Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1875)
- Date
- 1875-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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47 zu klopfen begann und laut jubelte — ja — ja du liebst ihn, — dann rief sie laut in die Nacht hinein, um die Stimme ihres Herzenzu übertauben — nein — nein — ich liebe ihn nicht — ich darf ihn nicht lieben — denn er ist — Christ und Edelmann — und ich — ein armes Judenmädchen. Auch beute war der Graf wie gewöhnlich erschienen. Von seinen weiten Reisen erzählte er ihr, von den Menschen, deren Gebräuchen und Sitten. Allmählich wurde er wärmer; mit beredter Sprache erzählte er von seiner Mutter, die ihn so innig geliebt, von seinem Vater, der so ernst, so strenge gewesen. Sie sind todt, sagte er, und ich, ich bin allein zurückgeblieben ungeliebt. Da — eines Tages — sah ich' Euch, Rachel, an der Seite Eures Vaters sittig und bescheiden dahinschreiten, Euer schönes reines Auge strahlte solch' hehre Reinheit, solch' unendliche Glückseligkeit aus, daß der eine Moment, in welchem ich Euch sah, entscheidend war, für mein ganzes Leben. Für mein ganzes Leben — Ihr könnt es mir glauben. Diese Leere, die sich meines Innern bemächtigt hatte, seit dem Tode meiner Eltern, sie war plötzlich verschwunden. Ein nie gekanntes unbeschreibliches Gefühl hatte sich meiner bemächtiget, überall, wohin ich schaute, sah ich zwei leuchtende Sterne, die mich wundersam anschauten — es waren Eure Augen. Ich liebte Euch — ich wußte es — ich hätte lachen und weinen können zu gleicher Zeit — ja, Rachel, ich liebte Euch damals ich, lch liebe Euch heute noch tausendmal mehr. O! laßt mich sprechen, schaut mich nicht so finster an, wendet nicht ab Euer schönes Antlitz von mir, thuet es nicht, ich bitte Euch, ich siehe Euch an, thuet es nicht, ich muß es Euch sagen, wie sehr ich Euch liebe, ich muß es Euch endlich sagen, lange genug hat dieser Zwang gedauert, der mir die Brust zu sprengen droht. Damals, als ich Euch das erstemal sah, damals schon rief mir eine Stimme in meinem Innern zu: — ich muß sie besitzen. Doch wie zu diesem Besitze kommen f Ich ließ Euch entführen. Wie dies möglich gemacht wurde — erst später erfuhr ich es durch meinen Diener, und Ihr dürft es mir glauben, ich verabscheue die Thaten, die damit verbunden waren. Nicht gerne theile ich es Euch mit, doch bin ich hiezu genöthiget. In jener Nacht, in welcher ich Euch entführen ließ, in jener Nacht brach eine wilde, fanatische Horde in daS Ghetto ein, und viele Menschen verloren ihr Leben. Schluchzend verbarg Rachel ihr Antlitz in beide Hände. O! verbannet den Kummer, verbannet den Schmerz von Euch — Rachel — ich liebe Euch. Nicht weiter, Herr Graf, in diesem Tone! Zwischen uns darf niemals — Hort Ihr — niemals darf zwischen uns von Liebe gesprochen werden. Nicht, weil Ihr Edelmann seid, und ich nicht Euren Ranges bin, nicht deßhalb, nicht weil Ihr reich und ich ein armes Mädchen, nicht deßhalb, nein — eine Kluft, eine breite tiefe Kluft ist zwischen uns — eine Kluft, Herr Graf, worüber keine Brücke, kein Steg führt, die Kluft — des Glaubens. „Ich gehöre jenem Volke an, dessen Vorfahren „einer einst mit Gott auf Sinai gesprochen — ich „gehöre jenem Volke an, das verachtet und gemieden in der Welt umherirrt und dessen größter „Stolz eben diese Verachtung ist, denn der Glaube „— unser großer, gewaltiger Glaube ist es, dem „wir diese Verachtung danken, der Glaube, den „wir höher achten und lieben als Leben, Reichthum „und Macht — der Glaube, dem wir angehören „mit Leib und Seele, der Glaube, der uns in Un- „glück, Verzweiflung und Jammer, zur neuen That, „zum neuen Ausharren begeistert — ja — es ist „der Glaube des Juden, den wir unsere Kinder „lehren, wenn sie kaum zu lallen beginnen." Ja, Herr Graf, diese Kluft ist es, die unS trennt — diese Kluft — vielleicht allein! Ihr liebt mich, Rachel! rief der Graf freudigen Tones. Ich habe eS nicht gesagt. O! werdet mein, laßt diese Glaubensmeinung — kommt auf mein Schloß, ich will Euch buten und pflegen, gleich dem größten Schatze der Welt. Ihr'sprecht vergebens, Herr, die Kluft ist zwischen uns — sie trennt uns für immer. Liebet Ihr mich wirklich — nun dann, erfüllet meine Bitte — lasset mich heimkehren zu den Meinen. Rachel, die Deinen nennen Dich Rose von Zion, ob Deiner Schönheit — ich aber, ich will Dich nur mein nennen — mein. Ich will, ich kann Deiner Bitte nicht gewahren, denn stürmisch rollt das Blut mir in den Adern, fieberhaft hämmern meine Pulse, mein sollst Du werden noch in dieser Stunde, denn ich liebe Dich, ich liebe Dich. Und mit ausgebreiteten Armen umschlang der Graf da- Mädchen. Ein verzweiflungsvolles Ringen begann zwischen dem starken Manne und dem schwachen Mädchen - sie mußte unterliegen, sie mußte, sie fühlte, wie ihre Kräfte abnahmen, da, mit einemmale, stieß sie einen Schrei der Freude, der Hoffnung aus. Mit einer verzweiflungsvollen Anstrengung