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Der Israelit · 1872-11-13 · Heft 46 (13.11.1872) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 46 (13.11.1872)
Date
1872-11-13
Page
– (sequence 19)
Language
German
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967 natürlich, daß trotz allen aufgewendeten Eifers der Erfolg auf dem Gebiete des hebr. Unterrichts imVerhältniß zu dem, womit ein junger Mann für das Leben ausgerüstet sein müßte, nur ein mittelmäßiger in quantitativer Hinsicht sein kann. Gerade deßhalb aber sollte der jüdische Lehrerstand sich alles Ballastes entledigen, der viele kostbare Zeit verschlingt, welche besser verwertet werden könnte. Zu diesem Ballast rechnen wir den gesammten Memorirstoff aus der bibl. Geschichte und den systematischen Religionsunterricht in der Gestalt der Katechismuslehre. Das Memoriren der bibl. Geschichte, geisttödtend und unfruchtbar für die religiöse Erhebung, ist ein Kind der Stiehl'schen preußischen Regulative und ist glücklicherweise durch die neueste Verordnung des preuß. Cultusministers zu Grabe getragen. Möge die württemberger jüd. Lehrerschaft darauf hinarbeiten, daß, falls das Memoriren gesetzliche Vorschrift ist, auch in Württemberg namentlich in der jüd. Schule dasselbe gleichfalls „zum Uebrigen gelegt" werde. Der Religionsunterricht wird ein viel innigerer und gediegenerer sein, wenn derselbe an den Tephillah- und Pentateuchunterricht angeknüpft wird und man sich an dem altjüd. Grundsätze hält, ana an mrbn mitzntheilen. Der Zeitgewinn würde alsdann unfääfcbar sein; wir halten es für weit vortheilhafter und fördernder, wenn der Knabe zum Lesen des Raschicommentars und eines D'mn ibd, wie z. B. "nu'p geführt wird, als wenn er die ganze biblische Geschichte mit Hunderten von Versbelegen wörtlich herzufagen weiß. pädagogische Aphorismen von I. M. Ja pH et. II. Die sinnliche Anschauung ist die Vermittlerin aller Geistesbildung. Der unmittelbare Unterricht in früher Kindheit wirkt eher schädlich, als vortheilhaft auf die Entwickelung der intcllectuellen Vermögen; die Ansicht vieler Eltern, nicht frühe genug mit der Unterweisung des Kindes beginnen zu können, ist daher eine irrige. Zwar ist die Uebung der Erkenntnitzkraft für die Erziehung von höchster Bedeutung; denn selbstbewußte Erkenntniß regelt erst und berichtigt unsere Gefühle, — sie ist dem Gebildeten btc Grundlage des sittlichen Willens, wie es überhaupt richtig ist, wenn Rousseau sagt, daß, ehe wir zu Verstände kommen, in unfern Handlungen keine Moralität sei. Wenn gleichwohl die Erziehungskunst es versucht, durch absichtliche Vorführung zahlreicher Vorstellungen und bildlicher Anschauungen auf das Erkenntnißvermögen einzuwirken, so besitzt diese Einwirkung doch nicht jene Kräftigkeit, mit welcher, ohne unser Zuthun, das Illeben, und vor Allem die Familie die Kindesseele erfaßt. Von diesem Gesichtspunkte aus kann nichts geeigneter sein, die Geistesbildung zu begünstigen, als das jüdisch religiöse Leben innerhalb und außerhalb der Familie. Eine reiche Lichtsaat legt es in der Kindesseele nieder, die, wie von selbst, sich ausdehnt und von Tag zu Tage sich mehrt, wächst und gedeiht. Allerdings bieret ihr die Natur ja schon unzählige Gegenstände , durch deren Betrachtung der Wissensstoff sich vervielfältigt; aber eben ihre Massenhaftigkeit verflüchtigt die Eindrücke zu nebelhaften Vorstellungen und erschwert ein Festhalten und geistiges Vorarbeiten derselben. Die Weckung der Aufmerksamkeit, der Phantasie, der Urtheilskraft und des Scharfsinnes gehört bekanntlich zu den Vorbedingungen für die Entwickelung der Vernunft. In welchem Hause nun haben die Eltern die Zeit oder die Fähigkeit, oder auch nur immer die rechte Stimmung zu ihrer Cultivirung? Alle diese Kräfte aber finden ihre sorgsame Pflege inmitten des jüdisch religiösen Lebens. Wenn viele Kinder, die in ungünstigen Lebensverhältnissen aufwachsen, durch den Mangel an belebendem Wechsel dumpf und gedankenlos das ewige Einerlei ihrer Umgebung ansehen, und ihnen kein verständiger Einfluß besch.eden ist, um ihre Aufmerksamkeit aufzuregen; — wenn sie auf der andern Seite bei den vom Schicksal scheinbar Bevorzugten gerade durch das Ueb ermaß der Objecte abgcleukt, und durch dasselbe flüchtiger Sinn, flatterhafte Unbeständigkeit erzeugt wird; so besitzt die jüdische Erziehung genügsame Momente, um durch mannichfaltige Abwechslung die Aufmerksamkeit und zugleich durch ihre Wiederholung und regelmäßige Wiederkehr sie zu fesseln und vor Zerstreutheit zu bewahren. So lernt das jüdische Kind beispielsweise frühe die verschiedenen Kategorien der Speisen unterscheiden; — die beständig oder zeitweise verbotenen auseinander zu halten; die Begriffe des an Sabbat- und Festtagen Erlaubten und Unerlaubten mit einander zu vergleichen; so wird cs durch den genau bestimmten Eintritt oder Ausgang der Tages- und Festzeilen immer wieder auf Wahrnehmung des Mondenlaufes und die rituelle Scheidung von Tag und Nacht hingelenkt. Alle diese religiösen Einrichtungen wahren das Kind vor stillem Hrnbrüten und halten seine Sinne wach. Welch einen Reichthum von Ideen erweckt nicht die Betrachtung nur des Feftstraußcs am Hüttenfest wie viel hat ein lebhaftes Kind nicht schon an einem Seder - Abend zu fragen, wo Alles angelegt ist, seine Aufmerksamkeit zu erregend Wie mächtig belebt ein solcher Seder-Abend oder der Schofarton am Neujahrstage die Phantasie und wirkt — ohne durch Ueberreiz oder wesentliche Traumgebilde irre geleitet zu werden — befruchtend auf die übrigen Verstandeskräfte, die noch nicht so thätig bei

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