Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1872)
- Date
- 1872-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1055 Feuilleton. VII. Unterdes; dachte Jsak Meschede ernstlich daran, den seinen Verwandten gegenüber ausgesprochenen Entschluß zur Ausführung zu bringen. Er ließ alle heirathsfähigen jüdischen Damen, die er kannte, vor seinem geistigen Auge Revue passiren, lind keine behagte ihm; die eine war ihm zu jung, die andere zu alt. die dritte zu wenig gebildet, die vierte zu sehr, die fünfte zu einfach, die sechste zu putzsüchtig, die siebente zu anspruchslos, die achte zu anspruchsvoll; an der neunten, zehnten und so weiter hatte er an den Familien auszusetzen; nur eine hätte er gern genommen; doch lag es außer dem Bereiche der Möglichkeit, ihre Hand'zu erhalten. „Ja," sagte er zu sich selber, „wenn ich Bertha Müller haben könnte, da würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen. Aber sie sowohl wie ihr Vater würden mich auslachen, wenn ich es wagen wollte, auch nur ein Wort von solcher Absicht fallen zu lassen. Müller besitzt ein schönes Vermögen und braucht seine einzige Tochter nicht nach Geld heirathen 511 lassen. Und sie? das Goldkind? Ach, wenn ich so glücklich wäre! Mein ganzes Vermögen würde ich ihr zu Füßen legen! Doch es ist nicht daran zu denken. Wie gern hätte ich vor zwanzig Jahren ihre Mutter geheirathet. Sie hätte gut daran gethan, wenn sie mich genommen! Ich hätte ihr zu Füßen gelegen und hätte sie auf Händen getragen, während dieser Müller sie nur gequält und gekränkt hat. Ich war ihr zu alt. Ha, ha, ha, der Mutter war ich zu alt, und jetzt denke ich daran, die Tochter zu freien. Wie lächerlich! Und doch! Ich habe einmal etwas Derartiges gelesen! Wo war's doch? Richtig, vor einigen Jahren in einer jüdischen Zeitung. Ich war in B. in der Restauration; eine Zeitung, „Der Israelit," lag auf dem Tisch; ich las darin aus langer Weile. Was kümmert mich sonst eine jüdische Zeitung? Da fand ich eine Erzählung aus der Genioro. *) Heidnische Gelehrte richteten an einen jüdischen Weisen allerlei absonderliche Fragen. „Sprich," fragten sie, „der Mann, der um ein Weib geworben und es nicht erhalten, wie soll's dem in den Sinn kommen, um eines in einem noch höheren Stande zu werben?" — Darauf versuchte der jüdische Weise einen Nagel unten in die Mauer zu treiben; es ging nicht, während es ihm an einer höheren Stelle gelang. Das war die Antwort auf die Frage. Der Fall paßt mit geringer Aenderung für mich; vielleicht erwerbe ich die Tochter, wiewohl ich vor zwanzig Jahren der Mutter zu alt war. Ich werde warten, bis sich eine günstige Gelegenheit bietet; habe ich so lange gewartet, so pressirt's auch augenblicklich nicht." Die günstige Gelegenheit sollte sich nur zu bald bieten. Banquier Müller hatte die von ihm projcctirte Bank gegründet, ohne die dazu erforderlichen großen Capitalien herbcischaffen zu können. Es kam nun darauf an, wie die Börse das neue Papier aufnehmen würde. Da zogen sich am politischen Himmel düstere Wolken zusammen. Die unter dem Namen der Alabama-Frage bekannten Streitigkeiten zwischen England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika nahmen einen bedrohlichen Charakter an. und ein Krieg zwischen diesen beiden mächtigen Nationen schien in naher Aussicht zu stehen. Die Speculationspapiere nicht nur, auch die soliden Anlagepapiere fielen ganz rapid; für neue Speculationsefsecten war gar kein Markt vorhanden. Müller befand sich in der peinlichsten Verlegenheit; seine ganze Existenz stand auf dem Spiele. Athcmlos kam er zu Meschede. „Freund," rief er, „Sie müssen mir helfen. Wenn Sie mir nicht unter die Arme greifen, so bin ich verloren." „„Ah,"" sagte Jsak, „„ist cs so gekommen, wie ich cs Euch vorausgesagt habe?"" „Wer konnte auch wissen, daß diese elende Alabama- Frage, die sich schon fünf Jahre lang herumschleppt, auf einmal acut werden würde?" „„Habe ich Euch nicht gesagt, daß sich beim Börsengeschäft niemals Etwas mit Sicherheit voran sbestimmen läßt?"" „Sie haben leider nur zu sehr Recht gehabt! Doch was hilft mir das? Ich brauche 200,000Thaler oder ich bin verloren!" „„Erinnert Ihr Euch, daß ich Euch damals eindringlich warnte und daß ich Euch im Voraus sagte, Ihr dürftet auf meine Hilfe nicht zählen? 200,000 Thaler! Wie wenn's nichts wäre!"" „Meschede, alter Freund, ich bin verloren, wenn Sie nicht Helsen! Soll ich vor Ihnen in die Knie 'sinken!" „„Keine Narrenspossen, Freund!"" „Freund? Ein schöner Freund, der in der Moth nicht Helsen will! Herr Meschede, ich bitte Sie, borgen Sie mir die 200 mille, bis der Sturm vorüber ist. Sie sollen sehen; das Schiedsgericht wird zusammentreten, und alle Zwistigkeiten werden beigelegt werden. Es ist nicht daran zu denken, daß zwei handeltreibende Nationen wie England und Amerika sich kopfüber in einen wahnsinnigen Krieg stürzen werden, der ve beide ruiniren würde! Nein, die baisse wird verschwinden wie sie *) VII. Jahrg. Nr. 9, S. 163.