Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1875)
- Date
- 1875-01-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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48 machte sie ihre rechte Hand frei, entriß ^em Grafen den Dolch aus dessen Gürtel und bohrte ihn tief in des Edelmanns Brust. Lautlos stürzte der junge Mann zu Boden, wahrend der aus der Brust strömende warme Lebenssaft sich über daS Gesicht und die Kleider des unglücklichen Mädchens ergoß. Einen einzigen verzweiflungsvollen Blick — Voll Schreck und Liebe zugleich, warf sie auf den am Boden Liegenden, dann floh sie die Stätte des Unheils, wie von Furien gepeitscht, und auf demselben Wege, auf welchem der Cavalier kurz vorher gekommen, verließ sie das Kloster. Sie stand im Freien! — sie war gerettet! Bisher war sie stark gewesen, doch plötzlich übermannte sie die Schwäche des Weibes, gleich einer Trunkenen begann sie zu taumeln, blutiger Schein umflorte ihre Augen und kraftlos brach sie an der Klvstermauer ohnmächtig zusammen. — — Seht das Blut in ihrem Gesicht und auf den Kleidern — sie hat gemordet. Fort mit ihr in'S Gefängniß. — Nein, steiniget sie. — Sie ist eine Jüdin. - Tödtet sie. — Aug um Aug — Zahn um Zahn. — Blut fordert Blut zur Sühne. — So schrie und tobte die aufgeregte Menge durcheinander, welche sich schnell um die am Boden liegende besinnungslose Rachel angesammelt hatte. Immer enger schloß sich der Kreis — schon sah man drohend geschwungene Stöcke in der Luft — die hock ge Gefahr war für die arme Rachel gekommen — da — plötzlich — wie Geisterruf erklang eine Stimme, die aus dem Grabe zu kommen schien, und gebot Ruhe. Erschrocken wendeten sich die Schreier nach jener Richtung hin, aus der die Stimme ertönt war, und schaudernd gewahrten sie auf den Stufen, welche zum Eingänge des Klosters führten, den Rücken an die Wand gelehnt — den Grafen v. Ledron. Gebietend war seine Rechte ausgestreckt, während seine Linke das Ende seines Mantels fest aus die lrnke Brust drückte, um das derselben entströmende Blut zurückzuhalten. Sein Antlitz war todtenbleich, seine Kleider vom Blute getränkt. Langsam, doch festen Schrittes stieg er die Stufen hinab und nahte sich der Gruppe. Zurück, ihr Alle, rief er mit gebieterischer Stimme, und scheu zog sich das Volk'zurück. Kennt Ihr mich? fragte der junge-Mann wieder. Wir Alle kennen Euch, edler Herr! fügte einer der Anwesenden. Nun denn, ich bitte Euch, laßt ab von dieser Jungfrau, bringt sie in die Judenstadt nach ihres Vaters Hause. Ich bürge für sie — ich, der Graf v. Ledron — sie ist unschuldig. Ein unglücklicher Zufall hat es. gewollt, daß ich verwundet wurde. Sie war dabei zugegen. Das Blut, das sie sah, raubte ihr die Besinnung. — Bringt sie nach Hause, Euer Schaden soll es nicht sein. Schnell holten einige Leute eine Bahre aus dem Kloster. Vorsichtig wurde Rachel darauf gelegt und langsamen Schrittes bewegte sich derZua nach der Judenstadt. Wehmüthig schaute der junge Mann demselben nach, bis er endlich um eine Ecke biegend , ihm nicht mehr sichtbar war. O! könnte ich Dich begleiten, flüsterte er, könnte ich Dir sagen, wie sehr ich Dich geliebt habe — geliebt bis zum Tode, sagte er wehmüthig lächelnd, könnte ich Dir sagen, wie sehr ich meinen frevelhaften Ungestüm bereue! Könnte ich noch einmal diese Hand fassen, noch einmal sie an meine Lippen drücken — noch einmal, ehe ich sterbe. — Sterben, ja, ich fühle es, es ist der unerbittliche, grausige Tod, der nicht Jung, nicht Alt, nicht Liebende, nicht Hassende verschont. Sterben — todt — ewig von ihr getrennt. Ewig — auch im Jenseits — auch im Jenseits. Die Kluft, sie ist's, die uns auch dort noch trennen wird. O! könnte ich leben, leben um des Jenseits einst theilhaft zu werden — des Jenseits, welches ihr wird. Aus ihrem schönen Munde horte ich Worte, die mich tief erschauern machten — sie schlossen mir Mysterien des Glaubens auf. — — Müßt ich nicht sterben — ich würde die Kluft ausfüllen, die uns trennt. Um meinetwillen — um ihretwillen — um Gotteswillen. Leute, helft mir, rief er plötzlich, ich kann nicht mehr — bringt mich nach Hause — ich sterbe. Schwer fiel sein Kopf aus die Schulter nieder; er war ohnmächtig geworden, und schnell wurde er von mehreren Männern nach seinem'Schlosse gebracht. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen .Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).