Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1872)
- Date
- 1872-11-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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956 -er Rheines bei Rheindorf. Da nun in Bonn während dieses Winters ein Kind starb, so brachte man die Leiche zu Fuß über den Rhein, was, so weit menschliche Erinnerung reicht, nie vorher und nie nachher vorgekommen. Im Februar 178) trat Plötzlich so warmes Wetter ein, daß der Schnee masfenwcis schmolz und das in Strömen herzu fließende Wasser die feste Decke des Oberrheins löste, während der Unterrhein noch wie eine Mauer stand. Hier, hart am Ufer, wo eben nnser Schiff anzulegen im Begriffe ist, liegt die Judengasse von Bonn und deren alte Synagoge. Das Wasser trat bald aus seinen Usern, und die Israeliten von Bonn flüchteten, wie sie das bei den häufig wiederkehrenden Ueberschwemmungen zu thun pflegten, ans den Parterrewohnungen in den ersten Stock; immer höher jedoch stiegen die Gewässer; aus dem ersten Stock mußten sie in den zweiten und von da in den dritten fliehen, wo sie eng zusannnengcpreßt den sichern Tod vor Augen sahen. Da sandte ihnen Gott unerwartet Hilfe. Im Aufträge des Kurfürsten Maximilian Friedrich, Erzbischofs von Cöln, kamen die Minister von Gymnich unb von Metternich im Verein mit dem General en chef, Baron von Kleist, an der Spitze ihrer Untergebenen, um auf kleinen Nachen die in Lebensgefahr schwebenden israelitischen Bewohner Bonns zu retten. Ihnen stellten fich viele christliche Bewohner Bonns entgegen und verlangten, daß zunächst die ebenfalls von Gefahr bedrohten in niedrig gelegenen Theilen der Stadt wohnenden Christen gerettet werden sollten. Aber die Herren hörten nicht auf sie, sondern eilten zunächst den am meisten bedrohten Israeliten zu Hilfe. Diese hatten nächst Gott ihre Lebensrettung dem Kurfürsten und dessen Beamten zu verdanken. Von all ihrer Habe hatten diese Unglücklichen Nichts als die ThoraroÜen gerettet, die sie mit Lebensgefahr aus der ebenfalls überschwemmten Synagoge herbeigeholt halten. Noch schlimmer fast wäre es in jenen Tagen den Bewohnen von Deutz gegangen, die sich sogar auf die Dächer ihrer Häuser geflüchtet hatten; auch sie wurden durch die Beamten des Kurfürsten gerettet und fanden — 600 Personen — in einem katholischen Kloster so lange Zuflucht, bis sich die Gewässer verlaufen und sie ihre verwüsteten Wohnungen wieder aufsuchen konnten. Welch furchtbares Elend diese entsetzliche Katastrophe über die jüdischen Bewohner von Bonn und Deutz gebracht hatte, kann man sich leicht vorstellen, und da war es wieder der Kurfürst Maximilian Friedrich, welcher helfend und stützend das große v — —:rv Sie sehen also, urtheile beherrschen heute nicht minder die Welt denn ehedem, und allgemeine Schlagwörter durchfliegen die Luft, welche ohne Ueberzeugung angewandt werden und so zu den größten Jrrthümern Anlaß geben." „„Ich habe keine Lust zu philosophiren,"" antwortete Müller mißmuthig; „„ich werde meinen Spielpartner von vorhin wieder aufsuchen."" Bei diesen Worten stand er auf und ging von dannen. „Du bist doch der echte Sohn Deines Vaters," sagte vr. Lindenthal zu Berthold. „Obgleich kein Mediciner, theilst Du doch bittere Pillen aus." „„Es ist wahr,"" entgegnete Berthold, „„ich habe mich von »reinem Eifer zu sehr fortreißen lasten; es war meine Absicht nicht, Ihren Vater zu beleidigen, Fräulein Müller. Ich bitte Sie, mich bei ihm zu entschuldigen." " „Das wird wohl schwerlich gelingen." antwortete Bertha, „da mein Vater ohnehin kein Freund von allen denen ist, welche an der Religion festhaltcn." „„Da bin ich doch toleranter,"" sagte Dr. Lindenthal. „Meinetwegen mag Jeder glauben und thun, was er für recht hält; nur darf er nicht mit den Gesetzen des Staates in Conflict gerathen."" Als die Fahrt beendet war, kam Herr Müller aus dem untern Schiffsräume wieder herauf, um mit seiner Tochter gemeinMl an's Land zu steigen. Während er sich von vr. Lindenthal auf's Freundlichste verabschiedete , würdigte er den jungen Bruchhäuser keines Blickes und kehrte ihm, als dieser zu ihm sprechen wollte, d^n Rücken zu. „Mit dem hast Du's gründlich verdorben," sagte Max zu feinem Freunde, als sich Herr und Fräulein Müller entfernt hatten. Berthold schwieg und schaute gedankenvoll den davon Schreitenden nach. Plötzlich belebten sich seine Züge; er hatte unter den am Ufer Stehenden seinen Vater erkannt. Herr und Fräulein Müller schritten, als sie an's Land stiegen, gerade auf Berthold's Vater zu. „Ihr Sohn ist ebenfalls angekommeu," sagte Müller zu 0r. Bruchhäuser; „er ist ebenso ein absonderlicher Mensch, wie Sie einer sind." Dr. Bruchhäuser hörte nicht auf ihn, denn in demselben Augenblicke hatte auch er seinen Sohn ankommen sehen. Er eilte aus die Landungsbrücke, und nach landaß das geistliche Regiment kurz vor dem Ausbruche der französischen Revolution kein gerade so schlimmes für eint. (Fortsetzung folgt.) unsere Glaubensgenossen gewesen ist. Man hat sich jedoch heutzutage daran gewöhnt, über Dinge zu urtheilen, von denen man keine genaue Kenntniß hat. Vor- Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redactton: Dr. Lehmann. % Gottsleben's Buch- «nv Steindruckerei in Motn;