Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1872)
- Date
- 1872-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Mutter bewarb, war er erst kurz zuvor von einem kleinen Orte in die Stadt gezogen; damals war er noch religiös, wenn auch nur aus Gewohnheit. Da meinem seligen Großvater der junge strebsame Mann sehr wohl gefiel, so gab er ihm seine Tochter zur Frau, ohne den Kern und die Dauerhaftigkeit seiner religiösen Grundsätze viel zu untersuchen. Mein Vater brachte sich bald durch Fleiß und Geschicklichkeit empor , und mit der Ausdehnung seines Geschäftes und mit der Vermehrung seines Vermögens hielt seine Entfernung von dem jüdischen Religionsgesetze gleichen Schritt. Meine Mutter, die leidend war, überhäufte ihn stets deßhalb mit den bittersten Vorwürfen, und es war wohl nicht die rechte Art, meinen Vater zu mahnen und zu lenken. Die beiden Gatten entfernten sich täglich mehr von einander in all ihrem Denken, Thun und Lassen. Was ich schon als zartes Kind unter diesem Mißverhältnisse gelitten habe, kann ich nicht sagen, nicht beschreiben." „„Ich bedaure Sw aufrichtig, Fräulein Müller. Es ist so traurig, wenn der trübe Ernst des Lebens schon an die Kinder herantritt! Kinder sollten eigentlich immer glücklich sein. Für mich gibt es nichts Angenehmeres, als an das Glück meiner Kinderjahre zurückzudenken. Meine Eltern lebten so glücklich miteinander, sie waren in allen Beziehungen so einig, und die innigste Liebe verklärte ihr Dasein. Sie wissen, daß mein Vater seine ärztliche Praxis mit der größten Uneigennützigkeit führt. Dadurch wurde unser Haushalt ein ziemlich beschränkter, und wir mußten Manches entbehren, was Andere unseres Standes sich nicht zu versagen brauchten. Niemals hat meine Mutter darob dem Vater einen Vorwurf gemacht. Sie war glücklich, wenn sie ihn zufrieden sah, und er war zufrieden, wenn er seinem Mitmenschen helfen konnte. Ach, daß ich sie schon habe verlieren müssen, diese gute Mutter. Sie starb, während ich in Berlin die Academie besuchte. Das war der einzige große Schmerz, der mich während meines ganzen Lebens betroffen hat."" „Mein Vater machte vorhin schon die Bemerkung, daß Ihre religiösen Grundsätze Ihnen während Ihrer Studienzeit schon manche Conflicte gebracht haben müssen." „„Dem ist allerdings so. Ich habe von dem Hohn und dem Spott meiner Genossen und meiner Lehrer viel zu erdulden gehabt. Sie konnten es mir nicht verzeihen, daß ich nicht mit-ihnen aß und trank; sie sprachen mir je^n Beruf zum Maler ab, da ich mich weigerte, die Meisterwerft der italienischen Maler zu copiren, die Heiligenbilder darstellen. Oftmals war ich im Begriff, voll Unmuth für immer auf die Führung des Pinsels zu verzichten, und nur das Bewußtsein, daß ich mich in jedem andern Berufe unglücklich fühlen würde, ließ mich treu bei meinem Vorsatze ausharren. Doch sehen Sie, Fräulein, dort tauchen schon in weiter Ferne die ersten Höhen des Siebengebirges auf."" Während Bertha sich nach der von Bruchhäuser bezeichneten Richtung wandte, kamen ihr Vater und der Advocat herbei. „Hat das geschmeckt," rief Müller, „ich habe lange nicht so gut gegeffen wie auf diesem Dampfboote! In Wiesbaden mußte ich meiner Tochter zulieb fast immer koscher essen." _ „ Und waren die Speisen,"" fragte Bertha vorwurfsvoll, „ „nicht immer gut, kräfttg, und curmäßig bereitet?"" „Das waren sie wohl, allein besser ist doch bester. Ei sieh', wir sind ja während des Kartenspiels und des Essens ein gut Stück vorwärtsgekommen! Da ist ja schon das Siebengebirge und wir sind nicht weit mehr von Bonn. Wir wollen hier auf dem Verdeck den Kaffee nehmen, und während wir die braune Bohnenbrühe schlürfen, werden wir wieder eine gute Strecke weiter gekommen sein. Cs ist wahr, man kann auf dem Dampfboote essen, trinken und promeniren; allein auf die Dauer wird die lange Fahrt doch ennüyant und mit der Eisenbahn kömmt man weit schneller weg." Dr. Lindenthal rief den Kellner herbei, der unserer Gesellschaft Tassen und Zucker vorsetzte, während ein anderer den dampfenden Mokka eingoß. Bald war Rolandseck erreicht, und die Schönheit der Gegend erfaßte unwillkürlich den prosaischen Advocaten. „Hier ist's wirklich schön," sagte er. ,chier möchte ich mir mein Zelt aufschlagen! Was haben doch die drei geistlichen Kurfürsten von Cöln, Mainz und Trier für schöne Länder besessen!" „ ,Gottlob. daß das Pfaffenregünent sein Ende genommen hat!"" sagte Herr Müller. „„Das allein ist schon etwas Unschätzbares, was wir der französischen Revolution von 1789 nicht genug danken können. Wie schlimm muß es nur unfern Glaubensgenossen nnter der Pfaffenherrschaft ergangen sein!"" „Doch nicht so schlimm," entgcgnete der Maler, „die geistlichen Fürsten waren in der Regel besser g^en die Juden als die weltlichen." „„Das scheint mir doch eine sehr gewagte Bchauptung zu sein. Immer waren es die Geistlichen, welche das rohe Volk zur Mißhandlung. Plünderung und Ermordung der Juden aufhetzten."" „Dem ist wohl vielfach so gewesen, aber nicht im-- mer; namentlich waren es die geistlichen Fürsten, welche die Juden mit Milde behandelten. Ich besitze ein kleines Buch, welches in hebräischer Sprache die große Wassernoth im Jahre 1783 beschreibt. Im Herbste 1784 begann der Winter sehr früh und in den Monaten November, December und Januar fielen ungeheure Massen Schnee's. Dabei herrschte eine fürchterliche Kälte, so daß der Rhein fast seiner ganzen Länge nach zufror. Sehen Sie, dort liegt Bottn vor uns; der Friedhof dieser uralten Gemeinde liegt am andern Ufer