Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1872)
- Date
- 1872-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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974 findet sich ein Antrag des Deputirten Stojan Berkic mit noch 11 Gesinnungsgenoffen, wornach jene Bestimmung der Verfassung annullirt werden soll, welche auch die Juden verpflichtet, in der Volksmiliz zu dienen. Präsident Karabiberovic schlägt vor, man möge diesen Antrag dem gesetzgebenden Ausschüsse zuweiscn. Der Abgeordnete K. Stoik erhebt sich nun und sagt beiläufig Folgendes: Aus Erfahrung weiß man, daß die Juden furchtsam sind und in wichtigen Momenten kann ein Furchtsamer einer ganzen Armee den Muth rauben. Daher schließt er sich den zwölf Antragstellern an. Die Scupschlina beschloß, auf den Vorschlag des Präsidenten einzugehen und diesen Antrag dem gesetzgebenden Ausschüsse zuzuweisen. Ein zweiter Antrag des Abgeordneten aus Pozarevac, Herrn A. Nikolajevic, wendet sich ebenfalls gegen die Juden. Er verlangt nämlich, man möge den Juden verbieten, in anderen Städten, außer Belgrad, zu wohnen und Handel zu treiben. Den Antragsteller secundirten die Abgeordneten Damjanovie, Velikic und A. Lukic, welche behaupteten, daß sich wirklich Juden im Innern Serbiens aufhalten und daselbst Handel treiben. Finanzminister Jovanovie antwortet darauf, daß die Verfassung genau bestimmt, wo den Juden in Serbien der Aufenthalt und der Erwerb gestattet ist. Derjenige, welcher glaubt, daß dieses Gesetz nicht genau befolgt wird, möge darüber die Anzeige machen. Es wäre gegen die Verfassung, die Juden in Serbien noch weiter einzuschränken. Die Verfassung bestimmt nämlich, daß die Juden nur in Belgrad Handel treiben dürfen. Die hiesige Judengemeinde, ebenso die „ Alliance Jsraelite " und der hiesige englische Gcneralconsul Longworth, Letzterer im Aufträge seiner Regierung, haben schon wiederholt bei der serbischen Regierung die Aushebung dieser Einschränkung urgirt, welche so wenig dem Zeitgeiste entspricht, sie wurden aber immer abgewiesen. Als nun die Juden in die Volksmiliz ausgenommen und demnach zu allen Verpflichtungen serbischer Bürger herangezogen wurden, da hofften sie, daß in der diesjährigen Skupschtina die Einschränkungen fallen werden, welche ihrem freien Verkehre entgegenftehcn. Da zeigt cs sich jedoch, daß einige Abgeordnete selbst dagegen protestiren, daß die Juden zum Militärdienst zugelassen wurden. Uebrigens beruht die Behauptung, daß serbische Juden sich im Innern des Landes aufhalten und Handel treiben, auf vollständiger Unkenntniß. Zwar befinden sich wirklich in Pozarevac einige jüdische Kaufleute, dieselben sind aber englische Unterthanen und als solche kann man ihnen natürlich nichts anhaben. Wir sehen hier also die merkwürdige Anomalie, daß die serbischen Juden, obwohl sie allen Pflichten eines serbischen Bürgers entsprechen, auf Belgrad beschränkt werden, während Juden fremder Nationalität durch den Consularschutz von dieser Beschränkung enthoben sind. Natürlich läuft bei diesen Anträgen gegen die Juden viel Brodneid unter, und insbesondere wird dieser Vorwurf gegen den Belgrader Deputirten, Herrn A. Lukic, erhoben.*) Amerika. New-Uork. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, daß selbst im freiesten Staate der Welt, in den Vereinigten Staaten, uoch hie und da Vorurtheile gegen die Juden vorherrschen. So wird den „Jew. Times" geschrieben, daß ein Herr Watermann sich als Lieutenant im 22. Regiment gemeldet, als solcher auch angenonnncn, aber, als man inzwischen seine Nationalität erfahren, beordert wurde, seine Demission cinzureichen, weil man im Regimente keinen „Juden" als Officicr haben will. Feuilleton. IV. Der Sommer war dahingegangen, und der Herbst fing an, die Blätter der Bäume dunkelgelb zu färben, vr. Ahron Bruchhäuser freute sich des h:imgekehrten Sohnes, der in der Fremde den Grundsätzen nicht untreu geworden geworden war, welche der Vater ihm mit so vieler Sorgfalt eingeprägt hatte. Berthold erregte Aufsehen in seiner Vaterstadt. Die Bilder, die er aus der Fremde mitgcbracht hatte, gefielen allgemein, und es fanden sich zahlreiche Käufer, welche dieselben um hohen Preis erstanden. Sehr bald erfreute er sich eines ausgebreiteten Rufes, und als sein größtes Bild, eine Landschaft aus der römischen Campagna, zur Ausstellung gelangte und hier die Bewunderung aller Kenner erregte, da kamen Bestellungen auf Bestellungen, und Berthold hatte die beste Aussicht, in kurzer Zeit ein wohlhabender Mann zu werden. Je mehr sein Ruf wuchs, desto gesuchter wurde er auch in gesellschaftlicher Beziehung; es wurde in ... n Mode, zu jeder Festlichkeit in den höheren Gesellschaftskreisen der großen Stadt den jungen Bruchhäuser einzuladen. Bei derlei Gelegenheiten kam er häufig mit Bertha Müller zusammen, und die auf dem Dampfboote angeknüpfte Bekanntschaft wurde rege weiter gesponnen; einen besondern Anknüpfungs- *) Nach einer telegraphischen Nachricht vom 1. d. hat die Skupschtina den Antrag, die Juden von der Landwehr auSzuschlirßen, verworfen.