Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1872)
- Date
- 1872-11-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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943 Geduldet haben die Juden von je, gerächt sich nie. Oder haben sich gerächt, wie der edle Mensch Rache nimmt, indem er seinen Feinden Gutes thut, haben es von je als Kiddusch Haschem, als höchste gottverherrlichende Mizwah betrachtet, selbst der sie höhnenden und drückenden nichtjüdischen Menschheit die reinste Menschenliebe zu üben,- ma'tNi, das werden uns unsere nichtjüdischen Brüder selbst bezeugen. Was der jüdische Weise gesprochen: „wenn deinen Feind hungert, dann speise ihn" u. s. w.. was Gottes ewiges heiliges Wort geboten: siehst du das Thier deines Feindes unter seiner Last erliegen u. s. w., das hat das jüdische Volk in all den Jahrhunderten seiner Zersteuung praktisch geübt, und hat überall und immer sich als die Ersten bewiesen, wo es galt, der Privat- oder öffentlichen Noth der nichtjüdischen Welt mit edler Menschenthat beizuspringen. Sie haben sich bewährt als die Rachamanim bene Rachamanim, als die barmherzigen Kinder barmherziger Eltern, als Sera Abraham, als die echten Söhne Abrahams, der seine Hütte voller Erbarmen öffnete unterschiedslos aller hilfsbedürftigen. Die das Nekom leenenu schrieben, die das Nekom leenenu beteten, hatten keine Rachegesühle in ihrem Herzen, hatten durch Menschenliebe und menschliche Gesinnung und menschenliebende That gegen ihre nichtjüdische Welt Gott verherrlicht, und ihr rachefreies Gemüth war ein um so größerer Triumph jüdischer Seelengröße, eben weil sie mehr zu leiden hatte, als die heutige Zeitgenossenschaft. Und wollen wir wissen, was ihnen diesen Triumph jüdischer Seelengröße erleichtert, ja, was ihnen denselben ganz eigentlich ermöglicht, das waren eben diese Gebete, durch die unsere heutigen Moßerim uns verdächtigen. Eben indem das jüdische Volk gelehrt ward, Gott die Vertretung seinerverkannten und mißhandelten Menschenrechte anheimzugeben, und diese Vertretung, diese Nekamah, in der Verheißung Gottes und Hand in Hand mit der eigenen nnd >er gleichzeitigen geistigen, sittlichen und sozialen Wiedergeburt der Gesammtmenschheit zu erblicken, eben dadurch war es ihm möglich, die ganze Bürde der drückenden Gegenwart, wie der hebräische Ausdruck ist, aut Gott zu „wälzen", sich selbst aller Selbstrache zu entkleiden, den letzten Tropfen der Bitterkeit _ aus dem Gemüthe zu wischen und mitten in einer feindseligen Welt als das Volk der Barmherzigkeit und der Menschenliebe zu wandeln. — Würde nicht schon die gesetzliche Vorschrift es verbieten, unser und unserer Väter point d’honneur würde es erfordern, das Nekom leenenu nicht zu streichen; wer es streicht, wirft einen Stein der Verdächtigung lästernd auf das Grab aller unserer heimgangenen menschlisch großen Väter." So Samson Hirsch über die Abrogirung dieses Gebetsatzes; wie zerschmettert nicht jedes Wort den knabenhaften Dünkel und die gedankenlose Anmaßung, die sich nicht scheuten, Hand anzulegen an die heiligen Ueberlieferungen einer glorreichen Vergangenheit?! Zu diesem Theile der reformatorischen Arbeit wäre nur noch als fernere Eigenthümlichkeit hervorzuheben, daß nicht angezeigt ist, ob die 'c zu Neilah die übliche Abänderung in ucrn fernerhin in Hannover erfahren sollen oder nicht. Ist es lediglich eine Nachlässigkeit oder liegt di; bestimmte Absicht, auch hierin eine Veränderung von dem Usus vorzunehmen, hier vor?? Während bislang die uns vorliegende NovitätIeben gerade keine Originalität bekundet hat, so rft der zweite Theil, die Form von m: to, in der That ein Unicum und ganz Originals Gedanke, Plan und Ausführung originell, und specifisch hannoverisch. Man höre und bewundere. Es ist schon lange das Kol-Nidre ein willkommener Gegenstand der resormatorischen Gelüste unserer Modernen und diesen an vielen Orten bereits zum Opfer gefallen; man hat dafür irgend ein Machwerk als Jntroduction des Jom Kippur supplirt, ein Verfahren, welches seiner Zeit in einer Brochüre des vr. Lehmann in Mainz trefflich gekennzeichnet ist. Unseres Wissens ist aber noch Niemand auf den sublinren Einfall gekommen, eine kleine Escamotage in der Weise vorzunehmen, daß die Worte mj?d am Anfänge stehen bleiben, ebenso der durch die übliche Melodie besonder hervorstechende Satz b"v"3"n ov nt omsa ovo, so zwar, daß es den Anschein haben soll, als ob eben nur eine kleine styliftische Veränderung des Textes vorgenommen sei, während der Hauptinhalt intact geblieben. Man kann ja noch immer vom „Kol-Nidre-Abend" reden und in der That haben manche wackere Hannoveraner mit Entrüstung die Meinung zurückgewiesen, daß n-u v3 nunmehr in ihrer Gemeinde abgeschafft sei! Das ist ein Triumph, wie ihn der geistvolle Autor nicht größer geahnt haben kann. Das neue Hannoversche Kol-Nidre lautet nun also: omj non -»tcr« »J3 »tu >3 jo td »nv3T "prnyt inmn '“on n« erb ib son DmsD ov> np nt dteo Di'D tndkti pc mson L'vnnb int» ty’T) t«a»? Hy d^d n>3Db n1?' m-:nt 3vun •pp n« nNT^i ,-Qn&o pi .DTy1? »M3» Dieses Thema ist noch zwei Mal variirt, so daß das „Kol-Nidre" dieser neuesten Fa^on ebenfalls drei Mal gesungen wird, wie das alte. — Zuvörderst bewundere mau den herrlichen St»)l. Während im Vordersätze mj b3 das Subject ist, springt dasselbe auf Einmal im Nachsatze auf bNT7» »J3 über; — sodann paßt der Satz 'o» -nsa o»»o zu dem ganzen Inhalt gar nicht und steht nur da, um das Taschenspielerkunststück, das eigentliche Kol-Nidre verschwinden zu lassen, den Augen resp. den Ohren des verehrungswürdigen Publikums, wollte sagen, der andächtigen Gemeinde zu verdecken. Wahrlich, ein unwürdiges Vorgehen, aber höchst charakterisirend für den echten juste milieu-ökijt des Verfassers. Wir wollen hier nicht weiter anführen,