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Der Israelit · 1875-01-13 · Heft 2 (13.1.1875) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 2 (13.1.1875)
Date
1875-01-13
Page
– (sequence 12)
Language
German
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32 als wenn das Dach und die Decke zusammenstürzte, eine erstickende Atmosphäre herrschte plötzlich im Zimmer und behinderte ihm das Athmen, ihm schwindelte. Mit Zusammennahme aller Kraft stürzte er zur Thür, und als er sie öffnete, gewahrte er einen Feuerstrahl gen Himmel zuckend. Die Flamme kam aus der Synagoge, in die der Blitz geschlagen. Die Frauen, die Meierle soeben verlassen, waren in großer Angst wegen des Wetters. Sie hatten manches Gewitter auf ihren Reisen erlebt, aber sie hatten die Furcht vor demselben nie überwinden können. Die Mutter hatte ein altes Chummisch, das sie bei sich führte, auf den Tisch gelegt und die vier Ecken desselben mit se einem Häufchen Salz versehen, und während sie mit vor Angst bebender Stimme singend auf und ab ging, um das weinende Kind zu beruhigen, saß Fanni mit geschlossenen Augen und beide Hände vor die Ohren gepreßt, in einer Ecke des Zimmers und zitterte wie ein Blatt im Winde. Plötzlich erhellte ein greller Blitz das Gemach und ein furchtbarer Donner folgte unmittelbar hinterher, das Haus in seinen Grundfesten erbeben machend. „Das hat gezündet", schrie Fanni aufsprinend und eilte unwillkürlich ans Fenster. Der eftig strömende Regen hatte die Gassen in reißende Bäche verwandelt, in denen sich das Licht der einsamen Straßenlaterne, die an einem über die Straße ausgespannten Seile hing, trübe spiegelte. Plötzlich aber wurde das strömende Wasser durch ein helleres Licht erleuchtet. Es war nicht der Blitz, der das hervorbrachte, sondern ein anhaltendes Flammen. „Es brennt", schrie Fannr Sie stieß die Stubenthür auf und rief: „Es brennt, der Blitz hat gezündet!" Aber schon wurde es im Hause lebendig. Auf den Straßen wurden Thüren geöffnet und wieder heftig zugeschlagen. „Es brennt!" rief es, „Feuer, Feuer!" tönte es überall. Das Gewitter hatte mit dem letzten furchtbaren Schlage seine Kraft erschöpft. Es blitzte nur noch schwach und der Donner grollte in der Ferne in den Bergen; der strömende Regen hatte nachgelassen. Theils Neugierde, theils Angst trieb die Leute auf die Straßen, die hell erleuchtet waren. „Die Schul brennt, rettet die Sforim", rief plötzlich eine Stimme. „Die Schul brennt^, die Sforim!" hallte es angstvoll wieder. „Die Schul brennt!" ging es mit Entsetzen von Mund zu Mund. Bom Thurme herab heulte die Sturmglocke und der Stadttombour wirbelte den Allarmmarsch durch die Straßen, um die Bürgerwehr zu verammeln, aber nur die christlichen Mitglieder derelben gehorchten heute ihrer Pflicht, die Angst um )ie Sforim, das Bestreben sie zu retten, ließ bei den Juden jede Rücksicht in den Hintergrund treten. .'luch die Frauen betheiligten sich an dem Rettungswerk, indem sie hinter den die Straßen durcheilenden Spritzen anschoben, damit die schwerfälligen Maschinen schneller an den Ort ihrer Bestimmung gelangten. Auch die Fremde betheiligte sich in dieser Weise. Sie war hinuntergeeilt, als sie den Ruf vernommen: „Die Schul brennt!" Und jetzt stand sie zitternd auf der Straße und sah den Menschenftrom an sich vorübereilen. Sie wollte mit, aber das unbestimmte Gefühl, daß sie hier fremd sei, daß sie gar nichts helfen könne, ergriff sie. Plötzlich stürzte das Pferd einer Spritze, die an ihr vorüberrasselte, todt zusammen. „Allmächtiger Gott!" „Schmäh Jisroel", hörte man die Schreckensworte ertönen. „Ein Pferd, ein frisches Pferd", rief es von verschiedenen Seiten Wie der Blitz war die fremde Frau in dem Stall. Schnell war das Pferd aufgezäumt, hinausgeführt und eingespannt und so schnell es dem magern Thiere möglich war, die schwerfällige, noch aus dem vorigen Jahrhundert herrührende Spritze vorwärts zu bringen, ging es von dannen. Der Schulplatz bot ein grausenerregendes Schauspiel dar. Der ganze obere Theil der Synagoge und die angrenzenden Gebäude standen in Flammen und es schien, als ob das dem Feuer feindliche Element, das in Strömen in die Flammen gejagt wurde, dieselben nur noch stärker anfachte. ' Umgeben von schwarzem Rauche, der aus einem untern Fenster der Synagoge quoll, stand Meierle und langte die Gesetzrollen den Außenstehenden zu, die von Hand zu Hand wandernd, sogleich in Sicherheit gebracht wurden. Schon war die letzte derselben gerettet, und Meierle wollte das brennende Gebäude verlassen, unbekümmert um das, was die Synagoge noch barg, waren ja ihre kostbarsten, ihre heiligsten Schätze den Flammen entrissen, da krachte es draußen, und prasselte es, und als Meierle hinaus wollte, drangen ihm aus einem Schutthaufen Rauch und Flammen entgegen. Ein Theil des Synagogendaches war herabgestürzt und vor den Schuleingang gefallen, so, daß dieser versperrt war. Entsetzt eilte Meierle zurück nach einem der Fenster, um hier den Weg der Rettung zu finden, aber die Oeffnungen boten einem erwachsenen Menschen nicht Raum zum Durchdringen. „Räumt den Schutt weg, oder ich verbrenne", rief er hinaus.

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