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Der Israelit · 1872-12-04 · Heft 49 (4.12.1872) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 49 (4.12.1872)
Date
1872-12-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Xin. * -hrq « -a. Erste Beilage z« Nr. 49 des Israelit. Leitender Artikel. Zur Charakteristik der Mel. Die Bibel beschäftigt sich im größten Theile des 1 B. M. mit der Specialgeschichte unserer drei Väter Abraham, Isaak und Jakob und führt uns das Leben derselben, wie überhaupt das aller in ihr vor kommenden Personen offen und ungeschminkt vor. Es wird nichts verschwiegen, nichts verheimlicht, nichts beschönigt, aber auch nichts über Gebühr gelobt und erhoben. Wo sie lobt, da milß jeder Unparteiische, ja jeder Feind mit einstimmen, und wo sie tadelt, da ist der Tadel gerechtfertigt und dem Vergehen vollkommen entsprechend, wenn auch wir vielleicht ein „zu viel" oder „zu wenig" darin zu erbt cken glauben. Bei aller Charaktergröße sollten wir dieselben doch immer als Menschen betrachten lernen, die auch fehlen können, deren geringstes Vergehen gerade wegen ihrer großen Vorzüge nur um so schärfer hervortreten und um so strenger beurtheilt werden müssen. Trotz dieser anerkannten Unparteilichkeit und strengen Beurtheilung der Bibel hat man sich im Kreise der Bibelforscher und Erklärer, auf christlicher rmd jüdischer Seite, es zur Aufgabe gestellt, die Darlegung der Bibel wohl zu Grunde zu legen, aber bei Beurtheilung der Charaktere den Maaßstab anzulegen, mit dem man die großen Charaktere der heutigen Zeit mißt. Ganz abgesehen von Zeiten. Sitten und Verhältnissen, die doch sicherlich auch in Betracht kommen, ist das, was besonders im Judenthum zu allen Zeiten als erstes Erforderniß, als Grund- und Haupt bedingung eines großen Charakters unbedingt nothwendig war, ' heute nur von untergeordneter Bedeutung, wenigstens nicht in erster Linie erforderlich. Ein jüdischer Charakter müßte und muß heute noch im höchsten Grade moralisch sein. Moral war der Gradmesser, nach welchem der große jüdische Mann bemessen wurde Ohne sie hörte er auf es zu sein, verschwanden alle seine übrigen großen Eigenschaften. Und je größer, edler und genialer der Mann war, desto größere Anforderungen wurden an ihn nach dieser Richtung gestellt und desto strenger beurtheilt. Anders war und ist es bei den übrigen Nationen; da war die Moral wohl auch erwünscht, aber nicht streng nothwendig. Man hat sich besonders heute daran gewöhnt, wir möchten sagen aus kindischer Vergötterung und übertriebener Hochachtung, dem großen Manne Vieles, sehr Vieles hin- | gehen zu lassen, was bei einem Geringeren verdammt j werden würde. Bei einem großen Manne findet man > Alles edel, genial, die Verirrungen und Schwachheiten werden entschuldigt, beschönigt, ja oft gut geheißen. Dem mag nun fern, wie ihm wolle, uns kommt es blos darauf an, zu zeigen, daß bei Beurtheilung jüdischer Männer, besonders biblischer Personen nicht der Maaßftab angelegt werden darf, wie er heute im Gebrauche ist, sondern derjenige, welchen das Judenthum, welchen die Bibel selbst anlegt: die Moral. Das sollte man nicht außer Acht lassen, das sollte man wissen. Heute beschäftigen sich viele christliche Gelehrte mit der Bibel, beurtheilen die in ihr vorkommenden Personen von heutigem Standpunkte aus; viele jüdische Gelehrte und Ungelehrte schöpfen ihre Gelehrsamkeit aus dieser Quelle schreiben den christlichen Gelehrten nach lind lassen sich davon bei ihrer Beurtheilung bestimmen; die Menge nun, die sich gar kein Ürtheil darüber zu verschaffen im Stande ist, erzählt es diesen nach, und deßhalb war es nothwendig, diesen großen Unterschied zwischen der allgemeinen und der jüdnchbiblischeu Auffassung in Bezug auf Charaktergröße, hervorzuheben und zu betonen. Es ist kauni irgend eine Handlung falscher aufgefaßt und einseitiger beurtheilt worden, als die im Wochenabschnitte Toledoth erzählte, welche von der Erwerbung der Erstgeburt durch ein Gericht Linsen handelt. Da wird losgezogen über den Jakob und das Verdammungsurtheil über ihn und über die Juden überhaupt, resp. über diesen speciell jüdischen Charakterzug, der hierbei zu Tage getreten sein soll, ausgesprochen. Auch die sog. Männer der Wissenschaft im Judenthum, die mit „historischem Sinn" die Bibel lesen und durchforschen, stimmen ein in dieses „anathema sit“, um damit zu zeigen, wie sie nicht von Vorurtheilen eingenommen, nicht „Wortgläubige" sind, wie sie ganz unparteiisch verfahren und sich nur von ihren wissenschaftlichen Ergebnissen bestimmen lassen in ihrem Urtheile. Wenn wir uns nun nicht so leicht unsere größten Männer, unsere edelsten Cbaraktere verunglimpfen laffen wollen, wenn wir vorausietzen, daß bei Jakob die Grundbedingung eines jüdischen großen Mannes vorhanden war, so wollen wir an der Hand der Bibel, die uns diese Geschickte einfach und offen erzählt, ohne dabei irgend einen Tadel auszusprechen, Nachweisen, wie nothwendig es ist, und gerade von: wissenschaftlichen Standpunkte aus, der doch gewiß Parteilichkeit ausschließt, die zu beurtheilende Person nach allen Seiten richtig zu erfassen. vor Allem aber zu wissen, um was es sich handelt.

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