Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1872)
- Date
- 1872-12-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1071 uctt der allgemeine n israelitischen Bereinigung losxrennen, um einen Sonderbund zu schließen? Was die „Alliance Jsr. Univ." vor allen Dingen auszeichnct, ist der Gedanke der Einheit aller Israeliten ans der weiten Erde. Ein einigendes Band soll, nach der Intention der Stifter, sämmtliche Genossen des jüdischen Glaubens umschlingen; eine Behörde soll in dein Centralconntv dieses Vereines erwachsen, an die sich alle Juden, die durch staatlichen Druck oder andere Verfolgungen zu leiden haben, um Hilfe und Beistand wenden dürfen. Der Gedanke, an sickgroß und schön, von dem verdienstvollen Simon Bloch, Hanptredactenr des „Univ. Jsr.", zuerst angeregt, fand begeisterte Theilnahme und wurde vor circa l2 Jahren thatsächlich in Ausführung gebracht. „Was die „ Alliance" in diesen Jahren geleistet, wie sie stets hilfsbereit war bei allen Calamitäten, davon haben wir in diesen Blattern häufig und ausführlich berichtet. In Bezug auf das Iudenthum als solches nahm die „Alliance" eine indifferente Stellung ein. das heißt, sie wollte alle Parteien umschließen und hielt sich daher von Allen« fern, w'as irgendwie nach religiöser Propaganda — sei es int orthodoxen, sei es im reformatorischert Sinne — ausgesehcn hätte. Als dereinst Crömieur in seiner Generalversammlungs-Rede den Dekalog citirte und das vierte Gebot (Sabbat) zu erwähnen vermied, haben wir ihn streng getadelt. Der Tadel wirkte, und seitdem ist ein solcher Verstoß nicht mehr vorgekommen. Als ein deutscher Agent der „Alliance Jsr. Univ." mit den publicirten Schriftstücken derselben zugleich das nunmehr eingegangene „Synodalblatt" versandte, um bei den deutschen Mitgliedern der „Alliance" für die «ynode Propaganda zu ntachen, so wurde ihm sofort die Agentur entzogen. In neuerer Zeit jedoch hat die „Alliance" auffallender Weise um die Gunst der deutschen Reformer gebtihlt und die jüdische Orthodoxie in Deutschland ignorirt oder bei Seite geschoben. Bei den jüngsten Wahlen für das Centralcomitö wurden die Lazarus, Treuensels :c. vom Vorstände der „Alliance" in Vorschlag gebracht und auch gewählt. So hat Cremienr vor einiger Zeit ein Dankschreiben an alle Diejenigen erlassen, welche den französischen Kriegsgefangenen Gutes erwiesen haben. Da waren Namen von Männern genannt, die selbst überrascht waren, in jenem Schriftstücke sich erwähnt zu sehen, da sie gar die Gelegenheit nicht gehabt, etwas für die Kriegsgefangenen zu thun, während die Namen der Orthodoxen in ostentativster Weise übergangen waren. Alle diese Anstrengungen waren vergebens gemacht; gerade Diejenigen, denen die „Alliance" so zu schmeicheln bemüht war, wenden ihr jetzt den Rücken; sie wollen selber „Alliance" spielen. Einstimntig hat, mit alleiniger Ausnahme des Herrn Rabbiner vr. Hildesheimer, die Berliner Versammlung die thatsächliche Lostrennung von der „Alliance Jsr. Univ." und die Gründung eines eigenen deutschen Bundes beschlossen, der nur mit der „Alliance" in Verbindung zu treten habe. Herr Professor Lazarus har die Versammlung mit der klingenden Phrase entlassen: „die Humanität sei confessionslos." Es ist das ein greller Unsinn, wie man ihn von einem „Völkerpsychologen" nicht erwarte?! sollte. Dem gegenüber liegt es jedoch klar zu Tage, daß die Humanität die nationalen Schranken zu durchbrechen sich zur Aufgabe machen sott, ja, daß sie selbst eilt Abstrahtren von dem Gedanken der Nationalität ist. Warum also einen deutschen Jsraelitenbund gründen, da doch eine allgemeine israel. Vereinigung besteht? Etwa deßhalb, weil diese, da sie in Paris erstandert, einen französischen Narnert trägt? Auch wir lieben unser deutsches Vaterland; als Bürger desselben ringen, kämpfen und streben wir für Dcntfchlands Wohl, Ehre, Größe, Ruhm; das ist uns nicht allein Herzensbedürfniß — das ist uns religiöse Pflicht. Was aber unser Iudenthum als solches betrifft, so eristirt für uns und für alle vernünftigen Glaubensgenoffen kein Unterschied zwischen deutschen, französischen , italienischen, holländischen, englischen, amerikanischen, orientalischen rc. Juden; sie alle find unsere Glaubensbrüder, wenn sie unfern Glauben hochachten und als Juden leben wollen. Wir haben oben die Berliner Conferenz einen letzten Versuch genannt; wir glauben mit Recht; denn es ist wohl nicht anzunehmen, daß die Juden Deutschlands darein willigen werden,"daß eine solche Trennung und Scheidung nach Nationalitäten zwischen Juden und Juden platzgreife. Dasselbe Geschick, das die Synode 'und den Gemeindebund ereilt hat, wird auch dieser neuesten, projectirten Vereinigung zu Theil werden. Nachdem wir Vorstehendes in Folge der Berichte unserer Berliner Correspondenten und gemäß der Referate vieler politischer Zeitschriften geschrieben, kömmruns die Nr. 51 der „Israel. Wochenschrift" zu, welche die Stirn hat, das Resultat der Berliner Versammlung als einen Sieg der „Alliance" in Deutschland darzustellen! Wenn die „ All. Jsr. Univ." in Deutschland auf solch einen „treuen Fels" gebaut werden soll, dann würde sie bald von den Wogen des Meeres hinweggespült werden.