Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1872)
- Date
- 1872-12-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447551-2447602--11160-2466932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1079 Metzgers mordend umher. Zu Güstrow in Mecklenburg fand 1330 die Verbrennung mehrerer Juden unter der gewohnten Beschuldigung statt: an der Richtstätte wurde eine Kapelle erbaut. 1338 war das Verbrechen angeblich in einem Dorfe bei Padua verübt worden. Der Herzog ftagte bei Papst Benedict Xi I. deshalb an und wurde angewiesen, die Juden, wenn sie nicht Christen werden wollten, dem Verbrechen gemäß zu bestrafen. Im Jahre 1369 hatten Juden zu Brüssel Hostien zerstochen und es war Blut aus denselben geflossen, in Folge dessen mehrere Hinrichtungen. Dasselbe ereignete sich 1399 bei Posen. In die nämliche Zeit fällt wegen eines ähnlichen Verbrechens in Oesterreich die Hinrichtung von 2000 Juden an einem Tage auf Befehl des Kaisers Albrecht. Zu Breslau wurden 1453 auf Anhetzung des Franziskaners Johann Capistrano 41 Juden nebst einem Bauer verbrannt, eine Anzahl des Landes verwiesen, ihr Vermögen natürlich eingezogen; der Rabbiner erhängte sich in der Nacht vor der Hinrichtung. Kurze Zeit darauf ähnliche Ereignisse in Schweidnitz, Jauer und anderen schlesischen Städten. Im Jahre 1492 wurde Blut an geweihten Hostien gesehen zu Sternberg in Mecklenburg. Der Criminalproceß ergab selbstverständlich das Verbrechen, wie oben erwähnt, seitens mehrerer Juden und eines Priesters. Am folgenden Tage wurden einige zwanzig davon auf einer Anhöhe bei Sternb.rg verbrannt, die seitdem der Judenbcrg heißen soll. (Nach der Angabe Ehrenbergs ist es derselbe Ort, wo noch im Jahre 1848 die Mecklenburgischen Landtags-Deputirten ihre Sitzungen eröffncten.) Der schuldige Priester starb im folgenden Jahre zu Rostock auf dem Scheiterhaufen. Noch im Jahre 1510 wurden in Berlin 39 Juden hingcrichret und zu Pulver verbrannt, weil sie Hostien so lange gemartert, bis Blut kam; ein Jude in Spandau, der sic gekauft, erlitt ebenfalls den Tod. In ähnlicher Weise wiederholte sich die Schauergeschichte mit den blutenden Hostien im Laufe Jahrhunderter. Das Verbrennen der Juden bei solchen Gelegenheiten kam nach und nach mit dem Anfhören jener romantischen Zeiten außer Mode. Die Eingangs erwähnte Erscheinung rothen Schimmels auf Alkaisbrei im Dorfe bei Padua 1819 und ihr gleichartiges Vorkonlmen in Enkirch an der Mosel im August und September 1821 waren die Veranlassung zu eingehenden Untersuchungen. In einer Mühle des letztgenannten Ortes zeigten sich besonders an wärnreren Tagen fast alle Speisen mit den rothen Flecken bedeckt, vorzugsweise Kartoffeln. Das Phänomen hielt hartnäckig und in bedeutender Ausdehnung an. Alle Dienstboten waren aus der Mühle entflohen und Niemand wollte mehr Brod kaufen, dessen Mehl aus jener Mühle fei. Der Landrath des betreffenden Kreises in Begleitung des Kreis- Physikus untersuchte die Sache. Die Regierung in Coblenz ließ den Gegenstand wissenschastlich weiter verfolgen und es ergab sich dann auch hier die Anwesenheit der roth gefärbten, höchst productionsfähigen pflanzlichen Parasiten. Daß dieselben in dumpfen, feuchten Kirchen unter Begünstigung der heißen Jahreszeit sich eben so gut bilden können, als irgend anderswo , wenn sie den paffenden Keimboden finden, läßt sich wohl nicht bezweifeln. — In der oben angeführten Stelle, wo von einem im Jahre 1338 in einem Dorfe bei Padua verübten Verbrechen die Rede ist, muß offenbar Passau gelesen werden, und der Ort heißt Deggendorf, wo im Jahre l 338 des Mirakels einer geretteten Hostie wegen sammtliche Juden geschlachtet wurden. Das Andenken an diese „Rettung" und au das Mirakel ist wie alle Jahre so auch dieses Jahr am letztvergangenen 24. November irr jDegzendorf durch eine große Wallfahrt und Kirchenfestlichkeit begangen worden. Wir kennen einen Brief Benedrct's XII. vonr 28. August 1338 datirt und vorr Avignon aus an den Herzog Albrecht von Oesterreich gerichtet. Dieser Brief behandelt Vorgänge in der Pasiauer Diöcese. Der Brief wirft ein eigenthümlicheS Licht auf die Hostien-Mysterien jener Zeit; er beurkundet, wie damals die Mirakel mitunter zu Stande kamen; er zeigt, daß der heilige Vater feine Leute kannte. Ludwig Steub faßt in feinen „Altbayerischen Culturbildern" den Inhalt des sehr umfangreichen Briefes gedrängt zusammen wie folgt: Es habe der Herzog ihm geschrieben, wie mau in seinem Lande unter dem Stroh vor eines Juden Haus eine mit Blut besprengte Hostie gefunden, welche das Volk in die Kirche gebracht habe und dort verehre, weil es vermeine, die Juden hätten ihr alle Schmerzen angethan, und sie gemartert. Deßwegen sei denn in jener Gegend eine große Metzelei der Juden vorgenommen worden, aber nicht so fast wegen jener Ursache, sondern, wie Manche behaupten, um den Juden ihr Geld abzunehmen, was namentlich daraus erhelle, daß die Wnth des Pöbels jene Schlächterei ohne jedes rechtliche Verfahren und ohne Richterspruch gar grausam vollzogen habe. Ferner berichte der Herzog: es habe einmal in einem österreichischen Orte ein Geistlicher eine nicht consecrirte mit Blut bespritzte Hostie ausgestellt, später aber vor dem Bischof von Passau und anderen noch lebenden glaubwürdigen Personen das Geständniß abgelegt: er selbst habe diese Hostie mit Blut benetzt, um den Glauben zu erwecken, sie sei von den Juden schimpflicher Weise geschändet worden. Diese Hostie sei dann, nachdem sie einige Zeit alle Verehrung genossen, von Würmern und Motten zerfressen und ganz verzehrt worden. Derselbe Geistliche habe jedoch, Frevel auf Frevel häufend, eine andere nicht consecrirte Hostie, dre er selbst mit Blut gefärbt, an die Stelle der elfteren gesetzt und dies nachher in der Beichte eingeftanden. Es werde aber jene Hostie von den Gläubigen, die von dem Betrug nichts erfahren haben, noch immer höchlich verehrt. Eine ähnliche Geschichte habe man zum Verderben der Juden an einem anderen Orte anzetteln wollen, allein mir Gottes