Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1872-12-04 · Heft 49 (4.12.1872) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 49 (4.12.1872)
Date
1872-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447551-2447599--11090-2466859
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1012 uneigennützigsten Dienste geleistet habe und noch leiste. Die kurzen patriarchalischen Worte, die darauf der Gefeierte erwiederte, ließen kein Auge thränenleer: er verdiene solche Ehren nicht; er müsse von sich all und jedes Verdienst ablehnen. Es sei der Wille Gottes gewesen, der ihm zu seinem "n pdv'jo die Kraft gegeben, de6 D’Dp so viele n:so zu erfüllen. Er habe immer nur gestrebt, einfach ein zu sein, und so wolle er, so lange Gott es ihm vergönne, Gott weiter dienen und danken. — Abends war ein Festessen, bei welchem sich die ganze Gemeinde und viele von Nah und Fern hinzugekommene Verehrer des Jubilars belheiligten und wobei ernste und heitere Toaste abwechselnd die Gemüther hoben und ergötzten. Kein Mißton störte dieses ganze Fest. Das war kein gemachtes Fest, vielmehr war's eine Freudenfeier, aus den: Verlangen der Herzen hervorgegangen und in herzlicher Weise begangen; ein Fest, das auf religiösem Boden erwachsen, in schöner Einmüthigkeit gefeiert. zum Segen bleiben wird, indem es ein neues festes Band der Eintracht um die Gcmeindeglieder schlingt und uniere Religion verherrlicht, „deren'Wege find lieblich und deren Pfade allzumal Frieden". Berlin. Die Förmlichkeiten, welche bei Abnahme von Judeneiden in der Gerichtsordnung vorgeschrieben waren, hatten schon Ende des vorigen Jahrhunderts bei verständigen Juden Anstoß erregt, weil darin und namentlich in den Worten des Eides selbst ein klar ausgesprochenes Mißtrauen gegen die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der Juden enthalten war. Schon im Jahre 1782 erklärte sich Moses Mendelssohn in einen: Gutachten ganz entschieden gegen die damals gebräuchliche weitschweiftge Form des Judeneides und sprach sich dahin aus, man möge den Namen oder eine Eigenschaft Gottes nennen, in welcher Sprache es auch sei; wenn sie nur dem Schwörenden verständlich, so sei dies ein vollgiltiger Eid. Die Anregungen zur Abänderung des Judeneides tauchen in neuerer Zeit immer zahlreicher auf. Im Jahre 1861 sprach ein Gesetzentwurf, der auch die Genehmigung des Abgeordnetenhauses erhielt, diese ersehnte Aenderung aus; das Herrenhaus aber lehnte, wie so vieles andere Gute, auch diese Neuerung ab, bis es endlich im Jahre 1869 gelang, ein neues den Judeneid nach modernen Begriffen regelndes Gesetz zu vereinbaren. In der den Entwurf berathenden Commission des Abgeordnetenhauses nahm man an, daß der Richter demjenigen, der sich in seinem Gewissen gedrängt fühle, beim Schwur den Kopf zu bedecken, in dieser Beziehung verständige Nachsicht werde zu Theil werden lassen. Darin hat sich die Commission jedoch, wenigstens was das hiesige Stadtgericht betrifft, geirrt, wie eine soeben ergangene Entscheidung desselben ergibt. Es war einem Juden die Ableistung eines Eides auferlegt worden. Von demselben war die Entscheidung des Processes zu seinen Gunsten abhängig gemacht; der Mann erschien auch zur anberaumten Stunde, erklärte sich zur Ableistung des Eides bereit, verlangte aber während derselben den Hut aufzusetzen, da nach seinem Gewissen er den Namen Gottes nur bedeckten Hauptes aussprechen dürfe. Nach langer Berathung erklärte das Stadtgericht, daß das Verlangen der Partei nicht habe bewilligt werden können und daß, da dieselbe dabei beharrt hätte , dies als eine Weigerung der Eidesleistung anzusehen sei. Das Gericht habe weder Toleranz noch Intoleranz in religiöser Beziehung zu üben, sondern nur das bestehende Gesetz logisch auszulegen und auszuführen. Das betreffende Gesetz schreibe vor, daß der Eid der Juden unter Erhebung der rechten Hand geleistet werden solle. Jede andere Form sei ausgeschlossen und absichtlich vom Gesetzgeber ausgeschlossen worden. Gäbe der Richter das Aufsetzen des Hutes zu. so müsse er, wenn ein solches Verlangen gestellt werde, auch den Gebrauch der Thora, des Gcbetmantels, der Gebetschnur mit demselben Rechte gestatten, also gerade das dulden, was das Gesetz habe abschaffen wollen. Demgemäß war angenommen worden, die zum Eide verstattete Partei könne oder wolle den Eid nicht leisten und war der Proceß deshalb zu Ungunsten derselben entschieden worden. Natürlich wird die Entscheidung dieser Frage bis in die höchste Instanz verfolgt. Berlin. Zwischen einem außerordentlichen Professor der hiesigen Universität, welcher sich zur jüdischen Religion bekennt, und dessen Schwiegervater, einem Manne von streng orthodoxer Gesinnung, kam es dieser Tage zu einem ernsten Conflict, welcher nur durch einen Gewaltact Seitens des Schwiegervaters gelöst wurde. Dem Professor wurde von seiner Frau ein Söhnlein geboren, und der Großpapa präparirte, hocherfreut, bereits das Fest der rituellen Beschneidung. Diese vornehmen zu lassen, widersetzte sich aber der Vater des K indes auf's Heftigste und lehnte es dem erzürnten Alten gegenüber ganz entschieden ab, seinen Sohn entsprechend operiren zu lassen. Aber was that der Schwiegervaters In der Abwesenheit des Professors ließ er heimlich und geräuschlos den grausamen Operateur mit den betreffenden Cultusbeamten eintreten; das Kind schrie — und der gordische Knoten war gelöst. Wiesbaden, im Tischri 5633. Schon häufig wurde in diesen geschätzten Blättern von der erfreulichen Entwickelung der hies isr. Religionsgesellschaft gesprochen, und es gereicht darum Schreiber dieses zu besonderem Vergnügen, auch Einiges mittheilen zu können. um so mehr, als derselbe auf einer Geschäftsreise bei mehrtägigem Aufenthalte Gelegenheit hatte, das Leben und die Lebensfähigkeit dieser Gesellschaft zu beobachten. Da ist es vor Allem die Thätigkeit des Herrn Rabbiner vr. Kahn, welche besondere Erwähnung verdient. Die-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.