zu sorgen und mit Hilfe Gottes ihr Glück zu gründen; wäre es ein Glück gewesen für Fanni, als neunzehnjähriges Weib an der Seite eines Mannes gekettet zu sein, der einst der Bräutigam ihrer Mutter gewesen war, und dem sie nur aus Dankbarkeit ihre Hand gereicht hätte? Den Mann, dem sie jetzt angehören sollte, hatte sie, dem Zuge ihres Herzens folgend, frei gewählt. Meierle wußte, daß sie glücklich war, und dieses Glück reflectirte in sein Herz und machte auch ihn glücklich. Aber ein schmerzliches Gefühl sollte' ihm dennoch nicht erspart werden; es wurde hervorgerufen , als Bernhard seine Braut zur Trauung abholte, und es dauerte lange, bevor er sich an die Einsamkeit gewöhnen konnte; denn auch das Kind wurde ihm entrissen, Fanni hatte gewünscht, das Schwesterchen mitnehmen zu dürfen, und Niemand war ihrem Verlangen entgegen gewesen. Aber es wurde ihm Ersatz für die Liebe, mit der sein Pflegekind ünd deren Gatte ihm anhingen. Fast täglich kamen die jungen Leute nach der Iudengasse, um Mutter und Schwiegermutter zu besuchen, und da war es dann selbstverständlich, daß sie bei dem Onkel einkehrten Der Onkel war auch, so oft es seine Zeit erlaubte, bei den jungen Leuten, und als er seinen Großneffen, Fanni's Erstgeborenen, schreien hörte, da litt es ihn nicht, er mußte jeden Tag da sein. Meierle erreichte ein hohes Alter und verlebte glückliche Tage. Er konnte noch FamnE- Enkel auf den Kieen schaukeln, und auch die Kinder der kleinen Schwester, die ebenfalls einen braven Mann heirathete. Als er starb, folgten ihm Thränen der Liebe und Dankbarkeit in's Grab.