Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1872)
- Date
- 1872-11-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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939 tung Ihrer Kunst mußte Sie doch mit den strengen ascetischen Grundsätzen des Judenthums in unzählige Conflicte bringen." „„Sie haben der Sache nach ganz Recht, Herr Müller! aber meinem Vater thun Sie Unrecht. Er hat es eben aus religiösen Gründen sehr ungern gesehen, daß ich mich der Kunst widmete. Allein, ich bin zum Künstler geboren; ich hätte mich unglücklich gefühlt in jedem andern Berufe. Als das mein Vater sab, hat er sich um so eifriger bestrebt, mich in den religiösen Grundsätzen des Judenthums zu festigen, damit ich Widerstandskraft genug besäße, allen Versuchungen erfolgreich entgegenzutreten. Doch erlauben Sie wohl, daß ich von diesem Gegenstände abbreche, um Ihr Fräulein Tochter auf die Reize der Landschaft aufmerksam zu machen. Sehen Sie, Fräulein, dort auf dem mäßig hohen, scheinbar kahlen Berge Prangt Schloß Johannisberg, das Eigenthum des Fürsten Metternich; am Abhänge des Berges wächst der köstliche Wein, der für unübertrefflich gilt."" „Fürst Metternich!" sagte I)r. Lindenthal. „Welch eine Fluth von Erinnerungen ruft dieser Name hervor! Ob wohl Oesterreich den Halt wieder gewinnen wird, den es mit dem Aufgeben des Metternich'schen Systems verloren hat"?" „ „Ich komme aus Oesterreich,"" sagte der Maler; „„es ist ein herrliches Land mit schönen und reichen Provinzen und einer gutmüthigen, fleißigen Bevölkerung; in vielen österreichischen Landen find unsere Glaubensgenossen sehr zahlreich vertreten; diese fangen jetzt an, im öffentlichen Leben eine hervorragende Rolle zu spielen; wenn sie sich nur dabei nicht der Religion der Väter entfremden möchten."" „ Hieltest Du das für ein Unglück V fragte Lindenthal. „„Gewiß,"" entgegnete Berthold, „ „für das größte, das den Juden treffen kann. Nur die Religion macht den Juden zum Juden, und ohne sie wären wir längst vom Erdboden verschwunden."" „Sie scheinen," bemerkte Herr Müller, „die Religion und die Satzung für identisch zu halten. Meiner Meinung nach kann man ein wahrhafter und überzeugungstreuer Jude sein, wenn man auch die Satzung vernachlässigt. Der Glaube an einen einzigen Gott und das Sittengesetz bilden das Wesen des Judenthums. Was kann es z. B. mir schaden, wenn ich den Eiweitzstoff, der zur Erhaltung meines Körpers nothwendig ist, aus unkoscherem Fleische ziehet" „„Sie haben Recht, Herr Müller,"" antwortete Berthold, „ „ich halte dasjenige, was Sie Satzung nennen, für einen wesentlichen Bestandtheil des Judenthums. Erörtern wir das an dem von Ihnen angeführten Beispiele. Der Glaube an einen einzigen Gott und die Erfüllung des jüdischen Sittengesctzes stehen im engsten Zusammenhänge mit den Vorschriften über die Wahl und Bereitung der Speisen. Der Glaube an einen | einzigen Gott ist in dem Judenthum keine leere, todte Formel, sondern er hat seine unausweichlichen Consequenzen. Glaube ich, daß Gott einzig ist, so muß ich Ihn anerkennen als den Schöpfer und Herrn des Weltalls und muß alle seine Gebote beobachten. Zu diesen Geboten gehören allerdings in erster Linie diejenigen, welche der menschliche Verstand als gut und wahr erkennt und die Sie als Sittengesetze bezeichnet haben. Diese Gesetze vollständig zu erfüllen und sie in ihrer Reinheit und Vollkommenheit so auszuführen, wie Gott sie geboten hat, ist unendlich schwer. Zu ihrer Ausführung ist der Körper berufen als Werkzeug der Seele. Der Körper aber sträubt sich dagegen und sucht die Seele in das Getriebe der sinnlichen Lüfte hinabzuziehen. Dabei ist es nun durchaus nicht gleichgiltig, wie und in welcher Weise der Körper ernährt wird. Die von Gott erlaubten Speisen gestalten das Blut und die Säfte des Körpers derart, daß das Gehirn befähigt wird, rein und edel zu denken, das Herz rein und edel zu fühlen. Die von Gott verbotenen Speisen hingegen nähren und fördern die Leidenschaften, machen das Herz verstockt und trüben den reinen Spiegel der Seele."" „Sie sind ja ein ganzer Theologe! Haben Sie Sich diese Theorie ausgedacht? Ich werde un'ern Rabbiner veranlassen, bei Ihnen Belehrung zu suchen." ,, „Sie scherzen, Herr Müller; ich habe mir diese Theorie nicht ausgedacht, die findet sich bereits im Talmud vor."" „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Bruchhäuser," nahm Fräulein Müller das Wort, „für Ihre gediegene und schöne Auseinandersetzung. In dieser Weise habe ich die Speisegesetze noch nie erklären gehört, und ich kann mich deßhalb leicht darüber trösten, daß mir dadurch der versprochene Commentar der Landschaft entgeht" „„Sie mahnen mich in sehr nobler Weise an meine Pflicht, mein Fräulein. Hier beginnt allerdings der interessanteste Theil der ganzen Rheinpartie. Das Städtchen. an dem wir soeben vorüberfliegen, ist Geisenheim, und drüben am rechten Ufer liegt Bingen mit der Burg Klopp, wo einst ein unnatürlicher Sohn feinen Vater, den deutschen Kaiser Heinrich IV., im Burgverließ gefangen hielt. Die Höhendort sind der Rochusberg, dessen Fest Göthe so schön beschrieben hat, und der Scharlachberg, auf dem so vorzüglicher Wein wächst; in dem Gasthofe dort oben am Rochusberge hat Betthold Auerbach sein „Landhaus am Rhein" geschrieben' Jetzt sehen Sie das liebliche Landhaus selbst, das ihm Anlaß zu der Erzählung gab; der ehemalige Besitzer desselben soll in der That einst ein Sclavenhändler gewesen sein. Zur Rechten liegt Rüdesheim und der Thurm da vor uns mitten im Rhein das ist der berühmte Mäusethurm."" „Woher mag nur der sonderbare Namen kommend" ftagte Bertha.