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Der Israelit · 1872-12-18 · Heft 51 (18.12.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 51 (18.12.1872)
Date
1872-12-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1056 gekommen, und nach drei Monaten werde ich Ihnen Alles nebst Zinsen zurückzahlen." „„Ihr seid ein Narr, Müller, daß Ihr so etwas von mir verlangt!"" „Sie wollen nicht, Meschede?" „„Nein!"" „Daß Gott erbarm! Ich überlebe die Schmach nicht. Meine arme, unglückliche Bertha!" „„Hören Sie, Müller, ich hätte ein Geschäft für Sie, das Sie vielleicht allen Verlegenheiten entheben könnte." " „Sprechen Sie, sprechen Sie!" „„Die ganze Stadt spricht davon, daß ich mich zu verheirathen gedenke."" „Nun?" „„Ich bin bereit, Ihnen die 200m1Ne ohne Zinsen zu borgen, wenn . . . „Sprechen Sie! Spannen Sie mich nicht auf die Folter! Wenn . . . „„Wenn Sie mir Ihre Tochter Bertha zur Frau geben wollen." ' - „Was sagen Sie?" „„Wenn Sie mir Ihre Tochter Bertha zur Frau geben wollen „Sie scherzen, Herr Meschede!" „„Es ist mein vollständiger Ernst."" „Meine liebreizende, unschuldige, achtzehnjährige Tochter, meine süße Bertha soll ich Ihnen .... verkaufen!" „„Sollen Sie mir verkaufen!"" „Herr Meschede, was verlangen Sie von mir?" „°Herr Müller, was verlangen Sie von mir?"" „Ein Darlehen." „„Und ich verlange Eure Tochter. Will ich sie etwa erwürgen? Nein, ich will sie heirathen, will sie zur Herrin und Erbin meines ganzen Vermögens machen. Geht hin und sucht Euch einen Schwiegersohn, der so reich ist wie ich."" „Und wenn Sie mir als Schwiegersohn recht wären — würden Sie dem Kinde als Gatte willkommen sein?" „„Bertha ist eine gute Tochter; um ihren Vater vom Verderben zu retten, wird sie sich entschließen, ein Opfer zu bringen."" „Und ich soll dieses Opfer von ihr velrangen?" „„Wenn Sie nicht wollen — die Wahl steht bei Ihnen."" „Herr Meschede, Sie könnten Berthes Großvater sein." „„Drei Millionen Thaler gleichen den Unterschied der Jahre aus."" „Sie besitzen drei Millionen?" „„Eher noch etwas mehr als weniger."" Und wollen mir nicht einmal 200 mllle ohne Bedingung leihen?" „„Daß ich ein Narr wäre!"" „Drei Millionen Thaler!" „„Nicht wahr, es ist viel Geld?"" „Und das Alles soll meine Tochter dereinst erben?" „„Eine Stunde vor der Trauung mache ich Testament und setze sie zur Universalerbin ein!"" „Meine Tochter wäre eine Thörin, wenn sie nicht darauf einginge." „„Sie willigen ein, Müller?"" „Ich willige ein." „„Sobald ich das Jawort Ihrer Tochter habe, können Sie die 200 will« auf mich abgeben."" Müller eilte nach Hause; es prcssirte ihm sehr, die Deckung für bald fällige Wechsel sobald als möglich zu erlangen; trotzdem zitterte er vor dem Gedanken, seiner Tochter ein so schreckliches Opfer abverlangen zu müssen. Meschede war nicht blos alt, er war auch furchtbar häßlich; er war klein von Gestalt; sein dicker Kopf war fast eingeengt inmitten hoher Schultern, seine Augenbrauen waren zusammengewachscn und bildeten eine gerade Linie; eine mächtige Nase wölbte sich in einem großen Bogen über einem fast zahnlosen Munde, der sich beinahe von einem Ohre zum andern dehnte; dabei war er sehr unsauber in seinem Anzuge, woran einerseits Nachlässigkeit, andererseits die Gewohnheit des Tabakschnupfens die Schuld trug; zudem war er unangenehm in seinen Manieren, hatte eine bald kreischende, bald quiekende Stinnne und genoß in der ganzen Stadt als schmutziger Geizhals und Sonderling eines sehr schlechten Rufes. Ueber seinen Geiz und seine Hartherzigkeit cursirten zahlreiche Anecdoten. Und diesen Mann sollte Müller feiner Tochter als künftigen Gatten Vorschlägen! Und er liebte, trotz des Zwiespaltes wegen der religiösen Anschauungen und der daraus folgenden Praxis, sein Kind heiß und innig. Sie war sein einziges Kind! Mußte er sich nicht selbst sagen, daß er sie unglücklich machen würde? Aber, was sollte er thun? Es blieb ihn: keine Wahl! Entweder mußte er Unglück und Schande über sich ergehen lassen oder er mußte die rettende Hand ergreifen, die sich ihm darbot und den theuren Preis für die Rettung zahlen. Was vielleicht bei andern jungen Mädchen ein großes Gewicht in die Wagschale geworfen hätte, des alten Freiers großer Reichthum, hatte, das wußte Müller nur zu gut, für Bertha nicht den geringsten Reiz. Mit schwerem Herzen trat der Vater in das Zimmer seiner Tochter. (Fortsetzung folgt.) Verantwortliche Redactton: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'schen Hosbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchunv Steindruckerei in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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