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Der Israelit · 1872-11-06 · Heft 45 (6.11.1872) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
13 (1872)
Issue
Heft 45 (6.11.1872)
Date
1872-11-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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940 „„Die Sage erzähl!, daß einst ein Bischof von Bingen, Namens Hatto, viele seiner Unterthanen, die sich gegen ihn empört, und die er besiegt und gefangen genommen hatte, in ein Haus habe sperren und verbrennen lassen. Als die Unglücklichen in Folge der schrecklichen Feuerqualen herzzerreißende Jammertöne ansstießcn, sagte der grausame Fürst zu seiner Umgebung: „Hört Ihr, wie die Mäuse pfeifen!" Da kamen plötzlich von allen Ecken und Enden zahlreiche Mäuse herbei und verfolgten den Bischof. Wenn er tanfenb tödten ließ, so kamen zehntausend andere. Da ließ er sich, um den Mäusen zu entgehen, einen Thurm mitten im Rheine bauen und begab sich dorthin. Aber die Schaar der Mäuse folgte ihm und stürzte sich in's Wasser, um den Thurm zu erreichen; unzählig viele der kleinen Thiere ertranken; aber die kleinen Leichen häuften sich so dicht übereinander, daß sie den nachkommenden Thierchen als Brücke dienten, die dann bis zum Thnrme des Bischofs vordrangen und ihn bei lebendigem Leibe so lange benagten, bis er des entsetzlichsten Todes starb. So erzählt die Sage. Geschichtsforscher wollen behaupten, daß der Thurm ursprünglich Mauththurm geheißen habe, weil er erbaut worden sei, um von den Schiffern den Zoll \\\ fordern; aus Mauththurm sei dann Maus- und endlich Mäusethurm geworden."" ,Wie Sie von Allem so genau unterrichtet sind, Herr Brnchhänser." „„Und doch wissen Sie Etwas nicht, was ich weiß,"" rief Herr Müller, „„Sie wissen nicht, wie Schweinefleisch schmeckt."" Berthold wandte sich unwillig ab! Fräulein Müller erröthete vor Scham ob des rohen Witzes ihres Vaters. „O," sagte sie, „in diesem Punkte bin auch ich unwissend." „„Du,"" rief ihr Vater, „„Du wirst es noch erfahren. Dein künftiger (Mtc wird Dich schon von Deinen thörichten VorurthEu curiren, und daß dieser nicht zu den Rückschrittsmännern gehört, dafür werde ich schon Sorge tragen."" „Und ich, liester^ Vater," entgegnete Bertha entschieden , „werde, nid. meinen religiösen Grundsätzen untreu werden." * ' Die Unterhaltung, die einen peinlichen Charakter anzunehmen drohte, verstummte. Nur hie und da machte Berthold seinen Freund und Fräulein Müller auf die einzelnen, schönen Punkte, an denen sie vorüberfuhren, aufmerksam, während Hern Müller sich in die unteren Räume des Schisses begab, um einen Partner zu suchen, der ihm mit Kartenspiel die Zeit vertreiben helfe; ihn interessirte die wundervolle Landschaft n'cht, welche die Aufmerksamkeit unserer Bekannten auf dem Verdecke jetzt ganz in Anspruch nahm. Bist Du, lieber Leser, schon einmal von Bingen nach Coblenz gefahrend Der Rhein durchbricht gleichsam die Gebirge, die sich eng an seine User schließen. Brausend und schäumend stürzt er durch den Engpaß, den man „das Binger Loch" nennt; an seinen Ufern erheben sich gewaltige, seltsam gestaltete Felsen mit uralten Schloßruinen, an die sich wunderbare Sagen knüpfen, mit Städten, Dörfern, Fabriken und Landhäusern ohne Zahl, während Dampfboore und andere Schiffe aufwärts und abwärts fahren und Wassermühlen mitten im Strome ihre Räder wälzen; immer felsiger und großartiger gestalten sich oie Ufer, bis diese groteske Formen im Lorelei- Felsen sich am mächtigsten ausprägen. Wenn die Lorelei in Sicht kömmt, dann drängt sich Alles auf's Verdeck, um diesen nicht nur durch seine wunderbare Schönheit und herrliche Lage, sondern noch mehr durch Heine's Gedicht berühmt gewordenen Stein zu betrachten. Da hört inan denn die Leute das Eine oder Andere aus jenem Gedichte citiren. „Siehst Du," sagte Berthold zu seinem Freunde, „mit ein wenig Phantasie kann man die Gestalt der bösen Fee herausfinden; sie hält den Arm hoch „und kämmet ihr goldenes Haar!"" „„Dazu," " entgegnete Max, „ „muß man die Phantasie eines Dichters oder Künstlers haben. Ich sehe nichts als einen Stein, der allerdings größer als viele andere Steine ist."" „Sehen Sic, Herr Bruchhäuser." rief Fräulein Müller, „dort fahren zwei Schiffer in einem Nachen gerade am Fuße der Lorelei; wie der Kahn schwankt! „Das hat mit ihrem Singen die Lorelei gethan!"" „,,O nein,"" rief vr. Lindenthal lachend, „„das thun die Wellen, die unser gutes Dampfboot aufregt. Was dieser Heine doch allen Leuten den Kopf verdreht! .Ad vocem Heine! Berthold, glaubst Du, daß Heinrich Heine ein großer Dichter geworden, wenn er ein strenggläubiger Jude gewesen wäre?"" „Ich glaube sogar," antwortete der Maler, „nein, ich bin fest davon überzeugt, daß Heine Größeres, Bedeutenderes, Unvergängliches geleistet haben würde, wenn er, der Religion treu, aus ernstem, sittlichem Boden gestanden hätte. Bei seinen eminenten Fähigkeiten hätte er nach dem Höchsten streben und Großes erreichen können. Wie er war, wird, was er geschrieben und geschaffen , nach wenigen Jahren bis auf einzelne Lieder, die Gemeingut des Volkes geworden, vergessen sein. Nur das auf Wahrheit und Sittlichkeit Beruhende hat ein Anrecht auf Unsterblichkeit, und bietet erfolgreich der Vergänglichkeit Trotz." (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: l>r. Lehmann. — Vertan der Le Rour'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchunv Steindruckerei in Mainz.

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