Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 13 (1872)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1872)
- Date
- 1872-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Mohel 1× ep/1006163
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937 immer erst zum Morgengottesdienft und war glücklich genug, nachher doch noch so viel als seine übrigen, sonst ebenfalls trefflichen Brüder zu verdienen. Daß er unter solchen Verhältnissen, und da es in Moisling damals nooy keine öffentliche Schule gab, nicht viel lernen konnte, ist selbstverständlich. Aber sein Leben lang war er von einem wahren Feuereifer für Thora und von unbegrenzter Ehrfurcht für alle Thorabeflissenen beseelt. „Wenn ich auch selbst nicht lernen kann, so weiß ich doch, daß man es ja können soll und was mir deßhalb fehlt," äußerte er oft. Darum vertändelte er auch seine Zeit nicht, verwendete jeden freien Augenblick zu „Thillunsagen" und „Mischlelesen" und wenn am Sabbat oder Feiertage Andere Besuche machten oder spazieren gingen, dann saß er bei Talmudbeflissenen und hörte zu „lernen". Er drängte sich förmlich zu allen Mizwaus und guten Handlungen. Er war Mohel, wenn er auch, wegen zu großer Hastigkeit rrnd großem Eifer, dazu wenig Geschick und deßhalb auch wenig Praxis hatte; er war Gabbe der frommen Bruderschaft p"n) und wie aufopfernd er sich diesem Amte widmete, ist über alles Lob erhaben; er war yp-n byi und unermüdlich, sich dieses Amtes immer würdiger zu machen. Um 2, um 3 Uhr des Moraens stand er an den mm'-O - Tagen oft schon an der Pforte der Synagoge und begehrte Einlaß. „Du weckst mich schon in aller Frühe aus dem Schlafe," sagte ihm einst ein neben der Synagoge wohnender Freund; „wer kann auch an solchen Tagen des Morgens noch schlafen!" war Lissauer's naive Antwort. Ueberhaupt versäumte er nur sehr ungern „die Schul", eilte oft mitten aus dem Geschäfte weg und als er einst auf der Leipziger Messe am Freitag sich etwas verspätet hatte, lief er nach seiner Wohnung, warf seine nicht unbedeutende Baarschaft in seinen Koffer und sprang dann, da man nicht tragen durste, ohne den Schlüssel mitzunehmen, nach dem Bethause. Ein anderer Lübecker, der mit ihm im selben Hotel wohnte, war vorsichtiger, trug trotz des religiösen Verbotes den Schlüssel bei sich und ward — wirklich um seine ganze Habe bestohlen, während Lissauer am Sabbatausgange Alles unberührt wieder vorfand. Wie gegen Gott, war er auch äußerst ehrlich und aufrichtig gegen seine Mitmenschen. An ihm war auch noch kein Pünktchen Falschheit; derb und bieder, fand er Achtung bei Juden und Christen. Unglück ertrug er standhaft und ergeben; nachdem er 7 Kinder durch den Tod verloren, suchte er die ihm noch gebliebenen 4 in strenger Gottesfurcht zu erziehen; man sah ihn selten bei einergottesdienstlichen Handlung, ohne daß sein Söhnchen dabei gewesen wäre. Dieses hatte er auch mit sich genommen, als er am "nso oi1 my mit 4 Brüdern nach beendigtem Morgengebete, wobei er noch als Vorbeter fungirt hatte, auf rr:N 13p nach Moisling ging. Als einer der Brüder bemerkte, es wäre besser, den ca. 1 Stunde betragenden Weg zu Wagen zurücklegen, erwiderte er: „was würde unser Vater sagen, wenn seine Söhne vornehm per Droschke angefahren kämen". Gegen Mittag traten die fünf Männer den Rückweg an, mußten aber oft anhalten, da Isaak, der durch Schofarblasen in der Synagoge und bei vielen auch an das Zimmer gefesselten Alten und Kranken durch Vorbeten und Fasten, durch Vorbereitung auf 3"' und sogar schon auf noiD sehr angegriffen und ganz heiser war, nicht so rasch gehen konnte. Schon waren sie in die Nähe der Stadt gekommen, als das Knäbchen, das vorausgeeilt und über den Chausseegraben gesprungen war, um sich einige Wurzeln aus einem Garten zu nehmen, von dem dazukommenden Gärtner geschlagen wurde. Die Männer stellten darüber den Gärtner zur Rede, es kam zu einem Wortwechsel, bei welchem der Gärtner den über die ihm ungerecht scheinende Mißhandlung seines Söhnchens aufgebrachten Lissauer mit den Armen abwehrend zurückstieß. In diesem Augenblicke stürzte Lissauer nieder und war sofort tobt, und die Bemühungen dreier eilends herbeigerufener Aerzte blieben erfolglos. Die Kunde von dem Porgefallenen verbreitete sich rasch, und welche Bestürzung in der Gemeinde herrschte, läßt sich leicht denken. Es war zu viel ans einmal für die in Leid und Freud eng verkettete Gemeinde: Jsaac Lissauer tobt, am -mbo ov 3->y Nachmittag, und seine Leiche sollte, weil ungewiß, ob er in Folge des Schlages oder Schlagflusses gestorben war, secirt werden. Lissauer, der stets unermüdlich für die würdevolle Bestattung Verstorbener thätig gewesen, er sollte im Tode verstümmelt werden! Voraus von der Erfolglosigkeit ihrer Schritte überzeugt, bemühten sich der Rabbiner und der Geineindevorstand trotzdem bei den Polizeiherren, dem Staatsanwalte und dem Untersuchungsrichter, um die Section der Leiche zu Hintertreiben. Man hielt ihnen entgegen, daß bei aller Rücksichtsnahme auf das jüdische Religionsgesetz im vorliegenden Falle die Staatsgesetze die Oeffuung der Leiche erheischte». Nur einen jüdischen Wächter bei der Leiche zu belassen, wurde ihnen gestattet. In der gedrücktesten Stimmung versammelte sich die Gemeinde zum Kol - Nidrc Gebet, die Brüder und besonders die Frau des Verblichenen aber befanden sich in einem Schmerzenszustande, der zu beschreiben unmöglich ist. Da erklärte zum Glücke am 2 "3" '-Morgen der Physikus, nachdem der Thatbestand genau festgestellt war und die Leiche keinerlei Spur einer äußeren Verletzung zeigte, den Tod als Folge eines Schlagflusses, die Leiche ward unberührt den Verwandten ausgeliesert und am Sonntag Morgen unter großer Betheiligung des Publikums zur Erde bestattet. Am Grabe hielt der Rabbiner eine Rede, wobei er betonte, daß, da die Zeit iBD,n zu halten verbiete, er sich darauf beschränken müsse, die aus diesem traurigen Ereignisse sich darbietende Lehre über des Menschenlebens Vergänglichkeit zu veranschaulichen, worauf er zur n3ivri aufforderte. Mögen des Verblichenen Geist und Gesinnung sich