Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1872)
- Date
- 1872-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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der Gesang der Kohanim nicht harmonisch erklinge, kann nach dein Ukase der Reformatoren gar nicht zu Tage treten, da selbst die drei Auserwählten ohne Melodie (sie!) dem Cantor nachzusprechen haben!! „Der Chor," decretiren die Herren weiter, „sagt Amen; das Publikum verhält sich schweigend." Auch diese Reform ist ebenso verwerflich wie lächerlich. Jeder Einzelne muß auf jede Berachah Amen sagen; das Amen ist nach der Lehre der Weisen wichtiger als das Sprechen der Berachah. Es ist nothwendig, das Amen laut und vernehmlich zu sagen. (Be-! rachoth f. 46 und 47, Orach Chajim C. 124, §. 6 bis zu Ende.) Die Herren Reformatoren aber decretiren: „das Publikum verhalte sich schweigend." Was kümmert die Herren das jüdische Gesetz, die religiöse Vorschrift? Sie wollen reforniiren. reforrniren um jeden Preis, und - deßhalb dürfen die meisten Kohanim nicht den Segen sprechen und das Publikum nicht Amen sagen!! Sehr interessant ist die von hoher Weisheit zeugende Bestimmung. daß an Sabbaten und Festtagen (o'^n an^ip) Schmoneh Esrah nur einmal gebetet werden darf. Wir wollen das ganze, hochweise dictum hierhersetzen; es lautete „Das Schemoneh Esreh wird an Sabbaten und Scholosch (sie) Regolim (sie) *) nur Einmal (sic) in der Weise gebetet, daß der Vorbeter dasselbe seinem ganzen Inhalte nach (sie!) laut verträgt und zwar von der Keduschah bis Rezeh ohne Melodie, wobei (sie!) die Gemeinde leise mitbetet." Was sagst Du, lieber Leier, zu diesem netten Ukase? Vor Allem könnten wir darauf aufmerksam machen, daß an Sabbat - und Feiertagen Schemon. Esr. gar nicht gebetet wird, da am Sabbat und an Schal. Regal, die Tephillah nur sieben Benedictionen hat; allein wir wollen wegen des landläufigen Ausdrucks nicht rechten; wir könnten ferner fragen, ob denn die großen Münchener Reformatoren Maarib, Mussaph und Minchah abschaffen wollen, denn das ergibt sich aus ihren hochweisen Worten; aber wir sind ja schon daran gewöhnt, daß man logische Redeweise von diesen großen Geistern nicht erwarten darf. Das Ganze will eben nur sagen, daß das zweimalige Beten jeder einzelnen Tephillah, wie es sonst Brauch ist in Israel, abgeschafft sein soll. „Ohne Melodie ' — nach der beliebten Ausdrucksweise der Herren Reformatoren, leiert der Vorsänger dies hochwichtige Gebetstück ab; kein idp mm wn ins, wie es Vorschrift ist (O. Eh. C. 124, §. 5), kein Amen ertönt; nicht kann der Vater sein Kind an das Amen - Sagen gewöhnen (l. c. §. 7); dagegen müssen *) Man müßte entweder „Schalosch Regalim" oder „Scholausch Regolim" schreiben; Rabbiner und Vorsteher, die von hebr. Grammatik nicht den geringsten Begriff zu haben scheinen. die drei auserwählten Münchener Hohenpriester mitten aus dem Gebete herausgehen, um die schweigende Gemeinde zu segnen, und der Chor — wenn die Mitglieder desselben Juden sind — muß in der mafßik sein. Oder, wenn der Chor aus Nichtjuden besteht, wie dies ja von München ist berichtet worden, so muß die jüdische Gemeinde schweigen; die Nichtjuden aber besiegeln die Berachah!! Wir haben nunmehr eine Reform zu erwählten, die von der weittragendsten Bedeutung ist; es ist das l die factische Abschaffung des Kaddisch - Gebetes für die Leidtragenden, die in München künftig nur „von ihrem Platze aus" (sie!) leise mitbeten sollen. (Wie man „vom Platze aus" leise mitbeten kann — solcher Unsinn kann nur unter dem Schatten des Herrn Perles erblühen!) Wenn das Kaddisch nur leise, am Platze gebetet werden soll, so hat es seine Bedeutung ganz uitd gar verloren, so ist es thatsächlich abgeschafft. Eine der schönsten, wahrhaft poetischen Seiten des jüdischen Gottesdienstes, ja, des jüdischen Familienleveus ist das Kaddisch der Leidtragenden. Es ist das Bindemittel , welches die Heimgegangenen Eltern mit den zurückgebliebenen Kindern über den Tod hinaus verbindet; es veranlaßt während des Trauerjahres selbst diejenigen täglich Morgens und Abends die Synagoge zu besuchen, welche ihr sonst fernbleiben würden; es weiht einen Tag in jedem Jahre, den sogenannten Jahrzcitstag, der wehmüthig-sreudvollen Erinnerung an den verehrten Vater, einen andern dem Andenken an die geliebte Mutter; es veranlaßt zur religiösen Feier dieser Tage, zum Besuche der Synagoge, zum Lesen in der Thora; der Gedanke daran ist den Eltern ein Trost, eine Versicherung, daß sie von ihren Kindern nicht vergessen werden. Und das Gebet selbst? Es ist keine wässerige, larmoyante Trauer-Hymne, es ist vielmehr eine laute Verkündigung und Verherrlichung des göttlichen Namens, der göttlichen Weltlenkung. Der Gedanke dieser Verherrlichung ist der beste Trost, die schönste Aufrichtung der Leidtragenden, der Trauernden. Unter den Fittigen der göttlichen Majestät weilen die Heimgegangenen, wirken die Lebenden. Eine besondere Art des Kaddisch, das pa~n »np, ist der göttlichen Lehre und Allen, die sich mit ihr beschäftigen, gewidmet. Die laute Verkündigung der Verherrlichung des göttlichen Namens, das Aussprechen des Bewußtseins, daß die Gotteslehre in ihren Vertretern vor Allem hervorgehoben werden muß, die laute Ansprache an die Gemeinde und deren andachtsvolles Zustimmen ui nm rpos' 'rp jcn — das Alles ist für die Leidtragenden tröstend und erhebend, und für die Abgeschiedenen gleichsam ein Fortleben inmitten der Gemeinde Jakobs. Was bleibt davon, wenn die Leidtragenden leise am Platze beten? Diejenigen, die^ noch gewohnt waren, öffentlich und laut Kaddisch zu sagen, werden das Gebet noch leise beten; aber werden's die Kinder