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Der Israelit · 1872-11-06 · Heft 45 (6.11.1872) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 45 (6.11.1872)
Date
1872-11-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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942 schlachteten, thu es um derer willen, die um die Heiligung deines Namens in Feuer und Wasser gegangen. Zeige dich vor unfern Augen als Rächer des unschuldig vergossenen Bluts Deiner Diener. Thu es um Deinetwillen, wenn nicht um unsertwillen, thu es um Deinetwillen und hilf uns, thu es um Deines unendlichen Erbarmens willen, thu es wegen Deines großen allmächtigen und furchtbaren Namens, der über uns genannt ist, schenke uns Gnade und jerböre uns, denn wir haben kein Verdienst, erzeige uns Milde und Gnade und hilf uns!" „Wer sieht nicht, daß hier, am Schluffe ihrer Wünsche und Bitten vor Gott die jüdische Gesammtheit, in dem Bewußtsein ihrer Verdienstlosigkeit, alle die Seiten hervorhebt, aus denen sie Zuversicht auf eine erhörungSreiche Zukunft schöpfen dürfte, selbst wenn ihre eigenen Tugenden nicht ausreichen. Auf das Verdienst der Väter weist sie hin, die die qualvollsten Märtyrertode um die Heiligung und Verherrlichung des göttlichen Namens gestorben; auf die Gerechtigkeit Gottes, der es verheißen, daß er sich als Rächer des unschuldig vergossenen Blutes bewähren werde, auf die Verherrlichung und Heiligung des göttlichen Namens überhaupt, die Gott an die Erhaltung des jüd. Volkes geknüpft, und die durch dessen Erhaltung gefördert wird an die unendliche Barmherzigkeit, Liebe und Gnade endlich, die auch ohne Verdienst der Sterblichen immer bereit ist, eine neue Heileszukunft zu eröffnen. — Was ist an diesen Gebeten, selbst an dem Nekom leenenu, an diesem Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes und ihrer Verheißung, wessen sich irgend eine Zeit zu schämen, an der sich irgend eine Zeit nicht zu erheben und für die Prüfungen des Lebens nicht zu stärken hätte!! — Es ist das Wort „Rache", unter dem man sich den hebräischen Begriff Nekamah denkt, der den Gefühlen widerstrebt. Allein dieses Wort entspricht nur einseitig dem hebräischen Begriff. Nekamah ist unsittlich, wenn sie Selbstrache ist und Böses mit Bösem vergilt. Als solche spricht Gott in seinem heiligen Gesetze, lo thikom, du sollst dich nicht rächen. Allein Nekamah ist auch, und von Gott gebraucht ist es ausschließlich die leidende Unschuld vertretende, richtende Gerechtigkeit. So 2. B. M. 21. Nakom Jinokem von der richtenden Gerechtigkeit, die den durch Mißhandlung des Herrn getödteten Sklaven gegen den Herrn vertritt. In dieser Beziehung spricht Gott li Nakam Weschillem 5. B. M. 32, 35. Mein ist Nakam. mein ist die Vergeltung. Will man dies mit „Rache" wiedergeben, immerhin, nur entferne man davon die unsittliche Beziehung, die dem Worte in dieser Anwendung nicht innewohnt. Auf diese, die mißhandelnde Unschuld vertretende Gerechtigkeit Gottes, auf diese Nikmath Haschem, wird aber das jüdische Volk, ja, werden die Völker ganz entschieden in der Verheißung Gottes hingewiesen, und das letzte Wort, das Moses, der Mann Gottes, als Vermächtnis seinem Volke in dem Abschieds^ liede hinterließ, „das nimmer von seinen Nachkommen vergessen werden soll", das letzte Wort Mosis, des Mannes Gottes, lautet also: „Bringt sein Volk zum Jauchzen, denn das Blut seiner Diener „jikonl", wird er richtend („rächend") vertreten und dann wird das Volk seine Menschen-Erde sühnen." 5. B. M. 32, 43. Auf diese Verheißung blickt Israel in dem hier zur Besprechung vorliegenden Gebetsatze hin. Die hervortretende Gerechtigkeit Gottes begreifen Psalmen und Propheten ganz so wie unser Gebet als Bedürfniß und Mittel für die Förderung des Gottesreiches, für die Verbreitung der Gotteserkenntniß auf Erden. „Warum sollen die Völker sprechen", heißt es in den Psalmen, „wo ist ihr Gott? Möge darum unter den Völkern vor unfern Augen erkannt werden, die das vergossene Blut deiner Diener vertretende Gerechtigkeit"; leenenu Nikmath u. s. w. Und Jesaias 35, 4: „Sprechet zu den Eilfertigen, seid stark und fürchtet nicht, seht, euer Gott „Nakam jabo", in der rächenden Gerechtigkeit erscheint Er. Die Vergeltung Gottes kommt und schafft euch Heil. Dann werden die Augen den Blinden geöffnet und geöffnet die Ohren den Tauben!" Auf diese Stellen schaut unser Gebet in dem ganzen Zusammenhänge hin, und wir glauben nicht, daß sich irgend eine Zeit und irgend ein Kreis über die sittliche Stufe unseres Moses, der Psalmen und Propheten erhaben dünken dürfte! Wir erkennen vielmehr in allem dem nichts mehr als denselben blasphemirenden Hochmuth, der ja auch heilige, unverbrüchliche Religionsvorschriften und durch allgemeinen Usus der Jahrhunderte sanktionirte, „religiöse" den Gewissen seiner Nation heilige Bräuche „schädliche" Sitten, alte „Mißbräuche" und mittelalterlichen „Aberglauben" lästernd zu nennen sich nicht entblödete. — Wohl sind einige ähnliche Stellen aus unsern Liturgien geschwunden; aber nur weil sie zu feindseligen Mißdeutungen nichtjüdischer Kreise Veranlassung gegeben und die nichtjüdische Welt zu wenig erleuchtet war, um vernünftiger Aufklärung Raum zu gestatten. Allein in unserer Zeit, aus freien Stücken und aus solchen Motiven, solche Worte aus unsern Liturgien streichen, hieße unsere ganze Vergangenheit, hieße alle übrigen mitlebenden Zeitgenossen" hieße uns selbst verdächtigen, als habe bis jetzt, als habe je bei uns das Gefühl der Rache gegen dre uns feindliche nichtjüdische Welt Platz gegriffen, als wären je rachgierige Gefühle bei Juden gegen Nichtjuden heimisch gewesen! Wer solche Stellen aus solchen Motiven streicht, oder deren Streichung aus solchen Motiven öffentlich vertheidigt, ist ein Moßer, ist ein Verleumder seiner eigenen Nation, die wahrlich nicht vor dem Hauche einiger, der Mißdeutung Böswilliger vielleicht unterliegender Worte sich zu verkriechen hat. Die ganze jüdische Geschichte, das ganze Leben, welches das ganze jüdische Volk Jahrtausende herab vor den Augen der Völker gelebt hat, straft solche Verleumder ihres eigenen Volkes Lügen.

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