Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1872)
- Date
- 1872-12-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1015 Feuilleton. Das Ccftamcnt VI. Als Jsak Meschede in das Gemach trat, in welchem feine Verwandten versammelt waren, wurde es plötzlich still darin. Alle erhoben sich, und Isidor Klopper, der Student, hielt eine schwungreiche Anrede, in welcher er im Namen aller Neffen, Nichten, Großneffen und Großnichten dem so heißgeliebten Onkel die herzinnigsten Glückwünsche zu dessen fünfundsechzigstem Geburtstage aussprach. „Ich danke Euch, meine geliebten Verwandten," erwiderte Jsak, „für Eure so überaus liebevolle Theilnahme. Du hast eine allerliebste Rede gehalten, mein guter Isidor. Allein Deine Zärtlichkeit macht mich ein Jahr älter; ich bin heute 64 geworden." „„Entschuldigen Sie, verehrter Herr Onkel,"" entgegncte der Student; „„weil sie heute 64 Jahre alt geworden, so feiern Sie Ihren 65. Geburtstag Wenn ein Kind ein Jahr alt wird, so ist der Jahrestag seiner Geburt der zweite Geburtstag."" „Wie hübsch Du das ausgerechnet hast! Nun, nun, ich kann mir denken, daß Ihr mich Alle lieber älter als jünger seht; ich bin von Eurer Zärtlichkeit und Liebe für mich überzeugt. Ich weiß, daß Ihr täglich für mein langes Leben betet. Jetzt aber lasset uns die Freuden des Mahles genießen und auf die frohe Wiederkehr dieses Tages trinken!" Er schritt voran; die Andern folgten ihm mit bangem Herzen. Nachdem sie über einen Corridor geschritten, öffnete der Onkel ein Paar mächtiger Flügelthüren und ließ die Verwandten in einen großen Speisesaal einrreten. Es war für fünfzehn Personen gedeckt. Feiner, schneeweißer Damast bedeckte den Tisch; schweres , altmodisches Silbergeschirr ließ auf den soliden Reichthum des Gastgebers schließen; roth- und grüngesiegelte Flaschen mit vergoldeten Etiquetten, grüne und weiße Gläser von geschliffenem Krvstall stellten dem Gaumen viel Angenehmes itt Aussicht; große, silberne Confectkörbe waren bis obenhin mit allerlei zierlichen Figuren gefüllt; mächtige, silberne Girandolen mit aufgesteckten Stearinkerzen ließen erwarten, daß ein lucullisches Mahl bis tief in die Nacht währen würde. Wenn ein Gourmand alle diese Vorrichtungen gesehen, er würde die Gäste beneidet haben ob der herrlichen Mahlzeit, die ihrer wartete; diese aber wußten aus vieljähriger Erfahrung nur zu gut, daß Alles nur Schein war; die abscheulichsten Speisen, ungenießbare ^>uppe, versalzenes Fleisch, verfaulte Fische warteten ihrer; tue Flaschen, deren Etiquetten: Hochheimer, Marcobrunner, Scharlachberger, Rüdesheimer Berg und Rauhenthaler verhießen, waren mit einer trüben, sauren Flüssigkeit gefüllt; das Confect war von Wasser und Mehl gebacken und mit der Gesundheit schädlichen Farben bemalt. So war es bisher noch jedes Jahr gewesen, und die unglücklichen Geladenen hat essen und trinken müssen trotz Ekel und Widerwillen; denn der Onkel nahm es sehr übel, wenn Jemand den gereichten Speisen und Getränken nicht tapfer zrllvrach. Er selbst aß in der Regel nicht mit, seinen stf wachen Magen und seine schlechte Verdauung als Entschuldigung vorschützend; der alte Schlaukopf hatte aber stets im Voraus dinirt und weidete sich dann an den Höllenqualen, die er seinen armen Verwandten bereitete. Nachdem sich Alles gewaschen und Moze gemacht hatte, wurde die Suppe in zwei großen dampfenden Schüsseln aufgetragen. Ein Grauen erfaßte die Gäste, und mit Schrecken blickten sie aut die Teller, welche die gefüllt vor sie hinstellten. Und doch sah die Brühe so appetitlich und einladend aus! Aber Keiner wagte es, den Löffel zum Munde zu führen. „Nun, Kinder, eßt!" rief der Hausherr, „und laßt es Euch gut schmecken!" Diese Aufforderung begleitete ein befehlender Blick, und Keiner wagte es, ungehorsam zu sein. Doch, welche Ueberraschung! die Suppe war gut, kräftig und schmackhaft. Im Nu waren die Teller leer, und eine zweite Füllung wurde nicht zurückgewiesen; denn die Armen halten sich sehr hungrig gehalten, weil ohne Hunger von den Speisen des Onkels zu essen in früherenJahren geradezu unmöglich war. Wiewohl es nun den Gästen ganz vorzüglich schmeckte, so war ihnen doch nicht besonders gut zu Muthe. Was war mit dem Onkel vorgegangen, daß er aut einmal von seine:: alten Gewohnheiten abgelaffen hatte? Sollte er seinen Groll gegen die Verwandten haben fahren lassen, oder steckte etwas Anderes dahinter? Nachdem die Suppe gegessen war, winkte Herr Meschede den Aufwärtern, und diese entkorkten die Flaschen. „Füllt die Glaser mit funkelndem Rheinwein!" befahl Herr Meschede, und die Gäste thaten gehorsam, wie er gesprochen. „„Ha, ha,"" flüsterte Jakob seiner Gemahlin in's Ohr, „„jetzt werden wir bestraft werden für die gute Suppe. Das wird reines, unverdünntes Scheidewasser sein!"" Allein seine Vermuthung traf nicht zu; echter, guter Rheinwein perlte in den grünen Gläsern, und mit Behagen schlürften die Gäste den köstlichen Saft der Reben.