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Der Israelit · 1872-12-25 · Heft 52 (25.12.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 52 (25.12.1872)
Date
1872-12-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1076 „Am Ende wohl gar, daß Sie mich heirathen sollen! — Und warum ist das unmöglich?" „ „Mein Herz hat bereits gewählt; ich liebe einen Andern."" „Den Farbenkleckser," rief Müller ärgerlich, „den verrückten Sohn eines verrückten VaterS! Den hättest Du doch niemals bekommen." „„Stille, Müller,"" sagte Meschede, „ laßt mich reden. Ick bedaure außerordentlich, mein schönes Fräulein, daß sich die Neigung Ihres lieben Herzchens nicht mir zugewandt hat. Allein vernünftiger Weise kann ich das gar nicht erwarten. Ihrer Liebe zu dem jungen Maler müssen Sie in jedem Falle entsagen, da Ihr Herr Vater diese Wahl nicht billigt. Deßhalb bitte ich Sie: nehmen Sie mich als Ersatz an. Ich bin zwar weder jung, noch schön und habe keine hervorragenden Talente, aber ich besitze Talente^'), nämlich, was die Römer so nannten, und zwar mehr als zweitausend. Mein ganzes Vermögen lege ich Ihnen zu Füßen; Sie sollen schalten und walten darüber; Sie sollen leben wie eine Fürstin. Sie sollen das erste Haus in ,.. n ausmachen dürfen. Sie sollen eine Equipage haben, schöner als Baron von O. sie hat. Bediente in kostbarer Livree sollen Ihres Winkes gewärtig sein. Im Sommer dürfen Sie eine prachtvolle Villa bei Rolandseck. die ich neulich erworben habe, bewohnen. Oder, wir reisen zusammen nach Homburg oder Baden-Baden, nach der Schweiz oder Italien. Willigen Sie ein und werden Sie meine Gattin! Ich werde als gehorsamer Sclave 311 Ihren Füßen liegen — ich werde Sie auf Händen tragen!" " Allmählich hatte sich das Ouiekende in seiner Stimme verloren. Die Glutb, mit der er sprach, verschönte förmlich seine sonst so häßlichen Züge. „Herr Meschede," sagte Bertha, „die reizenden Bilder, die Sie vor mir entrollen, reizen mich nicht " „„Also wählen Sie mich nicht, mein Fräulein; ich will Sie nicht überreden. Dann aber wird Ihr Vater dem Elende und der Schande anheimfallen, die er nicht überleben wird; dann werden Sie Sich als die Mörderin Ihres Vaters anzusehen haben, den Sie hätten retten können, aber nicht retten wollten."" „Herr Meschede, helfen Sie meinem Vater, ohne auf diese Bedingung zn bestehen." „„Wie, ich soll für einen Fremden 200,000 Thaler riskiren? Ich habe mein Geld sauer verdient. Meine Ettern waren arm; ich habe sie ernährt und von meinen Ersparnissen habe ich einst meine Schwestern ausgegeben; es hat lange gedauert, bis ich die ersten 10,000 Thaler beisammen hatte; nur durch taufen» *) Die Römer nannten eine Summe von circa i300 Tbalern ein Talent« Entbehrungen, durch Sparsamkeit, welche die Leute Geiz schalten, durch unermüdliches Schaffen und Raffen, was man Habsucht schalt, habe ich es dahin gebracht, daß ich jetzt so reich bin. Ich, der ich von jeher jeden Pfennig mit Sorgfalt hütete, ich will Ihnen, mein Fräulein, zu Liebe 200,000 Thaler riskiren; ja, noch mehr, ich will ein anderer Mensch werden, will Ihnen nicht allein gestatten, Geld nach Herzenslust für Vergnügungen, kostbare Einrichtungen, Schmuck und Toilette auszugeben — Sie sollen auch den Armen nach Herzenslust Gutes thnn dürfen; eine großartige Wohlthätigkeitsstiitung soll Ihren Namen nnd den meinigeii auf die ^Nachwelt vererben. Die Geschäfte, die ich bisher gemacht, sie sollen abgeschnitten sein. Auf mein Aenßeres werde ich alle mögliche Sorgfalt verwenden, um von meiner schönen und eleganten jungen Frau nicht zu sehr abzustehen. In religiöser Beziehung werde ich nicht allein Ihnen freie Hand lassen, nach den Vorschriften des Iudenthums zu leben, sondern ich selbst werde mich bemühen, diese Vorschriften genau zu beobachten."" „Bertha," rief Herr Müller, „rührt Drch soviel Liebe nichts Willige ein. mein Kind, willige ein!" „„Stille, Müller,"" sagte Jsak verweilend, „„laßt Ihr das Gvldkind gehen; drängt sie nicht; es ist mir lieber, sie willigt nicht so rasch ein; ich würde sonst glauben, sie speculire auf meinen Tod."' „Herr Meschede," entgegnete Bertha, „wenn ich jemals einwilligen würde, Ihre Gattin 311 werden, so würde ich einen so schrecklichen Gedanken für eine große Sünde halten; ich würde vielmehr Sie so lieben" nnd achten und mit solcher Sorgfalt über Ihre Gesundheit wachen, wie wenn Sie der Mann meiner Wahl wären." „„Ich weiß es, Goldkindchen, tch weiß es; und gerade deßhalb ist meine Wahl auf Sie gefallen. Meinen Sie denn, es würde mir schwer fallen, eine Frau zn finden s Wo ich anklopfte, würde, nicht mir, aber meinem Gelde mit Freuden aufgethan werden. Allein, ich will keine Frau, deren Herz am Gelde hängt. Und mm, geben Sie mir Ihr Händchen, und willigen Sie ein!"" „Ich kann nicht. Gewähren Sie mir eine Frist zur Ueberlegung." „„Müller, bis wann braucht Ihr das Geld f'i: „20,000 Thaler brauche ich gleich; das Andere hat Zeit dis übermorgen." „„Nun, so will ich dem Goldkindc zu Liebe ein Uebriges thnn, nnd 20,000 Thaler bedingungslos vorstrecken. Bis übermorgen also. Fräulein Bertha. erwarte ich Ihre Entscheidung."" (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage nebst Inhaltsverzeichnis und Titelblatt. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. Verlas der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchunv Steindruckerei in Wlainx.

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