Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1872)
- Date
- 1872-12-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1036 Gawriel ächzte laut, Riwke und ihre Töchter weinten. Isidor und Alcidor kauten an den Nägeln, Salme rannte mit dem Kopf wider die Wand, während Gellechen sich das Haar ausraufte; Perl stand wie versteinert da; Bella aber nebst Rüben, Simon und Lewi kümmerten sich um das ganze Gespräch nicht, sondern machten sich über den Rest des Desserts und stopften sich die Taschen damit voll. Der Einzige, der dem Onkel entgegentrat, war Jakob. „Onkel," sagte er, „Du hast Recht, wir haben nicht gut gegen Dich uns benommen. Liegt aber die Schuld an uns allein? Liegt sie nicht auch an Dir? Bist Du uns jemals ein liebevoller Onkel gewesen? Hast Du uns jemals beigestanden mit Rath und Thal? taft Du irgend Etwas gethan, Dir unsere Liebe und uneigung zu erwerben? War es recht von Dir, daß Du uns behorcht hast? Kennst Du das Sprichwort nicht: der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand'!? Wir Alle sind keine schlechten Menschen; weder ich noch meine Cousinen und deren Männer und Kinder. Bei dem geringsten Entgegenkommen Deinerseits hätten wir Dich zärtlich geliebt. Allein statt dessen hast Du uns förmlich mißhandelt alljährlich; hast uns gezwungen, faule Fische und halbversaultes Fleisch zu essen und saure Giftbrühe zu trinken. Wenn wir in Noth waren, hast Du Dich von uns gewendet, und fremde Leute mußten Dich erst zwingen. Deiner Schwester Kmd zehn Thaler zu borgen, damit sie mit Mann und Tochter nicht erfriere. Also, Onkel, die Schuld ist auf beiden Seiten groß. Wir wollen uns denn gegenseitig vergeben, wollen gegenseitig vergessen. Laß uns wieder gute Freunde sein!" „„Gute Freunde wollen wir meinetwegen *eiu!"" sagte Jsak. „ „Vielleicht lade ich Euch zu meiner Hochzeit. Aber eS bleibt bei dem, was ich gesagt habe; ich gebe jeder Partei 2000 Thaler. Erben aber werdet Ihr keinen Pfennig."" „Zweitausend Thaler statt einer Million," sagte Gawriel seufzend. „„Macht zwei pro mille!'"' bemerkte Alcidor. „Was Du so gut rechnen kannst, Alcidor," rief der Alte. „„Onkel,"" sagte Jakob, „,ist das Dein letztes Wort „Mein letztes!" rief Jsak entschieden. „„So behalte auch die zweitausend Thaler! Ich nehme sie nicht; an Deinem durch Geiz und Habsucht erworbenem Gelde ist doch keine Brocho. *)"" „Ha, ha, ha," rief Jsak lachend, „da mache ich ja 0 Segen. in der Schnelligkeit ein gutes Geschäft. So schnell verdient man nicht alle Tage zweitausend Thaler!" „„Sie sollen noch mehr verdienen, Herr Onkel,"" sagte Gawriel Klopper, „„auch ich verzichte auf Ihr großmüthiges Geschenk. Der liebe Gott, der mir bisher geholfen, wird mir auch weiter helfen. Ich habe Sie bis heute nicht gebraucht und keine Noth gelitten; es wird mir auch ferner gut gehen! " „Bravo, Vetter," rief Jakob, „so ist's recht. Mag er doch sein Geld mit in die Grube nehmen oder es fremden Leuten schenken. Er soll gar das Glück nicht haben, sein eigen Fleisch und Blut damit zu unterstützen. Salme, Ihr seid ein armer Mann und braucht nothwendig die paar Groschen. Ich will Euch einen Vorschlag machen. Bis Eure Bella hcirathen kann, fließt noch viel Wasser den Rhein hinab; aber die sechzig Thaler Zinsen — die Sparkasse zahlt nur drei Procent — die will ich Erich alljährlich geben, wenn Ihr dein zärtlichen Onkel sein Geld lassen wollt." „„Gern, Vetter Jakob,"" rief der unterdeß wieder nüchtern gewordene Salme, „ „wenn Gellechen damit einverstanden ist."" „Ob ich einverstanden bin!" schrie Gellechen. „Ich hätte gern schon vorhin das Geschenk abgelehnt, weil er meinen Mann so heruntergefltzt hat." „„Co leb' denn wohl, Onkel,"" sagte Jakob, „„habe Dank für die gute Bewirthung. Morgen sende ich Dir auch die kostbare Schaumünze wieder, die Du meinem Rüben zur Bar Mizwoh geschenkt hast."" „Macht, daß Ihr fortkommt," rief Jsak wükhend, „packt Euch Alle miteinander, oder ich lasse Euch hinauswerfen!" Er zog an der Klingelschnur, um die Aufwärter herbeizurufen; seine Verwandten verließen eilig das Speisezimmer, um in dem Cavinete sich mit Mänteln, Ueberzichern und Ueberschuhen zu bekleiden und dann des erzürnten Oheims Haus auf immer zu verlassen. Am andern Tage flog durch die Stadt ... n die wunderbare Mähr, daß Jsak Meschede seine Verwandten enterben und sich verheirathen wolle. Schadchonim-) liefen daraufhin dem Alten das Haus ein; diese aber kamen schlimm bei ihm an; er drohte einem Jeden von ihnen, ihn hinauswcrfen zu lassen. (Fortsetzung folgt.) *) Heirathsvermittler. Hierzu zwei Beilagen. «eranrwortliche Redaction: Or. Lehmann. — Verlag der Le Rour'fchen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Auchunv Steindruckerei irr Mainz.