Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1872)
- Date
- 1872-11-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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944 welche Ungesetzlichkeit mit dem Abschaffen eines allgemeinen recipirten Theils der Liturgie geübt wird; wollen uns nur auf den Hinweis beschränken, daß, wenn das Kol Nidre das glänzendste überführendste Dokument von der Gewissenhaftigkeit des jüdischen Volkes, von der heiligen Achtung, in welcher jedes Wort bei den Juden steht, ist und unsere vergangenen Geschlechter von einer feindlichen Umgebung, welche theils bewußt, theils unbewußt diesem Kol Nidre eine falsche Bedeutung unterschob, um dieses Kol Nidre willen verleumdet und geschmäht wurden — die Worte, welche wir vorhin von Samson Hirsch citirten, auch in vollstem Maaße ihre Anwendung auf die Abrogirer und die Abrogation dieses liturgischen Stückes finden. Ferner mag hervorgehoben werden, daß diese ganze Formel, die an Stelle des abgeschafften Kol Nidre in Hannover getreten ist, eine weitere Verletzung des Religionsgesetzes involvirt. Es dürfte dieselbe vollständig unter die Kategorie der uw nynp fallen und die Gemeinde zu Hannover den Jom Kippur somit durch ihre seelsorgerrsche Fürsorge würdig einleiten! (cf. Jorcdeah 236 und Commentare). Wir brechen hier ab. Länger schon als es das ganze Machwerk verdiente, haben wir für dasselbe die Geduld der Leser in Anspruch genommen. Wenn es nicht eine ganze Richtung trefflich illustriren und einen neuen Beweis für die Gedankenlosigkeit und Unfähigkeit einer ganzen Kategorie liefern würde — so hätten wir die Spalten des „Israelit" damit verschont. Wir leben aber leider noch nicht in einer Feit, wo die öffentliche Kennzeichnung der beschränkten Gesinnung, welche sich über unsere Heiligthümer erhaben dünkt, überflüssig wäre. Wie über so Manches, so wird sicherlich das alte Judenthum auch über solche Feinde hinwegschreiten. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Lemberg. Ueber Lie Judenhetzm in Winniki, welche wir in gedrängter Kürze bereits früher meldeten, lesen wir jetzt in den Wiener Zeitungen folgendes Ausführlicheres: Winniki ist ein galizisches Dorf, eine Stunde Weges von Lemberg entfernt und ist wegen der dortigen Tabak-Fabrik bekannt Die Bewohner dieses Dorfes bestehen aus Deutschen, Po en und aus 2 0 jüdichen Familien. In diesem Dorfe hat nun am .-i'bia ms eine große Schlägerei stattgefunden, zu deren Unterdrückung Militär herbeigeholt werden mußte. Die Ursache dieser Schlägerei ist folgende: Ein deutscher Bauer, Namens Jakob Holz, verliebte sich in ein jüdisches Mädchen und diesem zu Liebe wurde er Jude. Nach der Beschneidung wurde er krank und mußte in's Spital gebracht werden. Auf naipn kam er ganz geheilt nach Winniki zurück und zwar mit lanaen rvn3 (die er sich wachsen ließ) und ganz in jüdischpolnischer Tracht. So jüdisch gekleidet besuchte er die Synagoge und auch seine christlichen Anverwandte. Dies empörte die polnischen Christen, welche nun . uch vom Geistlichen sehr ausgehetzt wurden, — und die Ausführung einen fürchterlichen Judenhetze wurde beschlossen. — Dieser Beschluß hätte noch ru»n mn zur Ausführung komme' sollen; man h tte auch schon an den Feiertagen die Fensterscheiben der jüdischen Wohnungen eingeschlagen, alleingehende Juden und Jüdinnen wurden überfallen und mißhandelt, ja man drang sogar in die Synagoge ein und zerschlug, was nur zu zerschlagen war. Endlich am Sonntag (am.-i'b^ ms) ist die förmliche Jndenhetze ausgebrochen. Die Bauern bewaffneten sich mit Heugabeln und Hacken und versuchten in die Judenhäuser einzudringen. Die Juden haben sich in den Häusern befestigt und eingeschlossen und vertheidigten sich auf alle mögliche Weife. Von beiden Seiten wurde mit Erbitterung gekämvft und vie e Verwundete blieben auf dem Kampfplätze. Der Gensdarm war für die Bewältigung dieser Schlägerei zu wenig und in größter Eile mußten zwei Compagnien Militär geholt werden. Das Militär durchstreifte die Gassen, um die Bauern von den Judenhäusern zu vertreiben. Das Haus des Israeliten Simmerbauer, in welches sich der -o flüchtete, tour e von den Bauern beinahe gänzlich zerstört. Die Bauern sind noch so erzürnt und dürsten nach Judenblut, daß aas Militär zur Bewachung noch lange in Winniki verbleiben wird. Stanislau. Wie eine Depesche der „Franks. Ztg." aus Stanislau meldet, ist das Urtheil in dem in diesen! Blatte mehrerwähnten Skandalprozefse Karmelin gefällt und lautet aus Nichtschuldig für die Angeklagten. *) Die Freisprechung der letzteren involvirt die schärfste Verurtheilung der Kläger. In der Thal sucht dieser Prozeß seines Gleichen, — in seiner Entstehung sowohl wie in seinem Verlaus. Er enthüllt eine Demoralisation nach oben, die mindestens eben so stark ist als die dabei zu Tage tretende Demoralisation nach unten. Unser Wiener Correspondent hat bereits ausführlicher dargelegt, um was es sich in jenem Prozesse handelte; von Seiten der österreichischen Regierungsbe- *) Anm. der Red des „Jsr.": Späteren Nachrichten zufolge wurde ein Theil der Angeklagten zu Freiheitsstrafen vernrtheilt.