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Der Israelit · 1872-11-20 · Heft 47 (20.11.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 47 (20.11.1872)
Date
1872-11-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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„Du bist eine ungerathene, ungehorsame Tochter. Ich werde Dich verstoßen." „„Lieber werde rch Dein Haus verlassen, ehe ich meinen heiligsten Pflichten entsage."" „Deine heiligste Pflicht ist, eine gehorsame Tochter zu sein." „„Nur insoweit die Eltern Nichts gegen den Willen Gottes verlangen, sind die Kinder zum Gehorsam gegen dieselben verpflichtet."" „O, ich weiß. Du willst gern von mir gehen. Du meinst, der Karbenkleckser und sein halbverrückter Vater würden Dich schon ausnehmen; aber ich. ich werde Dich zwingen, bei mir zu bleiben und Dich meinem Willen zu unterwerfen." In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein alter häßlicher Mann von ungefähr 60 Jahren, in unsauberer, abgetragener Kleidung, trat herein. „Was geht hier vor?" rief er, in's Zimmer tretend, „was zankt Ihr mit dem Goldkinde, Müller? wollt Ihr die alten Scenen, die Ihr mit Eurer verstorbenen Frau gehabt, mit der Tochter erneuern?" „„Sie ist ein widerspenstiges, ungehorsames Kind,"" sagte Müller mürrisch, „„Sic wissen, Herr Meschede, welch eine großartige Finanzoperation ich vorhabe. Nächste Woche will ich die betreffenden Herren zu einen Souper cinladen und sie, wenn der Champagner die Austern hinunlerspült, für meine Pläne gewinnen Nun will das widerspenstige Kind meinen Gästen durchaus nur koschere Sachen Vorsitzen, Zwetschken mit Frimmeles, und was derlei gute Dinge mehr sind. Und da soll man sich nicht ärgern!"" „Müller, Müller, Ihre ganze Finanzoperation ist nicht so viel werth, daß Sie deßhalb Ihr Goldkindchen zanken! Lassen Sie nur Alles koscher machen, Mamsell Müller, auf meine Verantwortung." Bertha blickte den häßlichen Greis dankbar an und entfernte sich stillschweigend. „Gut, daß ich gekommen bin," fuhr Meschede zu reden fort, nachdem Bertha sich entfernt hatte; „habe ich doch Euer süßes Töchterlein vor Euren dummen Capricen geschützt! Was das für dumme Einfälle von Euch sind! Ihr wollt haben, daß die Leute „anbeißen" sollen! Habt Ihr jemals gehört, daß Leute, die gefastet haben, an Trefa anbeißen? Ich gebe auch alle Jahre ein Gastmahl und das muß immer koscher sein, so koscher, daß selbst der Raw bei mir essen könnte." „„ES ist auch danach."" „Meint Ihr, daß mein Essen nicht gut ist? Meine Neffen und Nichten versichern mir stets, daß es ihnen ganz köstlich bei mir schmecke. Jetzt aber will ich Euch sagen, weßhalb ich eigentlich gekommen bin. Die Pläne, die Sie mir gegeben haben, gefallen mir nicht. Die Sache ist nicht gesund. Der erste Windstoß kann das ganze Gebäude zusammenwehen nnd Sie unter den Trümmern deffelben begraben." „„Dieser Windstoß wird aber nicht kommen. Wir gehen einer Periode des dauernden Friedens entgegen; und Geld wird durch den Zufluß der Milliarden nicht allein außerordentlich billig, sondern cs wird gar nicht anzubringen sein."" „Meint Ihr? Ich sage Euch, es ist nicht wahr. Beim Börsengeschäft tritt immer gerade das Gegentheit von dem ein, was man vernünftiger Weise erwarten sollte. Doch thnn Sie, was Sie wollen, ich werde meine Finger davon lassen." _ „„Wenn Sie Sich nicht mit mir verbinden, Herr Meschede, dann wird die Lage allerdings viel schwieriger; aber ich bitte Sie, seien Sie dabei. Großer und sicherer Gewinn steht in Aussicht."" „Nein, nein, ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht an gewagten und unsicher» Unternehmungen betbeiligt. Ich gehe gern Nunrmero sicher, außer bei ganz kleinen Beträgen, wenn die Größe des in Aussicht stehenden Gewinnes das Risiko aufwiegt. Größere Summen riSlire ich niemals. Und wenn Sie mir folgen, Müller, so unterlassen auch Sie das Ganze." „„Ich kann nicht; ich habe mich schon zu weit eingelassen, ich habe schon zu viel Leute dafür engagirt, die goldene Berge erwarten; auch theile ich Ihre Befürchtungen nicht; aber selbst wenn das wäre, so könnte ich doch jetzt nicht zurücktreten; meine Ehre ist dabei im Spiel."" „Was, Ehre? Ehre ist Geld oder vielmehr, Geld ist Ehre! Wenn Ihr reich seid, so seid Ihr geehrt, und wenn Ihr ein Lump seid, so seid Ihr verunehrt." „„Ich würde mich lächerlich machen."" „Was, lächerlich! ein Kaufmann, der fest steht, ist niemals lächerlich. Jemand, der große Possen von sich macht und hinterher nicht bezahlen kann, der macht sich lächerlich. Bleibt davon, Müller. Ich habe Euch gern, deßhalb warne ich Euch so eindringlich!" „„Ich kann nicht, ich darf nicht. Jedem Geschäftsmann bietet sich einmal im Leben die Gelegenheit, sich von der Mittelmäßigkeit zum Außergewöhnlichen zu erheben; die Gelegenheit ist jetzt da, ich muß sie ergreifen und sollte ich va banque spielen."" „Das sind nicht Grundsätze eines soliden Kaufmanns; das sind die Grundsätze eines Spieler. Doch, wie Ihr wollt; aber merkt's Euch; Wenn's schief geht, von mir werdet Ihr vergeblich Hilfe erwarten." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetton: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'fchen Hofbuchhandlung. I. EottSleben'S Buchu»v Stemdruckerei tu Matur.

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