Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1872)
- Date
- 1872-11-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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995 während es Herr Meschede sonst mit dem jüdischen Religionsgesetze nicht sehr genau nahm, wurden die unschmackhaftesten, ordinärsten und schlechtesten Speisen und Getränke gewählt, die Herr Meschede nur auftreiben konnte. Es machte dem alten Geizhalse das größte Vergnügen, seine armen Verwandten. in denen er die lachenden Erben sah, die auf seinen Tod warteten, zu ärgern; das ganze Jahr hindurch hatte keiner von seinen Neffen und Nichten den geringsten Genuß von dem ungeheuren Vermögen des Oheims; aber bei der Geburtstagsfeier durfte Niemand von ihnen fehlen, und trotzdem die Unglücklichen sich regelmäßig gründlich den Magen verdarben, wagte keiner von ihnen, die Einladung des Onkels abzulehnen; sein Zorn wäre unversöhnlich gewesen. Als in diesem Jahre die Verwandten ur festgesetzten Stunde im Hause des Onkels sich einanden, wurden sie in ein Zimmer geführt, wo sie die Ankunft des Oheims erwarten sollten. Dieser aber hatte in diesem Gemache eine akustische Vorrichtung machen lassen, vermittels deren er in einem anstoßenden Zimmer die Gespräche seiner Verwandten belauschen konnte. Auf diese Weise hoffte er die wahrhaften Gesinnungen, welche dieselben für ihn hegten, zu erfahren. Zuerst erschien Gawriel Klopper mit Familie; seine Frau, Riwke, war eine Schwestertochter des Herrn Meschede; sie hatte ihrem Manne vier Kinder geboren, denen Frau Riwke, die in ihrer Jugend fleißig Romane gelesen, lauter hochklingende Namen hatte beilegen lassen. Herr Klopper handelte mit alten Kleidern, bei welchem Geschäfte seine älteste Tochter, Rosamunde, die das Kleidermachen erlernt hatte, ihm redlich beistand; der älteste Sohn, Isidor, der im benachbarten B. Medicin ftudirte, war extra zur Geburtstagsfeier nach ... n gekommen; sein Bruder Alcidor servirte in einem Schnittwaarengeschäfte als Commis, während die jüngste Tochter, Adelgertha, als Nähterin ihr Brod verdiente. „Riwke, wir sind heute die ersten," sagte Herr Klopper, sich in dein Cabinete, in das er eben eintrat, umsehend. „„Vergißt Du immer, lieber Gustav,"" entgegnete die Angeredete, „„daß ich Rudolphine heiße?"" „Laß mir meine Ruh' mit Gustav und Rudolphine," entgegnete unwirsch der Herr Gemahl; „genug, daß Du den Kindern so absonderliche Namen gegeben! Mich aber laß ungeschoren; ich heiße Gawriel und Du heißt Riwke, und dabei bleibt's! Ja, wenn wir des alten Geizhalses Geld erst hätten, da ließ ich mir's noch gefallen — da würde es noch passen! Aber wenn der Dalphen Gawriel sich Gustav nennt, dadurch wird er noch lange kein Kozin." „„Ich wollte,"" nahm Alcidor das Wort, „„ich brauchte die Giftmischungen des Onkels nicht zu essen: ich würde gern meinen schönen Namen dafür hingeben."" „Ja," rief Isidor, „Alcidorhat Recht; ichmöchtewissen, was Virchow zu einem solchen Gastmahle sagen würde!" „„Wer?"" fragte Adelgertha. „Virchow," antwortete der Student. „„Ist das vielleicht Dein Kamerad, der Dir versprochen hat, uns nächstens zu besuchen?"" „Nein, holde Adelgertha, das ist ein berühmter Professor in Berlin." Die Thüre wurde jetzt geöffnet, und Jakob Meschede, ein Brudersohn des Wirthes mit feiner Gattin Perl und seinen drei Söhnen, Rüben, Simon und Lewi, traten ein; Jakob hatte seinen Erstgeborenen, Rüben, nach feinem verstorbenen Schwiegervater, seinen Zweitgeborcnen, Simon, nach seinem eigenen, inzwischen verstorbenen Vater genannt; als ihm nun ein dritter Sohn geboren wurde, da gab er ihm den Namen Lewi, in der Voraussetzung, daß er es noch wie der erste, der seinen eigenen Namen, Jakob, führte, bis zu zwölf Söhnen bringen und sie sämmtlich nach den Stämmen Israels benennen würde; allein die andern neun waren ausgeblieben; eine Tochter, die er Dinah nannte, war jung gestorben. Jakob handelte mit alten Metallen; er erfteute sich eines gewissen Wohlstandes, und wenn es ihm nachgegangen wäre, so hätte er längst mit dem filzigen Onkel gebrochen; allein die gute Perl wollte ihren Söhnen — sie besuchten noch alle drei die Schule — ihr Erbtheil nicht verscherzen. Die Verwandten begrüßten einander recht freundschaftlich. „Wo bleibt aber der Schlemiel, der Salme," ftagte Jakob, „der muß immer dör letzte sein! Wenn der da wäre, könnte doch die Geschichte losgehen und wäre um so eher überftanden!" „„Fürchtest Du Dich auch vor den Hochgenüssen, die unser warten, vlisr coumn?"" fragte Riwke. „Das Effen wäre noch nicht das Schlimmste," antwortete Jakob, „mir ist das Pouim *) des Alten zuwider. Wenn ich bedenke, wie mein seliger Vater war, so gut, so freundlich, so liebevoll gegen alle Menschen, so ist es mir immer ein Räthsel, wie die zwei haben Brüder sein können. Ihr könnt mir glauben, er haßt uns und wirft sein Geld lieber in den Rhein, ehe er es uns hinterläßt. Wenn Perl mich nicht drängte, ich, ich wäre zu Hause geblieben und hätte dem Onkel seine Leckerbissen geschenkt. Da kommt Salme! Wo bleibst Du so lange?" Salme Bauernfink nebst seiner Gattin Gellechen und seiner Tochter Bella traten ein. Alle drei waren überaus ärmlich gekleidet, denn Salme war ein armer Hausirer, der nur wenig verdiente und oft mit den Seinen Noth litt. Ihm war des Onkels Rcichthum ein wahrer Fluch; denn wem er seine Noth klagte, der verwies ihn auf den reichen Onkel. Nur Dr. Bruchhäuser nahm sich oft des Armen an und unterstützte ihn häufig. *) Gesicht.